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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Gesundheitsplattformen: Das neue Paradigma

Thomas Hagemeijer ist Teil der Digitalberatung TLGG
Thomas Hagemeijer ist Teil der Digitalberatung TLGG Foto: privat

Digitale Gesundheitsplattformen (DHPs) werden Pflege und Versorgung im europäischen Gesundheitssystem nachhaltig verändern. Die Entscheidungsträger stehen vor der Wahl, ob sie an der Lösung mitarbeiten oder das Feld Unternehmen wie Amazon überlassen wollen.

von Thomas Hagemeijer

veröffentlicht am 13.09.2022

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Die Übernahme des US-Gesundheitsanbieters One Medical durch den Online-Riesen Amazon hat Beobachter:innen auch hierzulande aufhorchen lassen. Mit dem Kauf, der Amazon fast vier Milliarden US-Dollar kostet, übernimmt der Konzern aus Seattle nicht nur einen Anbieter von Telemedizin, sondern auch 180 Arztpraxen im ganzen Land. Amazon schickt sich damit an, Online- und Offline-Welt zu verknüpfen – und seine Erfahrungen als Plattformspezialist auf den Gesundheitsbereich auszuweiten.

Noch beschränken sich die Bemühungen auf den US-Markt, aber der Schritt nach Europa ist nur eine Frage der Zeit. Die Digitalisierung verändert auch hierzulande die Versorgung und Pendants zu One Medical, die Amazon den Weg ebnen könnten, gibt es bereits: Avi-Medical etwa ist derzeit dabei, eine Kette von „digital first“-Gesundheitspraxen aufzubauen. Noch haben die Verantwortlichen in Deutschland und Europa die Chance, das System mitzugestalten. Privatanbieter und Politik können und sollten gemeinsame Lösungen für die Herausforderungen entwickeln, vor denen das System steht. Verpassen sie den Moment, wird es der Konzern aus Seattle sein, der Alternativen zum Status Quo entwickelt.

Probleme häufen sich

Probleme gibt es genug. Ein Mix aus steigenden Kosten für die Versicherten, überarbeitetem Personal sowie wachsender Frustration der Patient:innen zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft des deutschen Gesundheitssystems. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds werden die Kosten in den kommenden Jahren zwischen 2,5- und 3,5-mal so schnell steigen wie das Bruttoinlandsprodukt. Schon 2019 gaben 44 Prozent der deutschen Mediziner:innen in einer Umfrage der Branchen-Webseite Medscape an, unter einem Burnout oder einer Depression zu leiden – angesichts der Pandemie dürften sich diese Zahlen noch einmal verschärft haben.

Ein maßgeblicher Punkt für die schlechte Bilanz: Das System kann mit den Standards der digitalen Welt nicht mithalten, an die sich die Menschen in anderen Bereichen längst gewöhnt haben. Veraltete Strukturen, ein starrer Glaube an bestehende Behandlungswege und fehlende Offenheit für gemeinsame Lösungen – aktuell ist nicht einmal der Behandlungsweg von Patient:innen innerhalb desselben Krankenhauses interoperabel, weshalb Informationen von einem Arzt zum anderen verloren gehen.

Digitale Gesundheitsplattformen sind die Antwort

Digitale Plattformen können Abhilfe schaffen. Der Einzelhandel oder die Tourismusbranche haben die Entwicklung längst hinter sich, aber auch stark regulierte Industrien wie die Finanz- oder Autoindustrie werden zunehmend auf Plattformen organisiert, die Informationen zusammenführen, zentrale Anlaufstellen für Nutzer:innen bieten und ein Ökosystem aus Leistungen bauen. Zwar ist der Weg weit, aber der Umbruch bahnt sich auch im Gesundheitssektor an, nicht erst seit den Neuigkeiten zu Amazon: Schon 2025, so Schätzungen, könnten derartige Plattformen rund 30 Prozent des weltweiten Umsatzes der Gesundheitsbranche ausmachen.

