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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Europäische Gesundheit braucht europäische Lösungen

Eckhardt Weber, Geschäftsführer von VC Heal Capital
Eckhardt Weber, Geschäftsführer von VC Heal Capital Foto: VC Heal Capital

Patient:innen müssen offener für neue Technologien sein, sagt Eckhardt Weber, Geschäftsführer von VC Heal Capital. Denn um amerikanischen oder chinesischen Tech-Giganten im Gesundheitsmarkt mit europäischen Lösungen die Stirn bieten zu können, müssen die Lösungen akzeptiert werden und die Politik Bürokratie abbauen.

von Eckhardt Weber

veröffentlicht am 15.09.2022

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Die Digitalisierung des Gesundheitssystems ist seit Jahren immer wieder Gegenstand kontroverser politischer und gesellschaftlicher Debatten. Trotz vieler Diskussionen und Vorhaben kommt die Umsetzung hierzulande nur schleppend voran. So sollte zuletzt das E-Rezept deutschlandweit zum 1. Januar 2022 eingeführt werden – geklappt hat das nicht. Die Konsequenzen der nicht ausreichenden nationalen Bemühungen machen sich dabei insbesondere im internationalen Kontext zunehmend bemerkbar.

Der Gesundheitsmarkt wächst stetig und schafft großes Potenzial, an dem alle teilhaben wollen. Doch während Deutschland noch mit den Basics wie der elektronischen Patientenakte oder eben dem E-Rezept kämpft, sind andere Länder bei der Digitalisierung ihrer Gesundheitssysteme schon bedeutend weiter. Insbesondere die Tech-Giganten aus den USA schreiten mit großen Schritten voran. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Amazon den US-Konzern One Medical aus San Francisco für 3,9 Milliarden US-Dollar übernimmt.

Damit wagt Amazon den drittgrößten Zukauf seiner Geschichte. One Medical entwickelt hybride private Gesundheitsdienstleistungen. Zum einen bieten sie Online-Services (z.B. Video-Sprechstunden), aber sie betreiben auch 182 Arztpraxen. Ihr Ziel ist dabei, vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich die teuren privaten Gesundheitsleistungen in den USA leisten zu können. Durch die Fusion dringt Amazon immer weiter in den milliardenschweren Gesundheitsmarkt vor.

Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen wird es in absehbarer Zeit überall digitale Lösungen für die Gesundheitsversorgung geben. Die Frage ist nur, von wem diese Lösungen kommen und wer sie kontrolliert. Gegenwärtig macht es den Anschein, als seien US-amerikanische Unternehmen wie Google, Amazon und Co. hier im Vorteil. Europa muss nachziehen, um nicht früher oder später abgehängt zu werden.

Europäische Gesundheit braucht europäische Lösungen

Die Nachfrage nach smarten Lösungen für gesundheitliche Belange ist auch in Europa groß und durch den Fortschritt in den anderen Ländern wird sie nur noch mehr steigen. Die Lösungen werden also definitiv auch hierzulande kommen. Damit die europäische Gesundheit allerdings unabhängig bleibt, müssen die geforderten Lösungen auch aus Europa kommen. Sonst geraten wir in eine Abhängigkeit von den großen ausländischen Tech-Unternehmen. Um das zu verhindern, gibt es schon gute Ansätze. Das zeigen europäische Health Techs wie Doctolib, Kry oder das Münchener Unternehmen Avi Medical.

Zum einen benötigen wir Lösungen, die aktuelle Strukturen unseres Gesundheitssystems digitalisieren und vereinfachen. Stichwort E-Rezept und elektronische Patientenakte, aber auch Plattformen, die z.B. Video-Sprechstunden anbieten. Zum anderen muss ein weiterer Hauptfokus die Gesundheitsprävention sein. Denn durch eine frühzeitige Erkennung und Versorgung können die größten gesundheitlichen Probleme meistens vermieden werden. Hier wird mit Virtual Care, DiGA und ähnlichen Anwendungen schon ein Grundstein gelegt.

