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Krebs wartet nicht

Chantal Friebertshäuser, Geschäftsführerin von MSD Sharp & Dohme GmbH
Chantal Friebertshäuser, Geschäftsführerin von MSD Sharp & Dohme GmbH Foto: MSD Deutschland

Viele Deutsche haben eine Krebsfrüherkennung wegen der Corona-Situation aufgeschoben, schreibt Chantal Friebertshäuser, Geschäftsführerin von MSD Sharp & Dohme GmbH, anlässlich des Weltkrebstages. Doch die Folgen lassen sich nicht wiedergutmachen.

von Chantal Friebertshäuser, CEO von MSD Sharp & Dohme GmbH

veröffentlicht am 04.02.2022

aktualisiert am 08.02.2022

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Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie gut das deutsche Gesundheitssystem für Kranke funktioniert – aber nicht für Gesunde. Wichtige präventive Maßnahmen wurden gerade zu Beginn der Pandemie nicht mehr durchgeführt. Die Impfraten für Routineimpfungen sanken, etwa gegen Humane Papillomviren – Viren, die maßgeblich an der Entstehung einiger Krebsarten beteiligt sind. Außerdem wurden in Deutschland auch 21 Prozent weniger Krebsdiagnosen gestellt, wie Zahlen der European Cancer Organisation eindrücklich belegen. Kein Wunder: In einer Befragung der Universität Erfurt, an der auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beteiligt war, gab knapp jeder neunte Teilnehmende an, eine Krebsfrüherkennung wegen der Corona-Situation aufgeschoben zu haben. So blieben manche Krebserkrankungen im Ausnahmezustand der vergangenen Jahre unentdeckt und unbehandelt. Anfang 2021 nannte die WHO die Auswirkungen der Pandemie auf den Krebs katastrophal.

Denn die Folgen lassen sich nicht wiedergutmachen. Das Aufschieben kann schwerwiegende Konsequenzen haben – Früherkennung spielt bei Krebserkrankungen eine zentrale Rolle, etwa bei einer Darmkrebserkrankung. In Deutschland ist Darmkrebs nach Brustkrebs die zweithäufigste Krebserkrankung bei Frauen und die dritthäufigste bei Männern. Mehr als 60.000 Menschen erkranken hierzulande jährlich daran. Durch Vorsorge-Darmspiegelungen sinkt das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um 70 Prozent. 90 Prozent aller Darmkrebserkrankungen könnten bei früher Diagnose geheilt werden.

Zugang zu Screening-Angeboten als Schlüssel

Umso wichtiger ist es, Krebsvorsorge wieder verstärkt ins Bewusstsein zu rücken und die Voraussetzungen zu verbessern, um Screening-Angebote noch mehr Menschen noch früher zugänglich zu machen. Denn das gesetzliche Vorsorgeangebot greift nach wie vor zu kurz. Es fehlen gezielte Früherkennungsangebote für Personen mit einem familiären oder erblich bedingten Darmkrebsrisiko.

Der Erfolg einer engmaschigen Präventionsstruktur lässt sich bei Darmkrebs in konkreten Zahlen messen. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums haben die Effekte der Darmkrebsvorsorge im europaweiten Vergleich untersucht und dazu Krebsregisterdaten sowie Sterblichkeitsdaten der WHO aus dem Zeitraum zwischen 2000 und 2016 ausgewertet. Den Daten zufolge sank in Ländern wie Deutschland, Österreich oder Tschechien, die bereits früh ein Vorsorgeprogramm mit Stuhltests und Darmspiegelung eingeführt haben, die altersstandardisierte Darmkrebs-Inzidenz erheblich: Bei Männern um 1,6 bis 2,5 Prozentpunkte pro Jahr, bei Frauen um 1,3 bis 2,4 Prozentpunkte.

