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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Folgen des Impfpflicht-Aus für Schulen und Kultur

Heinz-Jörn Moriske ist Direktor und Professor am Umweltbundesamt
Heinz-Jörn Moriske ist Direktor und Professor am Umweltbundesamt Foto: UBA

Die allgemeine Impfpflicht in Deutschland ist gescheitert. Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt analysiert in seinem Standpunkt die Folgen für Schulen, Kitas und Kultureinrichtungen und erklärt, warum die Situation ganz anders sein wird als in den vorherigen Pandemie-Wintern.

von Heinz-Jörn Moriske

veröffentlicht am 13.04.2022

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Die nationale Impflicht ist (vorerst) gescheitert. Bereits kurz danach begann die politische und wissenschaftliche Folgenabschätzung für den kommenden Herbst und Winter, falls – wie einige Expertinnen und Experten erwarten – die Coronafallzahlen dann wieder in die Höhe schießen und eventuell erneut weitergehende Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ergriffen werden sollen oder müssen.

Aber müssen Sie es wirklich? Und um welche Maßnahmen geht es dabei in Kitas, Schulen oder auch in Kultureinrichtungen wie Kinos oder Theatern? Stehen wir im Herbst wirklich erneut vor derselben Situation wie im vergangenen Herbst und Winter? Um es gleich vorwegzunehmen. Nein! Die Situationen im letzten Winter und im kommenden Herbst und Winter sind nicht vergleichbar und bei sachgerechtem Vorgehen auch besser in den Griff zu bekommen.

Wie ist die Situation an Schulen?

In Schuleinrichtungen wurden besonders im vergangenen Jahr zahlreiche Schutzmaßnahmen ergriffen und umgesetzt, die nicht nur dazu dienten, die Coronainfektionen im letzten Herbst und Winter zu senken, sondern auch präventiv für eventuelle weitere SARS-CoV-2-Wellen im kommenden Herbst und Winter gerüstet zu sein. Das Stichwort heißt hier seit dem letzten Winter „Bündelungsstrategie“ verschiedener Schutzmaßnahmen, weil eine Maßnahme allein bei hochansteckenden Virusvarianten wie der Omikronvariante und ihrer Subvarianten, die derzeit weiterhin dominieren, in der Regel nicht mehr ausreichend waren und sind. Und ob die Mehrzahl der Erwachsenen und Jugendlichen ab zwölf Jahren bis zum Herbst vollständig geimpft sind, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Höhere Impfquoten helfen, dass Heranwachsende, vor allem aber Lehrerinnen und Lehrer nicht in dem Umfang und nicht in dem eventuell schweren Ausmaß erkranken können als ohne Impfung – das Ausbreiten der Viren in der Innenraumluft im Unterricht wird dadurch jedoch nicht unterbunden.

Das konsequente Einhalten der weiteren Schutzmaßnahmen (immer vorausgesetzt die Fallzahlen steigen wieder deutlich ab Herbst) ist jedoch entscheidend. Der Verbund verschiedener Maßnahmen ist an Schulen allen voran das Tragen wirksamer Schutzmasken (mindestens medizinischer Standard, besser FFP2-Standard), umfangreiche Tests und flankierende Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen lufthygienischen Situation durch strenge Lüftungsregimes, Einbau einfacher Lüftungssysteme oder ergänzend, dort wo es angebracht ist, auch der Einsatz mobiler Luftreiniger.

Apropos Luftreiniger: Der bis zuletzt im vergangenen Jahr von einigen politisch Verantwortlichen oder auch einigen betroffenen Eltern und Schülervertretungen gern geforderte flächendeckende Einsatz mobiler Luftreiniger in Klassenräumen bietet keinen zusätzlichen Schutz – im Gegenteil: falsch aufgestellt und mit zu geringem Luftdurchsatz betrieben (wegen sonst zu hoher Lautstärken in der Praxis leider gar nicht so selten) bewirken diese Zusatzgeräte nur einen minimalen positiven Effekt. Zudem wird bei ihrem Einsatz gern vergessen, dass man trotzdem (auch im Winter!) regelmäßig lüften muss. Gerade an Schulen ist das Lüften auch ohne Pandemie zum Aufrechterhalten einer guten Innenraumluftqualität essentiell. Dort und nur dort, wo nicht ausreichend gelüftet werden kann, können mobile Luftreiniger als „Add On“ sinnvoll sein und helfen die Virenlast in der Luft vorübergehend zu reduzieren.

