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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

EU-Plattform für Biotech-Börsengänge benötigt

Pieter van der Meer, Gilde Healthcare
Pieter van der Meer, Gilde Healthcare Foto: Gilde Healthcare

Neben der Informationstechnologie ist die Biotechnologie eine der Schlüsseltechnologien unserer Zeit, beides wird in der Corona-Krise und in den Anstrengungen, ihrer Herr zu werden, überdeutlich. Zum Erfolg werden sowohl humanes wie finanzielles Kapital gebraucht, argumentiert Pieter van der Meer von Gilde Healthcare im Standpunkt.

von Pieter van der Meer

veröffentlicht am 30.06.2021

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Der Stellenwert der Biotechnologie als Innovationsmotor in der Medizin ist unbestritten. Knapp zwei Drittel der neu zugelassenen Medikamente basieren auf Forschungsergebnissen, Erkenntnissen und Innovationen der interdisziplinären Wissenschaft. Durch die Corona-Krise wurden nun die Leistungsfähigkeit und die Bedeutung der Biotechnologie stärker ins öffentliche Licht gerückt. In beeindruckender Geschwindigkeit wurden Impfstoffe mit zuverlässiger Wirkung gegen Covid-19 auf den Markt gebracht. Viele Unternehmen arbeiten derzeit mit Hochdruck an Therapeutika, welche die Behandlungsoptionen für schwere Verläufe deutlich verbessern werden. Auf den Schultern der Branche ruhen weltweit die Hoffnungen, möglichst bald wieder zu einem normalisierten Leben zurückkehren zu können. 

Etablierte Strukturen müssen hinterfragt werden 

Die Corona-Krise hat in vielen Bereichen des Gesundheitswesens ein Umdenken ausgelöst. Entwicklungen der letzten Jahre, wie die Verlagerung großer Teile der Pharma-Produktion ins nicht-europäische Ausland, werden in Frage gestellt. Zu sensibel erscheint heute der gesicherte Zugang zu Medikamenten, als dass man sich allein von Importen aus Asien oder den Vereinigten Staaten abhängig machen möchte. Aber abgesehen von der Versorgungssicherheit spielen auch wirtschaftliche Aspekte eine wichtige Rolle. Deshalb gehören auch diesbezüglich Entwicklungen der letzten Jahre auf den Prüfstand gestellt. 

Neben der Informationstechnologie ist die Biotechnologie eine der Schlüsseltechnologien unserer Zeit, beides wird in dieser Krise und in den Anstrengungen, ihrer Herr zu werden, überdeutlich. Und interessanterweise haben viele erfolgreiche IT-Unternehmer wie Dietmar Hopp oder Bill Gates, Gründer von SAP beziehungsweise Microsoft, früh in den Sektor investiert. Unternehmen wie die Mainzer BioNTech belegen dabei die Leistungsfähigkeit der Europäer auf diesem Gebiet.  

Dennoch muss man auch in der modernen Biotechnologie konstatieren: Seit ihrem Aufkommen in den frühen 1990er Jahren ist Europa hinter dem bemerkenswerten wirtschaftlichen Wachstum des Sektors in den USA zurückgeblieben, obwohl das Niveau der wissenschaftlichen Innovation in Europa ähnlich hoch ist – was auch dadurch belegt wird, dass immer mehr US-Funds bereit sind, hier zu investieren. Droht unserem Kontinent, einmal mehr den Anschluss zu verlieren, und werden nur wenige europäische Unternehmen in der ersten Reihe übrigbleiben, wie in der IT? Woran liegt es, dass Know-how und Wertschöpfungspotenzial im Pharmabereich verstärkt in die USA abwandern? 

Biotechs brauchen humanes und finanzielles Kapital 

Die Gründe sind vielfältig und bei diversen Aspekten spielt die politische und kulturelle Fragmentierung Europas eine entscheidende Rolle. Das beginnt bei der Ausbildungs- und Forschungslandschaft und reicht bis zum Kapitalmarkt. So verfügen die USA nicht nur über eine stärkere Fokussierung auf Spitzen-Cluster, sondern mit der US-Technologiebörse Nasdaq über eine Finanzierungsplattform mit weltweiter Sogwirkung für Biotech-Unternehmen, der Europa nichts entgegenzusetzen hat. 

