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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Kassen müssen digital denken

Shadi Mohadessi ist Health Lead Deutschland beim Beratungsunternehmen Accenture.
Shadi Mohadessi ist Health Lead Deutschland beim Beratungsunternehmen Accenture. Foto: Accenture

Während der digitale Reifegrad pandemiebedingt in vielen Branchen gestiegen ist, hinkt der Gesundheitssektor hinterher. Das wird sich mit dem Engagement der Kassen für die Umsetzung ihrer digitalen Initiativen ändern, meint Shadi Mohadessi vom Beratungsunternehmen Accenture.

von Shadi Mohadessi

veröffentlicht am 06.10.2021

aktualisiert am 07.10.2021

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Vor allem ein Wirtschaftsbereich, der eigentlich in erster Linie die Auswirkungen der Pandemie gespürt hat, ist noch weitgehend wenig digitalisiert: Der deutsche Gesundheitssektor – obwohl er einen Anteil von 521 Milliarden Euro am deutschen Bruttoinlandsprodukt ausmacht. Entsprechende digitale Angebote sind jedoch noch nicht in ausreichender Form vorhanden. Für Patienten ist das Gesundheitssystem – trotz großer Nachfrage – noch nicht genug mit digitalen Services ausgestattet. Laut einer Accenture-Erhebung gaben 42 Prozent der befragten Deutschen an, im letzten Jahr digitale Technologie genutzt zu haben, um sich um ihre Gesundheit zu kümmern. Zum Vergleich: In Finnland lag dieser Wert bei 75 Prozent. Ein weiteres Indiz dafür, dass hierzulande im chancenreichen digitalen Gesundheitssektor noch viel zu wenig investiert wird: Deutschland hat am weltweit gesamten Investitionsvolumina in den Digital Health Sektor lediglich einen Anteil von gerade einmal 0,5 Prozent. Die USA liegen hier bei beeindruckenden 75 Prozent.

Gerade in Deutschland stehen die Unternehmen im Gesundheitssektor vor einer großen Herausforderung: Trotz des Wunsches nach einfachen, bequemen digitalen Services, sind die Patienten hierzulande skeptisch, wenn es um die Weitergabe und Nutzung sensibler Gesundheitsdaten geht. Auf deren Grundlage können aber eben jene digitalen Angebote oft erst entwickelt werden. Auch sind sie deutlich weniger technologieaffin als der weltweite Durchschnitt. Das hat zur Folge, dass sie beispielsweise viel seltener virtuelle Arzttermine wahrnehmen oder dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) eher misstrauen – nicht nur bei der Diagnose und Behandlung, sondern auch bei Verwaltungsaufgaben.

Es fehlt die digitale Marschrichtung

Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) im Januar 2021 wurde der erste Baustein für die digitale Vernetzung aller Beteiligten im deutschen Gesundheitswesen gelegt. Dieser Meilenstein ist jedoch nur der Anfang einer beständigen Transformation, in deren Rahmen sich neue, innovative und mehrwertstiftende Angebote und Services umsetzen lassen. Auf Basis der ePA sollen Patienten und sämtlichen Marktteilnehmern, die sich um das Wohl der Patienten kümmern, eine gemeinsame, vertrauensvolle digitale Lösung zum Austausch von Daten, Befunden, Rezepten und Therapieplänen an die Hand gegeben werden. Krankenversicherungen, Arztpraxen, Apotheken, Krankenhäuser, Reha-Einrichtungen und die Patienten selbst sollen mit Hilfe der ePA digitaler miteinander interagieren und so etwaige Fehlbehandlungen vermeiden, Kosten reduzieren und die Qualität einer ganzheitlichen medizinischen Versorgung allgemein erhöhen und effizienter machen.

Die Tatsache, dass sich die ePA noch in einem frühen Stadium ihrer Ausgestaltung befindet, eröffnet insbesondere für die Krankenkassen große Chancen, die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland maßgeblich im Sinne der Versicherten mitzugestalten.

Abstimmungsprozesse zwischen den Beteiligten über Form, Ausgestaltung und Inhalte beziehungsweise Integrationsmöglichkeiten der ePA nehmen aktuell noch viel Zeit in Anspruch. Sobald sich die entsprechenden Marktteilnehmer und Prozesse jedoch gefunden haben, wird auch die ePA mit vielen neuen daran anknüpfenden Dienstleistungen Fahrt aufnehmen. Es ist daher umso wichtiger, dass sich die Krankenkassen gerade jetzt intensiv und qualifiziert in den Entwicklungsprozess der ePA einbringen und auf deren Grundlage entsprechende Angebote und Lösungen entwickeln. Nur so können sie auch künftig ihrer exponierten Position gerecht werden. Einige haben dies bereits verstanden und arbeiten mit Hochdruck an sinnvollen digitalen Angeboten für den Patienten. Betrachtet man den gesamten Gesundheitssektor, ist hier jedoch noch Luft nach oben.