Digitale Gesundheitsdienste gibt es längst auch in Deutschland – von der Online-Terminvereinbarung, über Diagnose-Anwendungen bis hin zur Überwachung von chronischen Erkrankungen. Neben der Techniker Krankenkasse und digitalen Scale-ups wie Doctolib haben auch Technologiekonzerne wie Microsoft und Einzelhändler wie Douglas das Geschäftspotenzial digitaler Gesundheitsfürsorge erkannt. Es entstehen Cloud-Computing-Technologien, die in Krankenhäusern eingesetzt werden, KI-Unternehmen nehmen Ärzt:innen den Verwaltungsaufwand ab, Sprechstunden finden per App statt. Selbst die sonst so verschlossene Pharma-Branche experimentiert mit eigenen Angeboten, etwa der Fern-Betreuung von Krebspatient:innen oder der Diagnose von Atemwegserkrankungen.

Doch bislang führt das digitale Angebot vor allem zu einer weiteren Fragmentierung der Versorgung, die es Patient:innen und Mediziner:innen schwer macht, den Überblick zu behalten. Genau hier können digitale Plattformen ansetzen und digitale Pflegepfade und datengesteuerte Prävention kombinieren. Die Verknüpfung unterschiedlicher Dienste auf einer Plattform schafft Netzwerkeffekte und ermöglicht eine nahtlose und integrierte Versorgung. Die Kosten sinken, indem die Früherkennung von Krankheiten verbessert wird, Informationen über Dienstleister:innen hinweg geteilt und Diagnosen und Therapien ins eigene Zuhause verlagert werden. Zusätzlich wird der Verwaltungsaufwand für Ärzt:innen und Krankenhäuser gesenkt – neben Überstunden einer der Hauptgründe für Burnout im Gesundheitssektor.

Bessere Rahmenbedingungen nötig

Neben den technischen Voraussetzungen – Stichwort Blockchain – braucht es für einen solchen Ansatz die nötigen strukturellen Rahmenbedingungen. Die erwähnten Besonderheiten des Gesundheitssektors haben Innovationen lange erschwert. Aber neue Gesetze zur Förderung digitaler Therapien, die Pandemie und ein Generationenwechsel in den Arztpraxen haben die Offenheit für Telehealth-Angebote bei Patient:innen und Ärzt:innen erhöht und einen Chancenraum eröffnet, der genutzt werden muss. Mit Modellen wie einer Kopfpauschale, die die Kassen pro Jahr für die Betreuung eines bestimmten Versicherten zahlen, könnten zusätzliche Anreize für Mediziner:innen geschaffen werden, sich proaktiv um die Menschen zu kümmern – anstatt zu warten, bis sie krank werden.

Es liegt also an jenen, die die Angebote schaffen, sich der Kooperation auf Plattformen zu öffnen. Statt mit neuen Entwicklungen die Komplexität weiter zu erhöhen, müssen digitale Lösungen genutzt werden, um das System effizienter zu machen. Es braucht Ökosysteme, auf denen unterschiedliche Anbieter miteinander arbeiten, anstatt gegeneinander. Die entstehen selbstverständlich nicht über Nacht. Ein Anfang wäre es, neue digitale Angebote von Anfang an interdisziplinär zu gestalten und mit einzelnen Pilotprojekten zu starten. Über Zeit können so mehr und mehr Angebote integriert und neue Dienstleister eingebunden werden.

Damit werden nicht nur Lösungen schnell in die Praxis eingebunden, sondern auch Use Cases geschaffen, die die Effizienz des Ansatzes belegen. Dass der Schritt zur Plattform kommen wird, ist vor diesem Hintergrund klar. Was es braucht, ist ein Anbieter, der zeigt, dass die Kosten sinken und die Versorgungsqualität steigt. Nehmen Mediziner:innen und Patient:innen ein solches Angebot an, bleibt den Entscheidungsträger:inen kaum eine Wahl, als mitzugehen. Die Frage ist, ob es ein Anbieter wie Amazon sein wird, der den Beweis liefert und die Rahmenbedingungen schafft – oder ob sich Europa und Deutschland zusammentun und die Angebote selbst schaffen.

Thomas Hagemeijer ist seit 2017 Teil der Digitalberatung TLGG und arbeitet als Practice Lead Health am Gesundheitssystem der Zukunft mit Fokus auf Deutschland und Europa. Zuvor hat Thomas Hagemeijer als Unternehmensberater bei A.T. Kearney Erfahrung mit Strategien und Geschäftsmodellen gesammelt. 

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