Standpunkt Kritische Lücken schließen

Über eine Milliarde Menschen leiden an vernachlässigten Tropenkrankheiten, vor allem dort, wo es an sauberem Trinkwasser, ausreichender Nahrung und grundsätzlicher Gesundheitsversorgung fehlt. Unter Corona hat sich diese Krise verschärft, schreibt der Infektionsepidemiologe Jürgen May im Standpunkt.

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Die Pandemie durch SARS-CoV-2 ist gegenwärtig die größte Herausforderung für die globale Gesundheit. In vielen Teilen der Welt stehen aber nicht die direkten Folgen von Covid-19 im Vordergrund, sondern die indirekten Folgen durch die Belastung der Gesundheitssysteme. In ärmeren Ländern (auf Englisch: Low and Middle Income Countries) wird durch Ängste vor Covid-19 und notwendig erachtete Restriktionen weniger gegen Kinderkrankheiten geimpft, weniger Schwangerenvorsorge durchgeführt und weniger für die Kontrolle endemisch vorkommender Tropenkrankheiten getan. Vor allem die sogenannten „Vernachlässigten Tropenkrankheiten“ werden noch stärker vernachlässigt. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listet 20 Vernachlässigte Tropenkrankheiten (auf Englisch: Neglected Tropical Diseases, NTDs) – wichtige Infektionskrankheiten jenseits Malaria, Tuberkulose und HIV/AIDS. Es handelt sich um Infektionen durch Viren, Bakterien und Parasiten, die meist die ärmsten Bevölkerungsteile betreffen. An NTDs sind weltweit über eine Milliarde Menschen erkrankt, vor allem dort, wo die Bevölkerung ohne gesicherten Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitärer Versorgung, ausreichender Nahrung und grundsätzlicher Gesundheitsversorgung in oft schwer zugänglichen Gebieten lebt. 

Ein Teufelskreis

NTDs verursachen Schmerzen und Behinderungen, die dauerhafte gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft haben. Sie hindern Kinder daran, zur Schule zu gehen, Erwachsene daran, zu arbeiten, und halten Gemeinschaften in einem Kreislauf von Armut und Ungleichheit gefangen. Menschen, die von Behinderungen und Beeinträchtigungen durch NTDs betroffen sind, erfahren in ihren Gemeinschaften oft eine Stigmatisierung, die ihnen den Zugang zu der benötigten Versorgung weiter erschwert und zu sozialer Isolation führt. 

Armutsbedingte und vernachlässigte Tropenkrankheiten werden gemeinhin als eine der wesentlichen globalen Gesundheitsherausforderungen der nächsten Jahre gesehen. Dies berührt die 2016 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Millenniums-Entwicklungsziele (SDG), insbesondere diejenigen, die die Gesundheit und Sterblichkeit von Kindern betreffen. 

Ziel ist es, diese Krankheiten in einem überschaubaren Zeitrahmen weltweit auszurotten, regional zu reduzieren oder wenigstens besser unter Kontrolle zu halten. 

Kostengünstige Medikamente

Durch politisches Interesse, zivilgesellschaftliches Engagement sowie die Bereitstellung von kostengünstigen und -freien Medikamenten konnten vor der Pandemie Fortschritte bei der Bekämpfung der NTDs erreicht werden. Heute sind 600 Millionen Menschen weniger von NTDs bedroht als noch vor zehn Jahren, und 42 Länder haben mindestens eine NTD eliminiert. Darüber hinaus wurden in den Jahren 2015 bis 2019 in fünf aufeinanderfolgenden Jahren mehr als eine Milliarde Menschen pro Jahr durch globale Programme versorgt. 

Es sind nun, am Ende der SARS-CoV-2-Pandemie, wieder weitere Anstrengungen bei der Intervention nötig, um die erfolgreichen Aktivitäten fortzusetzen. Außerdem sind insbesondere am Ende der Ausrottung von Infektionskrankheiten besondere Maßnahmen erforderlich, die auch innovative Forschung voraussetzen. 

