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Gesundheit & E-Health

Standpunkte Konsequente Tabakprävention rettet Leben

Katrin Schaller, Stabsstelle Krebsprävention und WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle Leitung am Deutschen Krebsforschungszentrum
Katrin Schaller, Stabsstelle Krebsprävention und WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle Leitung am Deutschen Krebsforschungszentrum Foto: DKFZ

Deutschland braucht ein klares Bekenntnis zur Tabakprävention. Und die politischen Voraussetzungen sind gut, denn der im Koalitionsvertrag verankerte Nationale Präventionsplan bietet einen idealen Rahmen für eine verpflichtende Tabakpräventionsstrategie, schreibt Katrin Schaller, Präventionsexpertin am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

von Katrin Schaller

veröffentlicht am 02.03.2023

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Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: jedes Jahr 85.000 Krebsneuerkrankungen infolge des Rauchens, 127.000 Tabaktote, Kosten für die Gesellschaft in Höhe von 97 Milliarden Euro, nicht zu vergessen die Umweltbelastung durch weggeworfene Zigarettenkippen, und das bei aktuell wieder steigenden Rauchquoten. All dies kann durch eine konsequente Tabakprävention deutlich reduziert werden. Und die politischen Voraussetzungen sind gut, denn der im Koalitionsvertrag verankerte Nationale Präventionsplan bietet einen idealen Rahmen für eine verpflichtende Tabakpräventionsstrategie.

Mit dem WHO-Tabakrahmenübereinkommen steht ein Katalog wirksamer Tabakpräventionsmaßnahmen zur Verfügung, zu dessen Umsetzung sich Deutschland mit der Ratifizierung verpflichtet hat. Nur geht genau diese Umsetzung mehr als schleppend voran. Andere Länder zeigen, dass es anders geht: Großbritannien, Irland, die Niederlande und Finnland beispielsweise setzen seit Jahren stringente Tabakpräventionsstrategien mit gesundheitspolitischen Maßnahmen wie Tabaksteuererhöhungen und umfassenden Werbeverboten um; folglich rauchen in Deutschland 24 Prozent der Personen ab 15 Jahren, in Großbritannien und den Niederlanden hingegen nur 12 Prozent.

Zugegeben: Die Prävention chronischer Krankheiten erscheint für Regierende auf den ersten Blick wenig attraktiv, denn politische Erfolge werden erst einmal in kurzen Wahlperioden gemessen. Angesichts dessen, dass in Deutschland über die Hälfte aller Todesfälle auf chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs, für die das Rauchen der Hauptrisikofaktor ist, entfällt, mutet ein solches Denken allerdings geradezu zynisch an. Jeder achte Todesfall geht auf das Konto des Tabakgebrauchs. Würde niemand mehr rauchen, könnten diese Tabaktoten vermieden werden. Die Senkung des Tabakkonsums hat daher ein enormes Präventionspotenzial.

Was bei Harm Reduction nicht erwähnt wird

Seit einiger Zeit erklären die Hersteller von Zigaretten und neuen Tabak- und Nikotinprodukten, aber auch manche Fachleute aus den Bereichen Suchtforschung und Medizin, nicht eine konsequente Tabakprävention sei notwendig, um die Schäden des Rauchens zu vermeiden, sondern Harm Reduction sei die wahre Lösung: Die Rauchenden sollten auf weniger schädliche Produkte umsteigen, der Nikotinkonsum dürfe bestehen bleiben. Die geringere Schadstoffbelastung rechtfertige den Einsatz der Produkte für Rauchende, die nicht aufhören können oder wollen, als Alternative zum Rauchen.

Unerwähnt bleiben bei dieser Argumentation allerdings mehrere Punkte:

  • Bislang ist in keiner Weise klar, in welchem Ausmaß sich eine reduzierte Schadstoffbelastung durch die neuen Produkte tatsächlich in eine geringere Krankheitslast überträgt. Tier- und Zellversuche deuten darauf hin, dass die im Aerosol der neuen Produkte enthaltenen Schadstoffe im Körper gesundheitsschädliche Prozesse auslösen.
  • Mit einem gesundheitlichen Vorteil durch den Gebrauch der Produkte anstelle von Zigaretten ist nur dann zu rechnen, wenn Rauchende vollkommen auf die neuen Produkte umsteigen und gar nicht mehr rauchen. In der Realität sieht das anders aus: Die meisten Konsumierenden neuer Produkte rauchen gleichzeitig weiter. Damit bleibt weiterhin eine Gesundheitsgefährdung durch das Rauchen bestehen, denn jede Zigarette schadet.
  • Das Prinzip der Harm Reduction nutzt nur einem begrenzten Teil der Rauchenden. Die meisten Rauchenden stellen ihr eigenes Rauchverhalten grundsätzlich in Frage, auch wenn sie zum aktuellen Zeitpunkt vielleicht nicht zum Rauchstopp bereit sind. Diese Menschen können, anders als von Vertretenden der Harm-Reduction-Strategie suggeriert, durch verbesserte Information und Unterstützung durchaus zu einem Rauchstopp motiviert werden. Ein Umstieg auf sogenannte Alternativprodukte ist für diese Gruppe keineswegs die einzige Lösung. Und der größte Gewinn für die Gesundheit ist für sie der vollständige Konsumstopp.
  • Die Harm Reduction nutzt in erster Linie den Herstellern. Beim Umstieg auf andere Tabak- und Nikotinprodukte wird das alternative Produkt dauerhaft genutzt und die Nikotinabhängigkeit bleibt bestehen – dies garantiert den Absatz. Da die meisten Konsumierenden – anders als von Herstellern suggeriert – parallel zu den Alternativprodukten außerdem weiterhin rauchen, profitieren die Hersteller doppelt. Die Gesundheit der Konsumierenden hingegen leidet weiter.
  • Die neuen Produkte stehen nicht nur rauchenden Menschen zur Verfügung, sondern sind als trendige Life-Style-Produkte für alle verfügbar und vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene attraktiv. Bedauerlicherweise greifen auch manche Menschen, die noch nie geraucht haben, zu Tabakerhitzern und E-Zigaretten. Noch sind die Nutzeranteile unter Nichtrauchenden mit 3,5 Prozent beziehungsweise 4,9 Prozent aller jeweils Nutzenden niedrig, aber vor allem junge Menschen, auch nichtrauchende, sind für die Hersteller durchaus relevante Kunden.

Bestenfalls eine ergänzende Maßnahme zu Tabakprävention

Aus den genannten Gründen – eine verhältnismäßig kleine, möglicherweise gesundheitlich profitierende Personengruppe und gleichzeitig vor allem Jugendliche und junge Menschen, für die der Gebrauch der neuen Produkte ein vermeidbares Gesundheitsrisiko bedeutet – kann die Harm Reduction, wenn überhaupt, bestenfalls eine ergänzende Maßnahme zu Tabakprävention und -entwöhnung sein, keinesfalls jedoch ein Ersatz. Doch selbst als Ergänzung macht sie erst dann Sinn, wenn die erwiesenermaßen wirksamen Maßnahmen wie Tabaksteuererhöhungen, Werbeverbote, Abgabebeschränkungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen, im Rahmen einer verpflichtenden Tabakpräventionsstrategie konsequent umgesetzt wurden. Davon ist Deutschland aber noch weit entfernt.

Deutschland braucht dringend eine Tabakpräventionsstrategie, idealerweise mit dem Ziel, das Land bis 2040 tabakfrei zu machen, wie das auch Europas Plan gegen den Krebs vorsieht. „Tabakfrei“ bedeutet dabei, dass weniger als fünf Prozent der Erwachsenen und weniger als zwei Prozent der Jugendlichen rauchen oder neue Produkte wie E-Zigaretten oder Tabakerhitzer verwenden. Mit der „Strategie für ein tabakfreies Deutschland 2040“ liegt bereits ein Konzept vor. Der Nationale Präventionsplan, der laut Koalitionsvertrag entwickelt werden soll, bietet dafür einen hervorragenden Rahmen. Es ist an der Zeit, dass der Bundesgesundheitsminister, so, wie das Gesundheitsminister anderer Länder längst getan haben, sich öffentlich zur Stärkung der Tabakprävention bekennt und sich für die Einbindung einer verpflichtenden Tabakpräventionsstrategie in den Nationalen Präventionsplan einsetzt. Wegen der verteilten Zuständigkeiten in der Tabakkontrolle müssen in eine solche Strategie im Sinne einer Health-in-all-Policies-Strategie alle relevanten Ministerien eingebunden werden. Die aktuell ansteigenden Anteile rauchender Menschen in der Bevölkerung erfordern schnelles, entschlossenes und koordiniertes Handeln. Denn jeder der 127.000 Tabaktoten ist einer zu viel.

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