Deutschland muss sein Potenzial nutzen

Die Nachfrage der Patient:innen ist da. Die Ideen sind da. Und die Lösungsansätze sind auch da. Trotzdem steht Deutschland noch immer am Anfang und bewegt sich unfassbar langsam. Das liegt daran, dass hierzulande zu neuen Strukturen oft nein gesagt wird und bürokratische Hürden hoch sind. Das blockiert jeglichen Fortschritt. Ebenso scheint bei vielen Menschen die Dringlichkeit zum Handeln noch nicht angekommen zu sein, da ja alles irgendwie funktioniert. Der Anreiz für Veränderungen ist also noch nicht groß genug und das, obwohl angemerkt werden muss, dass sich bundespolitisch in den letzten Jahren einiges getan hat. So schafft etwa der Kurs von Karl Lauterbach erste positive Anzeichen. Zudem ist auch das Gründer:innen-Potenzial in Deutschland grundsätzlich vielversprechend.

Was jedoch an einigen Stellen fehlt (gerade im Vergleich zu US-amerikanischen Unternehmer:innen) ist ein letzter Funken Risikofreude. Manchmal kann sich das Prinzip Trial and Error durchaus als erfolgversprechend erweisen und große Lösungen hervorbringen. Jemand muss es aber wagen und auch die Kapazitäten dafür haben. Das sind aktuell vor allem ausländische Tech-Giganten. Um diesen nun zuvorzukommen, muss in Deutschland jetzt erstmal die Infrastruktur geschaffen werden. Punktuelle Maßnahmen reichen hier nicht aus – E-Rezept, ePA und Interoperabilität müssen der Standard sein. Dafür brauchen wir Ja-Sager, dafür brauchen wir Mut und ein klares Zielbild.

Europäische Gesundheit braucht europäische Investor:innen

Damit es europäische Health Tech Start-ups, die von Grund auf gute Chancen haben und Potenzial mitbringen, in den Markt schaffen, bedarf es zwangsläufig guter Unternehmer:innen und Kapitalgeber:innen. Um auch hier eine Abhängigkeit von ausländischem Geld zu verhindern, müssen mehr europäische Investor:innen in europäische Health Tech Start-ups investieren.

Denn immer mehr Investitionen kommen aus dem nicht-europäischen Ausland: Von allen Fundings in europäische HealthTech Start-ups kamen 2021 im ersten Halbjahr 39 Prozent von US-amerikanischen oder asiatischen Unternehmen. Diese Zahl steigt seit Jahren. Die Europäer:innen zögern, da sie sich kulturell schwerer tun mit Venture Capital. Man hat am Anfang einfach auch mehr Verluste, um dann irgendwann die großen Gewinne zu haben. Von Seiten der europäischen Investor:innen gilt es also Mut zu fassen und dann die nötigen Mittel bereitzustellen, um Europa in Zukunft wettbewerbsfähig zu machen und das Gesundheitssystem nicht vollends den Big Playern aus den USA und Asien zu überlassen.

Fazit: Braucht europäische Lösungen

Es ist nur noch die Frage wann, und nicht ob die Gesundheits-Lösungen der ausländischen Tech-Giganten auch zu uns nach Europa kommen. Um nicht in ihre Abhängigkeit zu geraten, brauchen wir eigene, europäische Anwendungen. Damit diese auch akzeptiert werden, müssen Patient:innen offener für neue Technologien sein und die Scheu vor Veränderung verlieren. Die Politik darf den Fortschritt nicht durch ausartende Bürokratie behindern und muss die Digitalisierung unseres Gesundheitssystem noch aktiver vorantreiben. Gründer:innen müssen risikobereiter werden und gleichzeitig müssen europäische Investor:innen anfangen, vermehrt in Health Tech Start-ups zu investieren.

Durch ein Zusammenspiel dieser Faktoren kann ein patientenorientiertes, digitales Gesundheitssystem aufgebaut werden, das in europäischen Händen liegt.

Eckhardt Weber ist Geschäftsführer und Managing Partner beim VC Heal Capital, das 100 Millionen Euro in HealthTechs investiert. Sein Ziel ist es, die Digitalisierung des europäischen Gesundheitssystems voranzutreiben. Zuvor gründete er 2017 die Digital Health-Plattform Heartbeat Labs, bei der er die Bereiche Business Development, Investments und Investor Relations als Geschäftsführer verantwortete und operativ beim Aufbau von Unternehmen beteiligt war.

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