Ausrottung als Ziel

Ein neuer Fahrplan der WHO schlägt ehrgeizige Ziele und innovative Ansätze vor, um NTDs zu bekämpfen. Zu den Zielen gehören die Ausrottung von Dracunculiasis (Guineawurm) und Frambösie (tropische Syphilis) sowie eine Reduzierung des Behandlungsbedarfs von NTDs um 90 Prozent bis 2030. Weiter übergreifende globale Ziele für 2030 sind, in mindestens 100 Ländern mindestens eine NTD eliminiert zu haben und durch NTDs verursachte behinderungsbedingte Lebensjahre (so genannte DALYs) um 75 Prozent zu reduzieren. 

Die WHO-Roadmap ist darauf ausgerichtet, kritische Lücken bei mehreren Krankheiten zu schließen, indem Ansätze und Maßnahmen in die nationalen Gesundheitssysteme integriert und übergreifend eingesetzt werden. Dabei ist eine größere Eigenverantwortung der nationalen und lokalen Regierungen gefordert. Die Coronakrise hat gezeigt, dass auch ärmere Länder schnell und engagiert bei Gesundheitsproblemen agieren können, wenn die Einsicht einer Bedrohung vorherrscht. Die Erkenntnis, dass auch die schleichend verlaufenden NTDs durch den Teufelskreis von Armut und Krankheit eine ökonomische Bedrohung für die Länder selbst sind, hat sich noch nicht überall durchgesetzt. 

Roadmap der WHO

Darüber hinaus verfolgt die Roadmap zehn Querschnittziele und krankheitsspezifische Ziele, darunter die Reduzierung der Zahl der Todesfälle durch Mücken-übertragene NTDs wie Dengue, Filariosen, Leishmaniose und andere um mehr als 75 Prozent, die Förderung des uneingeschränkten Zugangs zu grundlegender Wasserversorgung, sanitären Einrichtungen und Hygiene in Gebieten, in denen NTDs endemisch sind, sowie eine größere Verbesserung bei der Erhebung und Berichterstattung von NTD-Daten. 

Es kommen zunehmend erhebliche Herausforderungen hinzu, darunter Klimawandel, Urbanisierung, Mobilität, internationale und nationale Konflikte, neu auftretende zoonotische und umweltbedingte Gesundheitsbedrohungen sowie anhaltende Ungleichheiten beim Zugang zu Gesundheitsdiensten, angemessenem Wohnraum, sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Ein gesamtheitlicher, sogenannter One-Health-Ansatz, der humanmedizinische, tiermedizinische und Umwelt-Aspekte einbezieht, ist für eine erfolgreiche Umsetzung erforderlich. 

Forschung und Entwicklung von Medikamenten, Impfstoffen und Diagnostik für NTDs sind ebenfalls von erheblicher Bedeutung für die Erreichung der Ziele. Eine politische Führungsrolle Deutschlands bei der Unterstützung der Bekämpfung von NTDs zieht auch die Notwendigkeit für eine umfassende nationale Strategie zur Förderung von NTD-Forschung mit sich. Diese sollte die Forschungsaktivitäten in Deutschland integrieren und auf bestehende Strukturen aufbauen.  

Vorsorge und Kontrolle

Unterstützend bei der Bekämpfung von NTDs sind die Tropeninstitute und tropenmedizinischen Abteilungen der Universitäten, die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Globale Gesundheit (DTG) und verschiede Nicht-Regierungs-Organisationen wie das Deutsche Netzwerk gegen Vernachlässigte Tropenkrankheiten (DNTDs). 

Vorsorgemaßnahmen und Infektionskontrolle, aber auch Forschung und ihre Förderung zu Infektionskrankheiten, sollten sich nicht mehr auf SARS-CoV-2 konzentrieren. Während die Pandemie bald beendet sein wird, werden die Vernachlässigten Tropenkrankheiten bei Milliarden Menschen weiter den Teufelskreis von Armut und Krankheit aufrechterhalten. 

Professor Jürgen May ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg und Leiter der Abteilung Infektionsepidemiologie sowie im Beirat der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit (DTG).

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