Denn im Sinne der Versicherten muss das Ziel der ePA sein, möglichst breit und integrativ zu agieren und durch die Zusammenarbeit vieler Gesundheitsakteure beste Angebote zu bieten. Erst wenn diese modular, erweiterbar und für viele Beteiligte im Gesundheitswesen nutzbar sind – sowohl für Konsumierende, als auch für Beitragende – wirkt sich das positiv auf die Akzeptanz und damit auch den Verbreitungsgrad der ePA aus. Gelingt dies, kann unser Gesundheitssystem auch die Vorteile einer elektronischen Patientenakte zum Wohle aller im vollen Maße nutzen. Die Versicherten jedenfalls sind nicht erst seit der Pandemie offen für digitale Lösungen und Angebote.

Patienten die Vorteile vor Augen führen

Spezifikationen und gesetzliche Anforderungen als Orientierung allein reichen nicht aus. Ebenso wenig Lösungen, die für sich stehen oder sich vorwiegend an den eigenen Unternehmensgrenzen orientieren. Eine Patientenreise betrifft viele Akteure. Daher braucht es Plattformen, die Services an den Patientenpfaden und deren Lebenswelten ausrichten. Damit können digitale Gesundheitsangebote auch ihr Potenzial effektiv entfalten. Denkbar wären auch Allianzen und Co-Creations zwischen Krankenversicherern und Technologieanbietern, um Produkte zu entwickeln, die das Beste aus beiden Welten verbinden.

Denn wenn Patienten einen solchen konkreten persönlichen Vorteil erhalten und in diesem Zusatznutzen ein Mehrwert erkennbar ist, sind sie auch offen, ihre sensiblen Gesundheitsdaten zu teilen. Dabei kann es sich beispielsweise um eine deutliche Verringerung der Zeit im Wartezimmer handeln, wenn wichtige Informationen bereits im Vorfeld ausgetauscht wurden oder eine digitale Anamnese erfolgt ist.

Diese Aufgabe könnte konventionelle Künstliche Intelligenz, also Text-, Video- oder Chatbots, übernehmen und Patienten dabei unterstützen, ihre Symptome im Vorfeld eines Arztbesuchs besser einzuschätzen. Intelligente Apps können bei der Behandlung von Symptomen und der Therapie eingesetzt werden: Bei psychischen Problemen, beim Abnehmen, bei der Raucherentwöhnung, bei Reha-Maßnahmen oder der Einstellung und Dosierung von Medikamenten, wie Schmerzmittel oder Insulin. Damit dies gelingt, müssen alle Akteure unseres Gesundheitsökosystems noch besser und effektiver interagieren, aufeinander aufbauende Lösungen für den Patienten entwickeln und letztlich in Therapien, Behandlungen und Beratungen integrieren. Der ePA kommt hier als Basis für den dafür benötigten Datenaustausch eine zentrale Rolle zu.

Ein reibungsloses Zusammenspiel zwischen Versicherungen, ePA und der elektronischen Gesundheitsakte (eGA) ist einer der Schlüssel zum Erfolg. Bürokratische Hürden gilt es dafür zu beseitigen. Kooperation muss für alle Beteiligten einfach, offen und transparent ermöglicht werden. Bedenkt man, dass das dafür benötigte digitale Know-how bei den Versicherern längst vorhanden ist, müssten Zusatzangebote auf Grundlage der ePA viel schneller entwickelt und im Markt angeboten werden können.

Die Konkurrenz arbeitet auf Hochtouren

Für die deutschen Krankenversicherungen und die hiesigen Gesundheitsakteure steht viel auf dem Spiel. Sie laufen Gefahr, ihre vertrauensvolle Position rund um die Gesundheitsbedürfnisse der Patienten zu verlieren. Nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil sie leichtfertig den Spielraum anderen potenziellen Marktteilnehmern – auch aus Health-fremden Branchen – überlassen. Denn die Patienten haben gerade in der Pandemie die Vorteile einer digitalen Patientenversorgung kennengelernt und fragen sich, warum Prozesse, die beim Onlinehandel längst Standard sind, sich nicht im Gesundheitssystem und in der Patientenversorgung wiederfinden lassen.

Die Vorteile für PKV und GKV stehen stellvertretend für den gesamten digitalen Gesundheitssektor: Alle Aspekte einer ganzheitlichen Gesundheitsversorgung könnten digital miteinander interagieren und somit neue Angebote und medizinische Abläufe miteinander vernetzen. Ein Hausarzt könnte sich viel effizienter mit dem Facharzt oder dem Apotheker beraten, die ReHa-Maßnahmen würden von der Krankenkasse viel besser koordiniert werden können und der Patient kann allen wichtigen Instanzen den Erfolg seiner Genesung oder seiner Medikamente mitteilen. In einem solchen koordinierten digitalen Health-Ökosystem würden nicht nur mittel- bis langfristig Kosten eingespart, sondern auch wirksame Präventionsmaßnahmen zur Krankheitsvermeidung effektiver eingesetzt werden.

Shadi Mohadessi ist Health Lead Deutschland beim Beratungsunternehmen Accenture.

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