Trotz regulatorischer Fortschritte bleiben weiße Flecken

Deutschland hat in den vergangenen Jahren in regulatorischer Hinsicht bereits viel verbessert. 2013 trat das Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) in Kraft – damit wurde ein persönliches Einladungsverfahren ebenso möglich wie die risikoangepasste Krebsprävention für besondere Risikogruppen. 2019 wurde die Altersgrenze für den gesetzlichen Anspruch auf zwei Früherkennungskoloskopien im Abstand von zehn Jahren bei Männern von 55 auf 50 Jahre herabgesetzt. Zudem werden seit 2019 alle Anspruchsberechtigten persönlich angeschrieben und zur Darmkrebsvorsorge eingeladen. Ein Ansatz, der eine vielversprechende Tendenz erkennen lässt: Selbst im Jahr 2020 wurde für Vorsorge-Darmspiegelungen im Gegensatz zu anderen Präventionsangeboten noch ein Teilnehmerplus verzeichnet, wie die Felix-Burda-Stiftung meldet. Für die Altersgruppe der 50- bis 54-Jährigen werden jährlich neben der Vorsorgekoloskopie alternativ immunologische Tests auf Blut im Stuhl zur Darmkrebs-Früherkennung angeboten.

Um das gesetzliche Angebot zu ergänzen, braucht es gezielte Früherkennungsangebote für Personen mit einem erblich bedingten Darmkrebsrisiko. Im Rahmen eines bundesweit organisierten Darmkrebs-Screenings mit Einladungs- bzw. Aufforderungsverfahren könnten diese Risikogruppen bereits mit Mitte 20 über ihr persönliches Risiko aufgeklärt werden. Menschen mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko müssten dann konsequenterweise dieselben gesetzlichen Leistungen offenstehen, die ihnen anderenfalls erst mit 50 bzw. 55 Jahren kostenfrei angeboten werden.

Es fehlt eine Aufklärungskultur für Prävention

Entscheidend ist aber auch, dass die Menschen die Angebote wahrnehmen. Bislang nutzen lediglich rund 24 Prozent der anspruchsberechtigten Versicherten in der GKV die gesetzlichen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen. Was in Deutschland fehlt, ist eine starke Aufklärungskultur für Prävention. Hier ist die Politik ebenso gefragt wie die Gesundheitswirtschaft. Wir müssen ein umfassendes und verständliches Informationsangebot zu den Menschen bringen, das ihnen dabei hilft, medizinische Angebote zu Vorbeugung und Früherkennung zu kennen und richtig einzuordnen.

Dabei ist die nachhaltige Digitalisierung des Gesundheitswesens essenziell. Ein digital vernetztes Gesundheitswesen kann Vorsorge für viele Menschen zugänglicher gestalten und die Patientenkompetenz stärken. Gleichzeitig ließe sich auch die Qualitätssicherung der Darmkrebsvorsorge optimieren: indem existierenden Daten zur Darmkrebsvorsorge enger mit einzelnen Maßnahmen verzahnt werden, um den Effekt von Screenings zuverlässig zu erfassen.

Jede Verbesserung in Prävention rettet nicht nur Leben, sondern steigert auch die Lebensqualität. Bei aller berechtigten Euphorie über die enormen medizinischen Fortschritte, beispielsweise in der Immunonkologie: Eine Krebserkrankung ist immer ein Einschnitt in das Leben der Betroffenen. Eine Umfrage im Auftrag von MSD in Deutschland unter 251 Befragten, die bereits eine Krebstherapie und anschließende Behandlung abgeschlossen haben, zeigt: 42 Prozent der Befragten leiden auch nach Abschluss der Therapie unter psychischen Beschwerden. 45 Prozent haben ihren Job komplett aufgegeben. Und 59 Prozent der Betroffenen, glauben, dass die Erkrankung lebenslange Auswirkungen auf ihren körperlichen Gesundheitszustand hat. Wir sollten deshalb alles daransetzen, durch Prävention und regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen Krebs frühzeitig zu erkennen und bestenfalls gar nicht erst entstehen zu lassen.

Chantal Friebertshäuser ist Geschäftsführerin von MSD Sharp & Dohme GmbH.

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