Porträt Ilias Tsimpoulis

Tsimpoulis Doctolib
Dr. Ilias Tsimpoulis , Director Hospitals, Healthcare Systems and Partnerships , Doctolib (Foto: privat)

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Ein Prophylaxe-Termin beim Zahnarzt war es, der Ilias Tsimpoulis überzeugte: Um ihn zu buchen, klemmte er sich nicht etwa ans Telefon, sondern nutzte die Terminbuchungsplattform Doctolib. Er bekam eine Terminbestätigung per E-Mail, eine Erinnerungs-SMS zwei Tage vor dem Zahnarztbesuch und in der Praxis erwartete man ihn schon – alles klappte reibungslos. Als ihm vor einem Jahr der Posten als Geschäftsführer von Doctolib Deutschland angeboten wurde, zögerte er nicht lange. Das aus Frankreich stammende Konzept schien ihm wie geschaffen dafür, die Terminvergabe in Arztpraxen effizienter zu machen. 

Zuvor hatte der 1977 in Hagen geborene Radiologe bereits bei Unternehmensberatungen und der Gesundheitsabteilung des Industriekonzerns Linde gearbeitet. „Mein Wunsch war es, das Gesundheitssystem aus einer anderen Perspektive zu betrachten und es zu verbessern“, erklärt Tsimpoulis. Und so ging es von der Klink in die Wirtschaft. 

In Zeiten der Corona-Krise möchte Doctolib dazu beitragen, dass die Telefone in Arztpraxen seltener läuten, so Tsimpoulis. Bis zu 30 Prozent weniger telefonische Terminanfragen gebe es bei Praxen, die die Software nutzen. So hat das Praxispersonal weniger Stress und mehr Zeit für die Menschen vor Ort. Momentan verlinkt Doctolib zudem auf die Hinweise des Bundesgesundheitsministeriums zur Corona-Pandemie. Und auch wenn Patienten einen Arzttermin auf der Doctolib-Seite buchen wollen, poppen Hinweise auf, bei welchen Symptomen sie einen Arzt aufsuchen und wann besser vorher anrufen sollten. 

Regionale Anpassungen der Gesamtstrategie

Als Teil des globalen Executive-Teams von Doctolib gestaltet Tsimpoulis strategische Prozesse mit, die dann regional angepasst werden. Das Unternehmen wurde 2013 in Frankreich gegründet und entwickelte sich dort innerhalb weniger Monate zum Marktführer in Sachen Arztsuche und -terminvereinbarung. In den vergangenen fünf Jahren wurde es mit mehr als 230 Millionen Euro durch internationale Kapitalgeber finanziert. Einnahmen kreiert es durch die Abobeiträge von Ärzten: Sie zahlen in Deutschland 129 Euro pro Monat. Für Patienten ist der Service kostenfrei. In Europa arbeitet Doctolib mit etwa 115.000 Ärzten und medizinischen Fachangestellten sowie etwa 2.200 Gesundheitseinrichtungen zusammen.  

Die Kundenbetreuung durch regionale Vertreter, die Ärzte und Praxismitarbeiter in die Terminsoftware einweisen, ist personalintensiv. „Wir machen momentan keinen Profit, weil unser Fokus darauf liegt, zu wachsen und unsere Technologie weiterzuentwickeln“, sagt Tsimpoulis. „Das hängt also nicht mit dem Businessmodell zusammen. Wir verfolgen das Ziel, das Gesundheitswesen langfristig zu transformieren und wissen, dass das Geschäftsmodell rentabel sein kann.“  

Dass Online-Lösungen in Zeiten einer Pandemie besonders gefragt sind, spiegelt sich in den Nutzerzahlen von Doctolib wider: An vergangenen Montagen hatte die Plattform 160.000 Besuche und damit zweieinhalb Mal so viele wie normalerweise, so Tsimpoulis. „Daran sehen wir: Momentan herrscht ein erhöhter Bedarf an Informationen und Terminen bei den Ärzten“, sagt er. 

Chancen in der Krise nutzen

Die jetzige Krise berge die Chance, digitale Entwicklungen zu testen. „Die Digitalisierung wird sich hier als großer Helfer herausstellen“, sagt Tsimpoulis. „Jetzt gerade zeigt sich, dass sich solche Angebote skalieren lassen und dass man hier das Gesundheitswesen sehr schnell unterstützen kann.“ Seit kurzem bietet Doctolib auch kostenlose und zertifizierte Videosprechstunden für Ärzte und Patienten in Deutschland an. Über die App oder die Website können Patienten nun eine digitale Konsultation vereinbaren und mit dem Arzt sprechen. Mehr als 1.200 Patienten vereinbarten seit dem Launch bereits eine Videosprechstunde. 

Der Innovationsgeist und schnelle Fortschritt seines Unternehmens treibt Tsimpoulis an. Nur schwer kann er sich vorstellen, wieder als Arzt zu praktizieren. Dabei achtet der Frühaufsteher auf einen Ausgleich zu seinem anspruchsvollen Job: Gegen sechs Uhr morgens steht er auf, treibt Sport, liest oder meditiert, um dann gegen 8.30 Uhr im Büro zu sein. Eine gute Planung sei eben alles, nicht nur bei Arztterminen. Judith Jenner  

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