Standpunkt Krankheiten behandeln, bevor sie ausbrechen

Unser Krankheitsbegriff ist an das Auftreten von Symptomen geknüpft. Es ist Zeit, diese Praxis in Frage zu stellen, sagt Andreas Gerber, Deutschlandchef von Janssen. In seinem Standpunkt erklärt er die Möglichkeiten und Grenzen von Disease Interception.

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Seit Jahrhunderten unterscheiden wir zwischen gesund und krank. Unser Krankheitsbegriff ist dabei an das Auftreten von Symptomen geknüpft: Sobald Symptome auftreten, ist ein Mensch nicht mehr gesund, sondern ein Patient. Der Arzt stellt die Diagnose und verordnet die passende Therapie. Es ist Zeit, diese Praxis in Frage zu stellen!

Wissenschaftliche Fortschritte und Erkenntnisgewinne, etwa in den Bereichen Molekulargenetik oder Mikrobiomforschung, lassen uns die Mechanismen von Erkrankungen immer besser verstehen. Die Digitalisierung ermöglicht die Auswertung enormer Datenmengen, neue Technologien helfen uns, immer tiefer in die biochemischen Wechselwirkungen im menschlichen Körper vorzudringen. Doch auch, wenn wir Erkrankungen immer früher erkennen und behandeln können: wir kommen zu spät, zumindest bei progressiven Erkrankungen. Der Tumor hat sich gebildet, bei der Alzheimer Demenz ist das Gehirn irreversibel geschädigt. Dabei können wir individuelle Veränderungen schon heute nachweisen, lange bevor die Erkrankung im klassischen Sinne ausbricht, bei der Alzheimer-Demenz sogar mehr als zehn Jahre vor den ersten kognitiven Beeinträchtigungen. Auch viele Krebserkrankungen können über Jahre unbemerkt verlaufen.

Disease Interception sieht vor, Menschen mit einem hohen Erkrankungsrisiko mithilfe von Biomarkern zu identifizieren. Biomarker sind es auch, die anzeigen, dass der Krankheitsprozess begonnen hat. Die Intervention findet im sogenannten „Interception Window“ statt, dem Zeitfenster zwischen dem Nachweis des krankmachenden Prozesses und dem Auftreten erster Symptome. Das Ziel ist, den Krankheitsverlauf noch im präklinischen Stadium zu stoppen, zu verzögern oder umzukehren. 

Methoden anpassen

Was auf den ersten Blick nach Science Fiction klingt, kann schon in wenigen Jahren Realität sein. Damit Betroffene eines Tages Zugang zu Therapien im Sinne von Disease Interception haben, ist jedoch noch einiges zu tun: Wir forschenden Pharmaunternehmen müssen nachweisen, dass entsprechende Therapien die Erkrankung verlässlich unterbinden oder ihren Ausbruch zumindest um Jahre nach hinten verschieben. Wichtige Aspekte dabei sind die Aussagekraft der Biomarker, die Frage, welches Studiendesign geeignet ist, um die Wirksamkeit der Therapie zu belegen sowie nicht zuletzt die Auswahl der Paramater für eine Nutzenbewertung.

Hier sehen wir Entwicklungsbedarf: In der Präzisionsmedizin etwa ist die Durchführung klassischer Phase III-Studien (RCTs) mit mehreren hundert Patienten schon heute nicht mehr möglich. Auch für Disease Interception passen unsere heutigen Standards nicht: Angenommen, wir identifizieren einen Biomarker, der eine hohe Erkrankungswahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten 15 bis 20 Jahre anzeigt, und angenommen, es gäbe eine Therapie, mit der sich der Krankheitsprozess unterbrechen ließe, klassische RCTs wären in dieser Situation keine Option, da zum einen kaum finanzierbar, zum anderen viel zu langwierig. Ganz abgesehen davon wäre es ethisch kaum vertretbar, Hochrisikopatienten jahrzehntelang in einer Placebo-Gruppe zu beobachten, ohne etwas gegen die drohende Erkrankung zu unternehmen. 

Klar ist: Klinische Forschung braucht hohe wissenschaftliche Standards. RCT’s werden der Goldstandard bleiben. Wenn wir aber verhindern wollen, dass Innovationen wie Therapien im Sinne einer Disease Interception durch überholte Methoden ausgebremst werden, müssen wir eben diese weiterentwickeln. Gleiches gilt für die Algorithmen der Kostenträger, die für die langfristig ausgerichtete Wertschöpfungslogik von Disease Interception nicht gemacht sind. Individuelle Risk Share-Modelle oder andere innovative Vertragsmodelle werden vor diesem Hintergrund künftig noch stärker gefragt sein als heute.

Gesellschaftliche Debatte

Disease Interception verändert die Rollen und Verantwortlichkeiten aller Beteiligten im Versorgungsprozess: Ärzte werden mehr und mehr zu Beratern ihrer Patienten, die Erkrankungsrisiken prognostizieren, Krankheitsprozesse frühzeitig erkennen und gezielt intervenieren. Jeder Einzelne muss mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen und grundlegende Entscheidungen treffen: Ab welchem Erkrankungsrisiko will ich informiert werden? Will ich überhaupt informiert werden? Wir als Gesellschaft müssen zentrale Fragen beantworten wie diese: Wer legt fest, ab welchem Erkrankungsrisiko interveniert werden soll? Wie gehen wir mit dem individuellen Recht auf Nichtwissen um?

Wenn wir den heutigen Reparaturbetrieb „Gesundheitssystem“ weiterentwickeln wollen – zu einem System, in dem die Gesundheit der Versicherten erhalten wird – müssen wir diese Fragen diskutieren und die Rahmenbedingungen anpassen. Nur so kann es gelingen, dass innovative Therapien wie Disease Interception dort ankommen, wo sie benötigt werden: bei den Patienten von heute und den Betroffenen von morgen.

Andreas Gerber ist Vorsitzender der Geschäftsführung bei Janssen, dem in der Pharmasparte tätigen Tochterunternehmen des Gesundheitskonzerns Johnson & Johnson.

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