Standpunkt Generika-Fehler nicht wiederholen!

Ab Sommer 2022 sollen Biosimilars wie Generika behandelt werden. Die Folgen für die Versorgungssicherheit könnten erheblich sein, fürchtet Peter Stenico, Vorsitzender der AG Pro Biosimilars.

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Der Preisdruck auf Generika gefährdet seit Jahren die Stabilität unserer Arzneimittelversorgung. Die Zahl der Lieferengpässe steigt und die weltweite Covid-Krise hat uns gezeigt: Aufgrund des massiven Kostendrucks werden wichtige Arzneimittel in Asien produziert. Europas Abhängigkeit steigt – und das nicht zuletzt wegen der frappierenden Marktverengung auf einige wenige Hersteller. 

Die Politik hat das Problem erkannt. Sie diskutiert Maßnahmen, die die Entwicklung zurückdrehen und Versorgungssicherheit wiederherstellen sollen. Und sieht dabei nicht, dass sie an anderer Stelle – nämlich bei der hochsensiblen Gruppe der Biologika – ein Rad ins Rollen gebracht hat, das zu ähnlichen Problemen führen kann. 

GSAV macht Exklusiv-Rabattverträge bei Biologika möglich

Ab Sommer 2022 sollen Biosimilars nach demselben Muster ausgetauscht werden wie Generika. So sieht es das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) vor. Biosimilars sind Nachahmerprodukte von biologischen Arzneimitteln, die gentechnisch hergestellt werden. Bislang regelt der Arzt, ob ein Patient ein Originalprodukt oder ein Biosimilar bekommt und von welchem Hersteller das genau sein soll. Ab dem kommenden Jahr wird der Vertrag zwischen Hersteller und Krankenkasse den Ausschlag geben. 

Dann werden die Kassen –  wie bei Generika auch – exklusive Rabattverträge mit einzelnen Herstellern abschließen können. Das ist für sie auf den ersten Blick billiger, denn sie wählen vor allem nach dem günstigsten Preis. Zugleich aber ist es riskant: Denn wenn nur ein einziger Hersteller die Versorgung sichert, wird die Liefersicherheit fragil. Und das wird in einem Markt, in dem es ohnehin weniger Hersteller gibt und in dem die Lieferketten komplexer und länger als bei Generika sind, massive Folgen haben.

Kostendruck gefährdet positive Effekte für das Gesundheitssystem

Was sich der Staat von dem Schritt verspricht, ist nachvollziehbar: Er will noch höhere Einsparungen! Das Problem aber ist: Biosimilars sind keine Generika. Sie sind hochkomplexe Moleküle, die in einem langwierigen und kostspieligen Prozess hergestellt werden und einer meist schwer erkrankten Patientengruppe etwa bei Rheuma, Krebs oder chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten ein einigermaßen gesundes Leben ermöglichen. Wer durch die Substitution auf Apothekenebene den Kostendruck erhöht, tut dies in einem sensiblen Markt, in dem Unternehmen ein stabiles Umfeld für hohe Investitionen brauchen. Und wer exklusive Rabattverträge ermöglicht, tut das ganz ohne Not. Denn das System, das hier durcheinander gebracht zu werden droht, funktioniert bereits sehr gut. Es bringt für Gesundheitssystem und Patienten extrem großen Nutzen!

Mehr Versorgung zu weniger Kosten 

Schon jetzt sorgen Biosimilars für massive Einsparungen und eine spürbare Entlastung des Gesundheitssystems. In einer Studie, die wir in Kürze veröffentlichen, zeigen wir auf, dass 2020 durch nur zwei biosimilare Wirkstoffe rund 500 Millionen Euro eingespart wurden. 

Davon profitieren vor allem die Patienten. Haben die Ärzte etwa bei Rheuma früher – vermutlich wegen der hohen Kosten – eher zurückhaltend Biologika verschrieben, tun sie es nun deutlich früher.  Rheumapatienten in Bayern etwa wurden bis zur Einführung des ersten Biosimilars mehr als sieben Jahre mit einer chemischen Basistherapie behandelt, bis sie ein Biologikum bekamen. Heute warten sie bloß noch rund vier Monate, bevor sie mit dem Biologikum starten. Und das bei sinkenden Kosten. In unser Studie zeigen wir, dass bei den Biosimilars die Quadratur des Kreises gelingt: 2020 wurden mehr Patienten versorgt – und die Kosten für die GKV sanken trotzdem.

Auch sehen wir bei Biosimilars ein hohes Maß an Versorgungssicherheit, der starke Produktionsstandort Europa trägt mit zur Stabilität der Versorgung bei. 

Ärzte lehnen neue Austauschregeln ab

Wenn die Politik die Lehren der Generika ernst nimmt, überdenkt sie die Biosimilar-Austauschregeln nochmal. Das wünschen sich auch die Ärzte. Erst Ende Januar 2021 hat die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) in einem überarbeiteten Leitfaden zu Biosimilars ihre Bedenken artikuliert: Bei biologischen Arzneimitteln komme es auf die ärztliche Beratung an. Sie sei für das Vertrauen der Patienten und damit den Erfolg dieser schwerwiegenden Therapien unerlässlich. 

In ihrem Leitfaden geht es der AkdÄ vor allem um eins: Aufklärung. Denn diese schafft Vertrauen. Und genau das ist der Weg, der zum erhöhten Einsatz von Biosimilars und damit zu Einsparungen führt. Die weltweite Gesundheitskrise hat uns gezeigt, wohin der massive Preisdruck führen kann. Bei Biosimilars müssen wir andere Wege gehen. Wege, die nicht nur kurzfristige Ziele verfolgen, sondern auch die langfristigen Folgen im Blick behalten. 

Als Vorsitzender der AG Pro Biosimilars vertritt Peter Stenico hierzulande die Interessen der Hersteller solcher Nachahmerprodukte. Stenico leitet das Deutschlandgeschäft von Sandoz und ist Vorstandssprecher bei Hexal. 

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