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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Große Herausforderungen, wenig Unterstützung

Tobias Gemmel, Senior Director External Affairs, Novo Nordisk Pharma GmbH
Tobias Gemmel, Senior Director External Affairs, Novo Nordisk Pharma GmbH Foto: Tobias Gemmel

Heute, am 4. März, ist Weltadipositastag. 2015 als Initiative der World Obesity Federation ins Leben gerufen, soll er praktische Lösungen zur Bewältigung der Adipositas-Pandemie auf breiterer Ebene anregen. Patientenorganisationen, Interessengruppen und Unternehmen weltweit nehmen den Tag zum Anlass, über Adipositas aufzuklären und die Bedürfnisse der Betroffenen in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Ein guter Zeitpunkt also, um die Versorgungslage in Deutschland unter die Lupe zu nehmen.

von Tobias Gemmel

veröffentlicht am 04.03.2022

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Schauen wir zunächst auf die Fakten. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die etwa 200 Folgeerkrankungen und Komplikationen nach sich ziehen kann. So zum Beispiel Typ 2 Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und bestimmte Arten von Krebs. Die Ursachen der Adipositas sind dabei komplex und multifaktoriell. Dazu gehören genetische und physiologische Faktoren aber auch Ernährungsgewohnheiten und psychologische Aspekte. Neben teils starken Einschränkungen ihrer Lebensqualität haben Patient:innen vor allem eine um bis zu zehn Jahre geringere Lebenserwartung als Normalgewichtige.

Hierzulande sind rund 14 Millionen Erwachsene von Adipositas betroffen – bis 2025 kommen voraussichtlich weitere knapp drei Millionen hinzu. Nicht zu unterschätzen sind auch die ökonomischen Folgen, die die Gesellschaft als Ganzes belasten. Zu den direkten Kosten im Gesundheitswesen, die sich auf knapp 30 Milliarden Euro pro Jahr belaufen, kommen weitere etwa 34 Milliarden Euro an indirekten Kosten für die Wirtschaft. Kurz: die Folgen von Adipositas sind erheblich – für Betroffene genauso wie gesamtgesellschaftlich.

Ausbleibende Diagnosen – unzureichende Behandlung

Adipositas wird von der Weltgesundheitsorganisation sowie auch nationalen Fachgesellschaften wie der Deutschen Adipositas-Gesellschaft als chronische Erkrankung eingeordnet, und auch der Deutsche Bundestag schloss sich im Sommer 2020 dieser Auffassung an.

Trotzdem wird Adipositas nach wie vor nicht ausreichend diagnostiziert und umfassend behandelt. Unzureichende Versorgungsstrukturen in Deutschland tragen nicht zuletzt zu diesem Dilemma bei. Anders als für viele andere Krankheiten, gibt es keinen „Facharzt für Adipositas“. Und so wird die Versorgung von verschiedenen Facharztgruppen getragen – je nachdem wo der Patient zufällig landet. Hier bedingt eins das andere: Ärztinnen und Ärzte werden in aller Regel noch nicht zielgerichtet ausgebildet, und Menschen mit Adipositas wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Hier muss die Versorgungslandschaft deutlich besser werden und Adipositas als eine chronische Erkrankung bereits im medizinischen Studium einen entsprechenden Stellenwert erhalten. Eine weitere Fokussierung auf eine dezidierte Adipologen-Ausbildung wäre der nächste konsequente Schritt.

Das würde auch bei der Entstigmatisierung des Krankheitsbilds helfen, bei der auch im Gesundheitswesen selbst noch viel Luft nach oben ist, wie wir aus Studien und Umfragen wissen. Nur ein knappes Drittel der Behandler:innen glaubt etwa, dass Betroffene überhaupt motiviert sind, Gewicht zu verlieren. Rund 71 Prozent sprechen ihre Patient:innen nicht auf eine bestehende Adipositas-Erkrankung an, weil sie davon ausgehen, dass kein direktes Interesse für eine Gewichtsabnahme besteht.

Dabei wünschen sich Betroffene laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage in Deutschland, dass sie auf das Thema angesprochen werden. Allerdings würde nur gut die Hälfte ihr starkes Übergewicht von sich aus mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt besprechen. Diese Barriere verhindert, dass beide zueinander finden. Die benötigte Unterstützung bleibt häufig aus. Hier brauchen wir dringend mehr Aufklärung und dadurch eine verbesserte Gesprächsgrundlage. Es ist essentiell, dass Menschen mit Adipositas Ansprechpartner:innen finden, die sich mit der Erkrankung auskennen und ihnen helfen können. Novo Nordisk unterstützt Patient:innen mit einem Spezialist:innenfinder (adipositas-spezialisten.de), der gemeinsam mit Patientenorganisationen entwickelt wurde. Behandler:innen können sich dort registrieren und ihr individuelles Therapiekonzept hinterlegen. Menschen mit Adipositas erhalten somit mögliche Anlaufstellen und die Chance auf eine für sie passende langfristige Therapie. Die Änderung von Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten ist ganz klar die wichtigste Säule in der Adipositas-Behandlung. Sie reicht in vielen Fällen aber allein nicht langfristig aus. Neben Lebensstiländerung und der ultima ratio einer Magenoperationen gibt es inzwischen weitere Behandlungsoptionen, wie etwa zielgerichtete Medikamente, die helfen können, langfristig Gewicht zu verlieren und damit zu einer besseren Gesundheit beitragen können.

Gemeinsam gegen Adipositas

Der 4. März mag nur ein Tag im Kalender sein. Für die Menschen mit Adipositas hat er aber eine große Bedeutung. Denn weltweit engagieren sich unterschiedliche Interessensgruppen für mehr Aufmerksamkeit, Verständnis und eine bessere Versorgungssituation. Auch wir als Unternehmen sehen uns in der Verpflichtung, einen Beitrag zu leisten. Denn nur wenn alle an der Versorgung Beteiligten an einem Strang ziehen, können wir wirklich etwas bewegen und die Bedeutung von Adipositas als chronische Erkrankung und deren Behandlung in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stellen.

Tobias Gemmel ist Senior Director External Affairs bei der Novo Nordisk Pharma GmbH.

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