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Standpunkt

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Claus Michelsen ist Geschäftsführer Wirtschaftspolitik beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller
Claus Michelsen ist Geschäftsführer Wirtschaftspolitik beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller

Die Gender-Pay-Gap ist allgegenwärtig, dabei können wir uns dies gar nicht (mehr) leisten. Die pharmazeutische Industrie hat seit 2007 mit einer annähernden Halbierung des Lohnunterschieds auf nun zwölf Prozent eine jetzt deutlich ausgeglichenere Bezahlung erreicht. Doch das reicht nicht aus.

von Claus Michelsen

veröffentlicht am 07.10.2022

aktualisiert am 09.10.2022

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Zwischen Männern und Frauen klafft eine erhebliche Lohnlücke. Rund 15 Prozent geringer sind die durchschnittlichen Stundenverdienste von Frauen in Deutschland. Was ohnehin ungerecht ist, werden wir uns kaum noch länger leisten können. Denn das Land steht vor einer grundlegenden Veränderung. Gemeint ist nicht die Energiewende oder die Digitalisierung: Vor uns liegt ein Jahrzehnt massiver Verschiebungen in der Bevölkerungsstruktur. Die Generation der Baby-Boomer verlässt nach und nach den Arbeitsmarkt, deutlich weniger junge Menschen rücken nach.

Die Folgen rechnen Ökonom:innen seit Jahren vor: Das wirtschaftliche Wachstum wird in Deutschland stark nachlassen. Es sei denn, dass die Produktivität der verbleibenden Arbeitnehmer:innen erheblich steigt, mehr in Maschinen und Anlagen investiert wird oder zusätzliche Erwerbstätigenpotenziale gehoben werden. Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen geraten in noch größere Bedrängnis, denn Einnahmen fallen geringer aus während die Ausgaben steigen. Plastisch lässt sich dies am Beispiel der Gesundheitsausgaben darstellen: Die durchschnittlichen Aufwendungen für einen Achtzigjährigen sind ungefähr fünfmal höher als die für einen Zwanzigjährigen. Solange mehrere junge Menschen die Versorgung eines älteren finanzieren, lässt sich das komfortabel tragen. Verkehrt sich das Verhältnis von erwerbstätigen und verrenteten Menschen allerdings, dann steigt die Belastung der jungen Generation massiv. Genau dies geschieht bereits.

Umso erstaunlicher ist es, dass wir es uns nach wie vor leisten, gut ausgebildete junge Frauen vom Arbeitsleben fernzuhalten. Während deutschlandweit gut 79 Prozent aller erwerbsfähigen Männer aktiv am Berufsleben teilnehmen, sind es lediglich 72 Prozent aller Frauen. Wäre ein intensiveres Erwerbsleben von Frauen gewünscht, dann würden die finanziellen Anreize allerdings nicht so mau aussehen: Das eigentlich selbstverständliche Prinzip des gleichen Lohns für gleiche Arbeit entspricht nicht der Lebenswirklichkeit. Eine große Zahl wissenschaftlicher Studien belegt, dass Frauen in der Lohnfindung diskriminiert werden. Verstärkt wird der Lohnunterschied noch dadurch, dass Frauen in den Karrieren langsamer vorankommen und seltener besser bezahlte Leitungsfunktionen bekleiden. Dies ist ebenfalls das Ergebnis struktureller Ungleichbehandlung sowohl im Arbeitsleben als auch im familiären Zusammenhang. Hinzu kommen weitere Faktoren: Frauen sind vermehrt in geringer entlohnten Wirtschaftszweigen tätig, arbeiten häufiger in Teilzeit – all das wirkt sich negativ auf die Entlohnung aus. Verstärkt wird dies durch steuerliche Fehlanreize: Das Ehegattensplitting bestraft die kleinen Einkommen innerhalb einer Ehe. Die Arbeitszeit auszuweiten oder den nächsten Karriereschritt zu gehen wird so deutlich unattraktiver.

