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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Lieber dringende Strukturreformen anpacken

Andrea Galle ist Vorständin der BKK VBU
Andrea Galle ist Vorständin der BKK VBU Foto: BKK VBU

Mit den Gesundheitskiosken soll die sektorenübergreifende Versorgung ein großes Stück vorangebracht. Aber ist dieser Weg der einzig richtige? Andrea Galle, Vorständin der BKK VBU, hat da ihre Zweifel.

von Andrea Galle

veröffentlicht am 09.11.2022

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Deutschland soll 1.000 Gesundheitskioske bekommen, das ist die Idee von Karl Lauterbach. Orte, an denen Menschen niederschwellig beraten werden, mit besonderem Augenmerk auf sozial benachteiligte Regionen und Stadteile. Ein flächendeckendes Unterstützungsangebot, das darauf zielt, Gesundheitskompetenz zu stärken und dabei die sozialen Determinanten von Gesundheit aufnimmt. So weit, so gut. Die Idee der Gesundheitskioske überzeugt auf den ersten Blick, doch schaut man sich das Vorhaben genauer an, kommen viele Fragen auf.

Welche sich mir am stärksten aufdrängt, ist die Frage, warum es eine neue bundesweite Struktur von neu geschaffenen Kiosken braucht, statt schon vorhandene Strukturen und Synergien zu nutzen? Sollten wir nicht besser die dringenden Strukturreformen anpacken und aufräumen, bevor wir schon wieder etwas Neues hinzufügen – und eine teure Doppelstruktur aufbauen? So werden die Versorgungsbrüche doch allenfalls mit Bypässen überbrückt statt die Gesamtstruktur zu reformieren.

Auch die geplante Finanzierung macht stutzig. Den Betrieb des Gesundheitskiosks in Billstedt-Horn in Hamburg am Laufen zu halten, kostet rund eine Million Euro im Jahr. Hochgerechnet auf 1.000 Kioske bundesweit wären wir etwa bei einer Milliarde Euro, von denen die gesetzlichen Krankenkassen rund 74,5 Prozent der Kosten übernehmen sollten laut Eckpunktepapier des Ministers. Viel Geld angesichts der Finanznot der gesetzlichen Krankenkassen in den nächsten Jahren. Die Finanzmittelknappheit zwingt uns aktuell, an allen Ecken und Enden zu sparen, und die Beitragszahlenden erwarten sowieso schon Beitragserhöhungen. Es erscheint mir kein guter Zeitpunkt, mit neuen Gesetzen immer weitere Ausgaben zu provozieren, statt innezuhalten und „Inventur“ zu machen, um Schnittstellen zu definieren, wie wir gemeinsam Versorgung besser, gerechter und patientenorientierter gestalten können.

Gießkannen-Prinzip ist falsch

Zum jetzigen Zeitpunkt den Billstedter Kiosk zu skalieren, scheint mir nicht zu Ende gedacht. Konzipiert ist das Angebot eigentlich für soziale Brennpunkte, aber die Rechnung „ein Kiosk für 80.000 Bewohner“ orientiert sich an der Einwohnerzahl Deutschlands. Eine Pro-Kopf-Rechnung ist nichts mehr als reines Gießkannen-Prinzip anstatt individuell Orte zu definieren, die von dem Angebot auch profitieren würden.

Zudem war der Gesundheitskiosk in Billstedt ein modellhaftes Innovationsfondsprojekt, dessen grundsätzliches Ziel es ist, Erfahrungen in der Umsetzung von Konzepten zu generieren. 18 Monate sind eine kurze Zeit, um ein so komplexes Gebilde wie die Gesundheitskioske zu bewerten und evaluieren, dass es direkt für ein bundesweites eins zu eins Rollout reichen würde. Man tut gut daran, nicht einfach nur die Struktur zu kopieren, sondern die Learnings aus dem Modellprojekt zu diskutieren – und dann passgenaue Lösungen abzuleiten, wie es ja auch die eigentliche Idee des Innovationsfonds vorsieht.

Einen genauen Blick sollte man wohl auch auf das Engagement von kommerziellen Anbietern werfen, die hier ein lukratives Geschäftsfeld wittern. Uns haben als Krankenkasse erste Konzepte für einen Aufbau eines Gesundheitskiosks in Berlin erreicht, bei dem der Aspekt der Gesundheitsförderung sehr gering im Gegensatz zum Anteil der Migrationshilfen war. (Es sei angemerkt: Sollte das die gewollte Zielstellung sein, darf bei dieser Ausrichtung die Finanzierung aber nicht hauptsächlich beitrags-, sondern muss anteilig auch steuerfinanziert sein.)