Im Moment werden auch an Schulen viele Schutzmaßnahmen zurückgefahren. Die ist aus Sicht des Autors auch vertretbar. Bei stark steigenden Fallzahlen müssen die oben angeführten Maßnahmen aber in Teilen oder ganz wieder „hochgefahren“ werden. Die Vorbereitung dazu sollte schon mit Auslaufen des letzten Jahres gelegt sein, wenn nicht, spätestens in diesem Sommer umgesetzt sein. Die Notwendigkeit, weiterhin regelmäßig im Unterricht zu lüften gilt auch wenn alle anderen Maßnahmen zurückgenommen wurden; sie gilt im Übrigen auch ohne Pandemie!

Wie ist die Situation in Kitas?

In Kitas ist die Situation aufgrund der regelmäßigen Bewegungen der Kinder im Raum, des Spielens und des Umhertobens nicht so einfach in den Griff zu bekommen wie an Schulen. Auch in Kitas ist der regelmäßige Luftaustausch das A und O. Zugangstests in Zeiten höherer Inzidenzzahlen machen hier weiterhin Sinn. Auch das vorübergehende räumliche Trennen einzelner Spielgruppen kann helfen. Lufthygienisch kann man ebenfalls mit unterstützendem Einbau einfacher Lüftungssysteme helfen, den raschen Abtransport verbrauchter Luft aus der Kita zu beschleunigen. Mobile Luftreiniger machen nur Sinn, wenn sich die Kinder alle in demselben Raum aufhalten. Bei kleineren Spiel- und Lerngruppen kann man aber kaum schon aus energetischen und Kostengründen jeden Einzelraum separat damit ausstatten. Hier gilt es, im Einzelfall nach Rücksprache mit den Hygienefachkräften vor Ort die für die jeweilige Kita sinnvollen lufthygienischen und organisatorischen Schutzmaßnahmen zu treffen.

Wie verhält es sich in Kinos und Theatern?

In Zusammenarbeit mit der Bundesbeauftragen für Kultur und Medien (BKM), umfangreicher wissenschaftlich begleitender Expertise sowie mit Betreibern von Kultureinrichtungen steht seit Kurzem ein umfassender lufthygienischer Maßnahmenkatalog zur Verfügung, um die Wirksamkeit von lüftungstechnischer Systeme in bestehenden Einrichtungen auf ihre „Pandemiesicherheit“ und im Verbund mit weiteren Maßnahmen wie Maske-Tragen, Abstandregelungen, Zugangsbeschränkungen im Ernstfall usw. zu bewerten und zu zertifizieren. 

Im Verlauf dieses Jahres sollen mit diesen erstmals bundesweit einheitlich vorhandenen Standards Kinos, Theater und in einer zweiten Tranche auch andere Kultureinrichtungen zertifiziert werden. Es ist geplant, ein für alle Besucher:innen kenntlich gemachtes Prüfsiegel über die Freigabe der jeweiligen Einrichtungen in Umlauf zu bringen. Die Maßnahmen sollen helfen, auch dann, wenn die Fallzahl im Herbst wieder ansteigen sollte, dass man nicht mehr pauschal alle Kulturstätten schließen muss. Im Gegenteil. Bei präventiver Beachtung und konsequenter Umsetzung der in den Hygieneschutzkonzepten verankerten Maßnahmen wird es möglich sein, den Betrieb in vielen Kinos und Theatern auch im kommenden Herbst und Winter selbst bei steigenden Coronafallzahlen weiter zu ermöglichen. Auch hier ist die aktuelle Situation nicht mehr mit der noch im letzten Herbst und Winter vergleichbar.

Dr. Heinz-Jörn Moriske ist Direktor und Professor am Umweltbundesamt, war langjähriger Geschäftsführer der Innenraumlufthygiene-Kommission und berät verschiedene Bundesministerien sowie die Kultusministerkonferenz zu lufthygienischen Fragen während der Pandemie. 

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