Die in den letzten beiden Jahren erfolgten Nasdaq-IPOs der deutschen Firmen BioNTech und Curevac haben aufgrund ihrer Erfolge im Kampf gegen Covid-19 auch diesem Aspekt größere Aufmerksamkeit beschert.  

Auch vier Beteiligungen von Gilde, als einem der größten privaten Investoren im europäischen Healthcare-Sektor, haben in den letzten beiden Jahren die US-Technologiebörse für ihr Börsendebüt ausgewählt: ProQr, UniQure, Ascendis Pharma und zuletzt im März 2021 LAVA Therapeutics, Entwickler einer Plattform-Technologie für die Immunonkologie. Dafür wurde durchaus ein hoher Aufwand in Kauf genommen: Die Unternehmen müssen ihre Rechnungslegung auf US-Standards umstellen und es muss ein aufwendiger Börsenprospekt zur Registrierung bei der US-Börsenaufsicht „SEC“ erstellt werden. Sowohl in der Vorbereitung als auch nach erfolgter Notierungsaufnahme fallen erhebliche zusätzliche Kosten für Rechtsberater und Wirtschaftsprüfer an. Darüber hinaus ist das Öffnen eines zusätzlichen Standorts in den USA und das Ergänzen des Managements durch US-Amerikaner durchaus opportun, da für viele US-Investoren ein wichtiges Anlagekriterium. 

Schlüsselfaktor für den Biotech-Standort Europa 

Warum nehmen europäische Biotechs und ihre Venture-Investoren diesen erhöhten Aufwand auf sich? Weil die Möglichkeiten, Investoren zu gewinnen und große Kapitalbeträge aufzunehmen, um ein Vielfaches besser sind als an europäischen Börsen. Ursache hierfür ist die hohe Konzentration von Biotech-Unternehmen an der Nasdaq – und nicht nur dort. In den USA haben sich etwa zehn bedeutende Cluster von Kliniken, Forschungseinrichtungen und Biopharma-Unternehmen gebildet. Unter ihnen ragt die Region Boston/Cambridge als Standort von über 1000 Unternehmen heraus. Hier hat sich ein Ökosystem etabliert, das neben Forschern und Entrepreneuren auch eine große Zahl gut ausgebildeter Analysten und risikobereiter Investoren umfasst. 

Trotz der Fragmentierung auf allen Ebenen ist das Biotech-Ökosystem in Europa ebenso in der Lage, Höchstleistungen hervorzubringen. Zu einem umfassenden Ökosystem gehört aber eben auch eine funktionierende Plattform für Biotech-Aktien, über die große Finanzierungsrunden oder Exits möglich sind. Es ist nicht nur für den Kapitalmarkt wichtig, dass in Europa mehr Biotech-Börsengänge stattfinden. Die Strahlkraft erfolgreicher Börsen-Stories verbessert die Finanzierungsvoraussetzungen bis hinunter zur Gründungsphase. Und sie dienen Wissenschaftlern als Anreiz, ihr Fachwissen unternehmerisch zu verwerten.  

Eine paneuropäische Börse für Hightech-Unternehmen, die auch Großbritannien und die Schweiz als wichtige Pharma- und Biotech-Standorte einschließt, würde die Sichtbarkeit und Entwicklung international wettbewerbsfähiger Unternehmen begünstigen – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass in Europa nicht nur Local Heroes, sondern auch Global Player entstehen. Mit ihr würden wichtige Pfeiler für die dynamische Weiterentwicklung einer Schlüsselindustrie eingeschlagen, Standorte in ganz Europa gesichert und zukunftsfähige Arbeitsplätze geschaffen. Politik und Börsenbetreiber sind dringend gefordert, eine entsprechende Lösung zu entwickeln. 

Pieter van der Meer ist Managing Partner von Gilde Healthcare, einem spezialisierten Investor, der sich über Venture Capital- und Private Equity-Fonds an europäischen Unternehmen in den Bereichen Medizintechnik, digitale Gesundheitslösungen und Therapeutika beteiligt.

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