Bevor wir aus den Gesundheitskiosken am Ende noch eine Goldgrube für Unternehmer machen, sollten wir doch einen Blick auf die bereits existierende Vielzahl an Beratungs- und Unterstützungsangeboten werfen und überlegen, worauf wir aufbauen können. Warum nutzen wir z.B. nicht die Pflegestützpunkte und denken über eine Erweiterung nach? Sie zeigen uns beispielhaft, wie neben Pflegeberatern auch Kommunen, Krankenkassen oder auch Selbsthilfegruppen und, je nach Förderprogrammen der Länder, auch Angebote der Wohlfahrtsverbände oder der Verbraucherzentralen integriert und Pflegebedürftige interprofessionell und individuell unterstützt werden können.

Aufgabe der Krankenkassen

Und was ist mit den Kranken- und Pflegekassen, die per Gesetz einen Beratungsauftrag haben? Im SGB V ist festgeschrieben: „Die Krankenkassen haben den Versicherten dabei durch Aufklärung, Beratung und Leistungen zu helfen und unter Berücksichtigung von geschlechts-, alters- und behinderungsspezifischen Besonderheiten auf gesunde Lebensverhältnisse hinzuwirken.“ Es gehört mit zu unseren Kernaufgaben, Menschen zu jedweden Gesundheitsthemen zu beraten, präventive Maßnahmen individuell im Blick zu haben und sie an Fachspezialisten weiterzuvermitteln. Die Krankenkassen kennen ihre Kundinnen und Kunden, sie können bedarfsgerecht und individuell beraten und sind bereit – auch in neuen Rollenbildern – ihr Knowhow miteinzubringen. Was ich mir wünsche ist, dass wir in Zukunft noch stärker in neuen Partnerschaften gemeinsam arbeiten, denn es wird darauf ankommen, Versorgung und Prävention, Rehabilitation oder Pflege auch mit sozialen und kommunalen Angeboten zu verknüpfen.

Ehrlich fragen sollte man sich nicht auch zuletzt, ob es wirklich eine gute Idee ist, in Zeiten des Fachkräftemangels mehrere tausend medizinische Fachkräfte den anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens zu entziehen, um sie in den neuen Beratungsstellen der Gesundheitskioske anzustellen. Gäbe es nicht auch digitale Lösungen, die die Akteure im Gesundheits- und Sozialwesen untereinander und mit den Patientinnen und Patienten besser vernetzt? In digitalen Zugängen zu Gesundheitsversorgung liegen riesige Chancen – wir müssen nur mutig genug sein, sie auszutesten und vor allem dazu bereit sein, Schnittstellen abzubauen, plattformbasiert zusammenzuarbeiten und altes Silodenken auszutauschen für eine konsequente Zentrierung auf die Patienten.

Im Gespräch bleiben

Es bleiben viele Fragen offen. Die Gesundheitskioske seien eine Riesenchance, liest man. Vielleicht sind sie vor allem eine Chance, sektorenübergreifend ins Gespräch zu kommen und Learnings ehrlich zu diskutieren. Doch der Minister scheint einen anderen Weg einschlagen zu wollen. Kürzlich erst lässt er verlauten, dass ihn Widerstände, selbst große, wie bei der Digitalisierung oder beim Aufbau von bis zu 1.000 Gesundheitskiosken nicht davon abhalten könnten, weiterzumarschieren. Denn Widerstände seien da, „damit wir sie überwinden“, so Lauterbach wörtlich.

Widerstände zu überwinden, ist immer eine Herausforderung. Das geht am besten, wenn man die Beteiligten einbindet und deren Know-how nutzt, um zu guten Lösungen zu kommen. „Widerstände überwinden“, heißt gerade nicht, sie zu ignorieren, denn man läuft Gefahr, dass aus „gut gemeint“ in der Umsetzung später eben nicht „gut gemacht“ wird.

Um wirklich gute, tragfähige Lösungen zu finden, braucht es Austausch, um alle Argumente und Hintergründe im Blick zu haben. Angesichts der offenen Fragen zur Sinnhaftigkeit und der Komplexität des Vorhabens, flächendeckend Gesundheitskioske einzuführen, wäre Lauterbach wohl gut beraten, in den Austausch zu gehen.

Andrea Galle ist Vorständin der BKK VBU.

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