Unternehmen und Politik müssen handeln

All das ist lange bekannt. Es zu ändern ist in erster Linie die Aufgabe von Unternehmen und Politik. Um das weibliche Erwerbstätigenpotenzial voll auszuschöpfen, bedarf es drei grundlegender Verbesserungen: Erstens müssen Lohnunterschiede bei gleicher Arbeit genauso der Vergangenheit angehören wie Diskriminierungen in der Karriereentwicklung. Zweitens gilt es die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu stärken, damit Frauen einer Arbeit nachgehen können und zugleich Familienarbeit gleichmäßiger verteilt wird. Zuletzt sollte die Politik dafür sorgen, dass das Steuerrecht Lohnunterschiede nicht auch noch zusätzlich belohnt.

Die gute Nachricht ist, dass die Wirtschaft die Herausforderungen zumindest angenommen hat. Die Lohnlücke – der Gender Pay Gap – ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, von gut 20 Prozent im Jahr 2007 auf jetzt rund 14,5 Prozent. Einige Wirtschaftszweige haben hier deutlich stärkere Anstrengungen unternommen: Die pharmazeutische Industrie beispielsweise hat in demselben Zeitraum mit einer nahezu Halbierung des Lohnunterschieds auf nun zwölf Prozent eine jetzt deutlich ausgeglichenere Bezahlung erreicht, als nahezu alle anderen Industriebranchen. Dabei zeigt sich, dass die Lohnunterschiede in den Branchen geringer ausfallen, in denen mehr Frauen in höhere Unternehmensetagen vordringen. Ein größerer Anteil am Leitungspersonal führt automatisch zu einer gleichmäßigeren Entlohnung. Auch hier ist die pharmazeutische Industrie weit besser als der Rest des verarbeitenden Gewerbes: Mehr als ein Drittel des Leitungspersonals ist weiblich – im industriellen Durchschnitt sind es gerade einmal 13 Prozent. Der Frauenanteil in Leitungspositionen korreliert dabei auch mit dem Lohnniveau. Dort wo Frauen absolut höhere Löhne erwarten dürfen, ist die Attraktivität der Branche für Frauen erheblich größer. Andere Branchen werde folgen müssen, wenn das Arbeitsangebot künftig noch knapper wird. Nichtsdestotrotz darf die Entwicklung nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Unterschiede in der Bezahlung – egal ob im einfachen Durchschnitt gemessen oder nach Funktionen und Qualifikation im Unternehmen differenziert – nach wie vor groß sind und die Karrierechancen zwischen den Geschlechtern längst nicht gleich verteilt sind.

Wie das Sozialversicherungssystem profitieren kann

Voraussetzung für eine größere Chancengleichheit im Beruf ist eine Arbeitswelt, die Beruf und Karriere in Einklang bringt. Die Einführung der Elternzeit und der Anspruch auf eine Ganztagesbetreuung von Kindern waren dabei wichtige Schritte. Diese Angebote weiter zu stärken ist jetzt geboten. Die Akzeptanz für väterliche Betreuungsleistungen und die Möglichkeit der familiengerechten Arbeitszeitgestaltung sind hingegen weiter ausbaufähig. Hier werden die Unternehmen in den kommenden Jahren nicht umhinkommen, flexibler zu werden. Corona hat die Arbeitswelt in diesem Zusammenhang ohnehin durcheinandergewirbelt.

Zu guter Letzt sollte ein Steuersystem neutral in Hinblick auf die Arbeitsanreize sein. Neuere Studien zeigen, dass Alternativen zum Ehegattensplitting mit einer deutlichen Steigerung der Erwerbstätigkeit einher gehen würden. Mehr als eine halbe Millionen Frauen würde dem Arbeitsmarkt zusätzlich zur Verfügung stehen.

Die Lohnlücke zu schließen ist also mehr als nur eine Frage der Gerechtigkeit: Das weibliche Erwerbstätigenpotenzial nicht zu heben, wäre angesichts der Demografie töricht und würde erheblichen gesamtwirtschaftlichen Schaden mit sich bringen. Auch die Finanzierung der Sozialversicherungssysteme würde verbessert: Stünden ebenso viele Frauen wie Männer in Lohn und Brot, dann könnten die Beitragssätze der Sozialversicherungen um insgesamt 0,6 Prozentpunkte geringer ausfallen. Unter dem Strich braucht es dafür nicht mehr als gelebte Selbstverständlichkeiten: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Chancen im Berufsleben für alle und keine Diskriminierung im Steuersystem.

Dr. Claus Michelsen ist Geschäftsführer Wirtschaftspolitik beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller.

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