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Standpunkt

Klimaangst? Ja, bitte!

Malte Klar, Psychologischer Psychotherapeut an der Charité in Berlin
Malte Klar, Psychologischer Psychotherapeut an der Charité in Berlin Foto: privat

Im Standpunkt erklärt Malte Klar, Psychologischer Psychotherapeut an der Berliner Charité, warum Emotionen und ein Verbundenheitsgefühl dabei helfen, Verantwortung zu übernehmen. Und wieso er in Bürger:innenräten ein gutes Instrument für mehr Gemeinwohl hält – auch, um der Klimakrise zu begegnen.

von Malte Klar

veröffentlicht am 22.04.2021

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Es gibt übertriebene und reale Ängste. Spinnen in Deutschland sind meist ungefährlich. Die Folgen der Klimakrise in Deutschland aber sind bereits jetzt gefährlich. Trinkwassermangel, Hitzetote, Waldsterben, Ernteausfälle bringen zudem hohe wirtschaftliche Schäden mit sich und werden – laut jahrzehntelanger Forschung – weiter zunehmen. Wem darüber hinaus die Mitwelt und Menschen in anderen Regionen der Welt nicht egal sind, darf zu Recht die Zunahme von Hunger, Dürren, Überflutungen und gewaltvollen Ressourcenkonflikten fürchten. Geschätzte 1,2 Milliarden Menschen sind in den nächsten 29 Jahren von Vertreibung bedroht – auch innerhalb Europas. Dies birgt auch große Gefahren für Demokratie, Wirtschaft und Frieden in der Welt.  

Es ist gesund, wenn wir uns davon emotional berühren lassen und davor auch Angst haben. Denn Angst ist deshalb so unangenehm, damit sie uns zum Handeln motiviert. Doch wie verlieren wir uns dabei nicht in lähmenden Sorgen?   

Psychologisch hilft es, wenn ich übe, zwischen dem Gefühl und der Geschichte zum Gefühl zu unterscheiden. Das bedeutet, Gefühle im Körper zu spüren anstatt sie im Kopf zu zerdenken. Während gedankliches Grübeln und Sorgen überwältigen kann, hat das körperliche Spüren etwas sehr Schlichtes, Bewältigbares. Die Gefühlswelle kann durch den Körper ziehen und das Atmen mit dem Gefühl hilft, mich nicht im Kopfkino zu verlieren. Anschließend kann ich wieder klar denken – und handeln, mit einem tieferen Verständnis für das, was mich emotional bewegt. Wenn ich diese emotionale Kompetenz beherrsche, besteht keine Notwendigkeit, Gefühlswellen zu bekämpfen oder zu vermeiden. Klingt einfach? Ist es im Prinzip auch – braucht aber Übung. Wenn uns dies bereits als Kind beigebracht würde, könnten wir uns eine ganze Reihe von Abwehrmechanismen gegen Gefühle sparen und wären glücklicher – trotz aller möglichen Gefühlswellen.

Keine Angst vor der Angst

Wir fühlen uns freier und lebendiger, wenn alle Gefühle ihren Raum haben. Zudem werden wir offener und weniger rigide. Denn nicht die Gefühle sind das Problem, sondern die Vermeidung von Gefühlen. Besser als keine Angst mehr zu haben ist also, keine Angst vor der Angst zu haben. Sondern sie als natürlichen Teil des Lebens anzuerkennen und einen freundlichen Umgang mit sich und seinen Gefühlen zu entwickeln. Fühlen Sie sich daher ermutigt, wenn Sie belastende Nachrichten lesen, sich – zumindest manchmal – auch einen Augenblick Zeit zu nehmen zum Weinen. 

Wenn ich mich von Klimafakten tatsächlich emotional berühren lasse, wird klarer, was wirklich wichtig ist im Leben, was mir am Herzen liegt. Diese Klarheit kann eine beeindruckende Energie und Verantwortungsübernahme freisetzen. Politisch könnte genau diese Motivation helfen, eine konsequente 1,5-Grad-Politik umzusetzen, die die Verpflichtungen des Paris-Abkommens einhält. Dabei ist auch schon lange klar, was für die notwendige Energiewende, Verkehrswende und Agrarwende getan werden kann. Zweifel streuen hier nur Profiteure vom Status quo. 

Verbindung hilft, Verantwortung zu übernehmen

Wenn ich mich von Gefühlen berühren und informieren lasse, sinken auch die Widerstände: Empathie bedeutet, mich nicht vom Schmerz des anderen abzuspalten. Dann erlebe ich mich weniger getrennt von Menschen, die stärker unter der Klimakrise leiden als ich, die weniger privilegiert sind als ich, von den Tieren und der Natur, von der Generation unserer Kinder. Durch dieses Verbundenheitsgefühl erlebe ich mich als liebevoller. Verbindung hilft, Verantwortung zu übernehmen und auch notwendige persönliche Veränderungen zu akzeptieren, anstatt auf Privilegien zu beharren, die andere nicht haben. Vielleicht kann ich dann ehrlich anerkennen, dass Privilegien uns als Industrienationen zu den Hauptverursachern der Krise gemacht haben. Nun könnten wir diesen Einfluss nutzen, um Verantwortung zu demonstrieren. Dieses Prinzip der Klimagerechtigkeit ist die Hauptforderung von Fridays for Future und nicht Klimaschutz, denn nationaler Klimaschutz kann sehr schnell inhuman werden, wenn Grenzen zu Mauern werden. 

Menschen hingegen, die sich von der Politik jedoch zu Recht über Jahrzehnte nicht gesehen, übergangen, benachteiligt und bedroht fühlen, erleben dieses Verbundensein nicht und sind verständlicher Weise frustriert. Auch hier hilft der psychologische Blick. Aus Frust und Not heraus ist ein Leugnen, ein Protestwählen, ein Querdenken als Kompensation und Abwehrkampf zwar nicht hilfreich, aber es wird eher nachvollziehbar – und vielleicht lösbar: Durch mehr Austausch und Beteiligungsmöglichkeiten für die Bevölkerung werden basale Bedürfnisse wie Verbundenheit Ernst genommen und Fronten werden nicht weiter verhärtet.

Ein praktisches Beispiel könnten Bürger:innenräte sein, die sich mit den großen, umstrittenen Fragen unserer Zeit beschäftigen. Immer wieder zeigt sich dort ein Ergebnis, das kürzlich auch beim Rat zu Deutschlands Rolle in der Welt zu sehen war. Wenn Menschen zufällig ausgelost werden und gut informiert in einen Diskussionsprozess gehen, stellt sich ein „Deliberationseffekt“ ein: Durch den gemeinsamen Austausch sind die Beschlüsse der Teilnehmenden weniger egoistisch, sondern in bemerkenswertem Ausmaß am Gemeinwohl orientiert. Menschen sind weder dumm noch egozentrisch, aber gesunde Strukturen sind wichtig, um Menschlichkeit zu fördern. 

Malte Klar ist Psychologischer Psychotherapeut an der Charité in Berlin.

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