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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Männer und Frauen ticken anders

Petra Thürmann ist Leiterin des Zentrums für Klinische Forschung am Helios Universitätsklinikum Wuppertal und Lehrstuhlinhaberin Klinische Pharmakologie der Uni Witten/Herdecke
Petra Thürmann ist Leiterin des Zentrums für Klinische Forschung am Helios Universitätsklinikum Wuppertal und Lehrstuhlinhaberin Klinische Pharmakologie der Uni Witten/Herdecke Foto: privat

Frauen sind anders krank als Männer. Deshalb ist in der Medizin „der kleine Unterschied“ manchmal ein großer. Wie die Gendermedizin bei Diagnose und Therapie stärker auf die Unterschiede von Frauen und Männern eingehen will, erklärt Petra Thürmann in ihrem Standpunkt.

von Professor Dr. Petra Thürmann

veröffentlicht am 01.07.2022

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Männer und Frauen können sehr unterschiedlich auf Inhaltsstoffe von Medikamenten reagieren. Einer der Hauptgründe, warum Frauen oft stärkere Nebenwirkungen bei der Einnahme von Medikamenten entwickeln, ist das Gewicht. Das hängt schon allein damit zusammen, dass Frauen im Durchschnitt acht bis zehn Kilo leichter sind als Männer und das Verhältnis von Fett, Wasser und Muskelmasse bei ihnen ein anderes ist. Die geringere Körpermasse von Frauen macht bei manchen Wirkstoffen eine geringere Dosis erforderlich.

Für den Abbau und die Ausscheidung von Giftstoffen und auch Arzneimitteln sind Leber und Nieren verantwortlich. Die Leber ist bei Frauen und Männern unterschiedlich stark mit Enzymen ausgestattet. Diese Enzyme sind dafür verantwortlich, wie schnell oder langsam ein Arzneimittel abgebaut wird. So sind beispielsweise die Blutspiegel des Antidepressivums Duloxetin bei Frauen etwa doppelt so hoch wie bei Männern, meist benötigen sie eine niedrigere Dosis oder haben mehr Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass die Nieren von Frauen langsamer arbeiten, sodass manche Wirkstoffe nicht so schnell ausgeschieden werden wie bei Männern, deren Nieren schneller arbeiten. Aufgrund dieser Unterschiede hat die amerikanische Zulassungsbehörde FDA zum Beispiel für das bekannte Beruhigungs- und Schlafmittel Zolpidem die Dosis für Frauen auf fünf Milligramm und für Männer auf das Doppelte festgesetzt.

In Bezug auf Wirksamkeit und Abbau von Medikamenten sind zudem die Hormone zentral. Sie beeinflussen viele physiologische Vorgänge. Bestimmte Herzrhythmusstörungen treten deshalb bei Frauen als Nebenwirkung mancher Medikamente doppelt so häufig auf wie bei Männern.

Unterschiede bei Medikamenten und Infektionen

Und auch das Phänomen Schmerz und die beste Therapie oder Vorbeugung sind immer wieder Gegenstand zahlreicher Untersuchungen zu Geschlechterunterschieden. Inzwischen weiß man: Die Andockstellen für Medikamente aus der Gruppe der Opiate, die sogenannten Opiatrezeptoren, sind bei Frauen und Männern unterschiedlich ausgeprägt, sowohl in ihrer dreidimensionalen Struktur als auch der Anzahl und dem Verhältnis verschiedener Rezeptoren untereinander. So benötigen Frauen von dem Opiat Nalbuphin eine geringere Dosis als Männer, um schmerzfrei zu sein. Andererseits erleiden Frauen unter der Standarddosis von dem Opiat Morphin häufiger eine Unterdrückung ihres Atemreflexes als Männer. Das heißt, das Mittel wirkt zu stark. Diese Unterschiede sind bei vergleichbaren Blutspiegeln festzustellen, Unterschiede im Stoffwechsel und der Ausscheidung spielen also keine Rolle.

Bei COVID-19 haben wir deutliche Unterschiede im Krankheitsverlauf zwischen Frauen und Männern gesehen: Hier sind Männer im Nachteil, sie haben oftmals einen ungünstigeren Verlauf. Dies beruht sehr wahrscheinlich auf Unterschieden im Immunsystem. Allerdings fehlen uns bisher Daten zu den unterschiedlichen Wirkungen der Therapien. Spätestens bei den Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe wurden geschlechterspezifische Unterschiede offensichtlich, denn während gerade junge Frauen häufiger Hirnvenenthrombosen unter dem Impfstoff von AstraZeneca bekamen als Männer, erlitten junge Männer nach Gabe eines mRNA- Impfstoffs wiederum häufiger Herzmuskelentzündungen als Frauen und ältere Männer. Insgesamt haben wir nun bei den Corona-Impfstoffen sehr differenzierte Empfehlungen nach Geschlecht und Alter.

Zu wenig Studien mit Frauen

Doch was ist die Ursache für das Ungleichgewicht? Es beginnt in der experimentellen Forschung, wo bevorzugt männliche Nagetiere als Modell dienen, obwohl weibliche Mäuse und Ratten Medikamente anders verstoffwechseln als ihre männlichen Artgenossen. Auch das Verhalten weiblicher Ratten unter Stress ist anders als bei den Männchen, sodass beispielsweise Hinweise auf Angst, Blutdruck und hormonelle Reaktionen nach Medikamentengabe unterschiedlich ausfallen und vorsichtig interpretiert werden müssen.

Frauen sind bei Medikamentenstudien unterrepräsentiert, da in der Frühphase der Medikamentenforschung oftmals nur junge Männer eingeschlossen werden und auch in den späteren Studien Frauen oftmals nicht ausreichend repräsentiert sind. Bei manchen Erkrankungen sind Frauen nicht in dem Prozentsatz an Studien beteiligt, zu dem sie diese Erkrankung im wahren Leben haben. Dazu zählen der akute Herzinfarkt, aber auch Nierentransplantation und Darmkrebs. Betrachtet man das Geschlechterverhältnis bei dem Auftreten dieser Erkrankungen, so sind in den Studien nur etwa halb so viele Frauen eingeschlossen, wie es eigentlich entsprechend der Häufigkeit sein sollte. Mögliche Schwangerschaften sind eine Begründung dafür, denn während der klinischen Studien liegen noch keine Informationen darüber vor, ob Substanzen möglicherweise einem Embryo schaden könnten. Falls eine Studienteilnehmerin schwanger ist, muss dieses Risiko aber ausgeschlossen werden.

Doch es gibt auch Fortschritte in der Gendermedizin. In den Fachinformationen für Ärzt:innen und Apotheker:innen ist das Thema immer präsenter. Außerdem richten die Zulassungsbehörden immer mehr ihr Augenmerk auf den Aspekt der „Diversity“, was Alter, Geschlecht und ethnische Herkunft anbetrifft. Auch gibt es schon gezielt Untersuchungen zu bestimmten und sehr wichtigen Medikamenten bei Transgenderpersonen. Wenn wir die Forschung weiter intensivieren, werden wir in Zukunft Erkrankungen bei Frauen, Männern und auch Personen mit diversem Geschlecht immer zielgerichteter erkennen und behandeln können.

Professor Dr. Petra Thürmann ist Leiterin des Zentrums für Klinische Forschung am Helios Universitätsklinikum Wuppertal und Lehrstuhlinhaberin Klinische Pharmakologie der Uni Witten/Herdecke. Sie ist zudem Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit der Bundesregierung. 

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