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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

„Nudging“ wird unterschätzt

Mathias Krisam, Gründer von der Gesundheitsberatung „läuft“
Mathias Krisam, Gründer von der Gesundheitsberatung „läuft“

Nicht mit Sanktionen oder Vorschriften, sondern vor allem mit positiven Anreizen können Menschen zu einem gesunden Lebensstil motiviert werden, sagt Mathias Krisam, der Unternehmen im Gesundheitssektor zum Thema „Nudging“ berät. Nicht nur bei Impfkampagnen sei dies eine wichtige Strategie, sondern auch in vielen anderen Bereichen der Gesundheitspolitik.

von Mathias Krisam

veröffentlicht am 27.08.2021

aktualisiert am 31.08.2021

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Nach wie vor gehen wir im Gesundheitswesen vom falschen Menschenbild aus. Und das hat fatale Folgen für das Voranschreiten chronischer Erkrankungen. Wie in vielen anderen Bereichen fundieren viele Maßnahmen auch im Gesundheitssektor auf einem Verständnis des Menschen als Homo oeconomicus. Dieses Bild nimmt an, dass wir immer rational entscheiden, und wir entsprechend den Patienten/Bürger/Versicherten nur mit Informationen versorgen müssen, damit er/sie das gewünschte Verhalten zeigt; also nicht raucht, nicht zu viel trinkt, ausreichend schläft, sich gesund und ausgewogen ernährt, regelmäßig bewegt, seine Medikamente korrekt einnimmt oder Hilfsmittel und weitere Medizintechnikgeräte richtig nutzt.

Ein nüchterner Blick auf eigene Verhaltensweisen und Routinen würde diese falsche Prämisse bereits im Grundsatz aus den Angeln heben. Und gerade diejenigen, die in der Praxis mit eben diesen Menschen zu tun haben, wissen nur zu gut, wie schwierig es ist, Verhaltensweisen zu ändern beziehungsweise gesunde Routinen zu etablieren.

Nudging und verhaltenswissenschaftliche Elemente

Seit einigen Jahren hat sich insbesondere in der Ökonomie ein anderes Menschenbild als Grundlage von Interventionen entwickelt; nämlich das eines Menschen, der emotional handelt, der sein Verhalten in Routinen strukturiert und Entscheidungen trifft, die aus einer nüchternen Perspektive als irrational und nachteilig erweisen.

Das Konzept des Nudgings hat in diesem Zuge ganz besondere Aufmerksamkeit erhalten. Die amerikanischen Professoren und Begründer der Nudging-Theorie Cass Sunstein und Richard Thaler (Nobelpreis für Ökonomie 2017) definieren Nudging wie folgt: „Nudges sind jegliche Aspekte einer Entscheidungsarchitektur, welche das Verhalten von Personen vorhersagbar beeinflussen, ohne bestimmte Handlungsoptionen durch Vorschriften und Gesetze vorzuschreiben oder zu verbieten oder entscheidungsrelevante ökonomische Anreize zu setzen. Ein Nudge muss einfach und günstig vermeidbar sein. Vorschriften sind keine Nudges. Obst auf Augenhöhe zu positionieren zählt als Nudge, Fast Food zu verbieten hingegen nicht“.

Es geht also darum, Menschen unter Wahrung ihrer Wahlfreiheit zu besseren Entscheidungen „anzustupsen“ (englisch „to nudge“). Dies geschieht in diesem Fall primär durch Änderungen der sogenannten Entscheidungsarchitektur. Damit ist die physische und immaterielle Umgebung gemeint, die Einfluss auf eine Entscheidung oder Verhalten nimmt. Also zum Beispiel eine andere Positionierung von Speisen in einer Kantine (physisch) oder die Kommunikation sozialer Normen (immateriell). So reduzierte der britische NHS das Verschreiben unnötiger Antibiotika um fast 5 Prozent, indem es einen Brief an diejenigen Hausärzte mit den höchsten Verschreibungsraten verschickte. In diesem Schreiben verwiesen sie darauf, dass die jeweiligen Adressaten zu den „High-Prescribern“ gehörten und die Mehrheit ihrer Peer-Group weniger verschrieb.

Konkrete Beispiele für „Nudging“

Um im Gesundheitswesen voranzukommen, sollten wir uns jedoch nicht nur auf Nudging konzentrieren. Vielmehr sollten die gesammelten Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften in die Entwicklung von Maßnahmen einbezogen werden. Grundsätzlich geht es immer darum, gewünschte beziehungsweise gesunde Verhaltensweisen so einfach und attraktiv wie möglich zu machen. Dazu ein paar praktische Beispiele:

  • Steigerung von Impfquoten: Tatsächlich finden sich in den aktuellen Bestrebungen zur Steigerung der Corona-Impfungen viele Ansätze aus den Verhaltenswissenschaften: Einsatz von Testimonials, Einsatz sozialer Normen, die Vereinfachung der Impfung in Impfzentren, Betrieben und Supermärkten, Anreizsysteme (wie die viel zitierte Bratwurst). Dies sind alles Positivbeispiele, die jedoch das Potential noch nicht vollständig ausschöpfen. Wichtig ist vor allem die Aufrechterhaltung dieser Maßnahmen und Ausweitung auf andere Impfungen.
  • Betriebliche Gesundheitsförderung: Für mehr Bewegung können Treppenhäuser angenehmer gestaltet oder regelmäßig besuchte Räume in größeren Betrieben derart platziert werden, dass Mitarbeitende sich automatisch mehr bewegen müssen, um dorthin zu gelangen. Kantinen sind ein hervorragender Ort, um Nudges zur Ernährungsförderung einzusetzen. Die Entscheidung von VW, die Currywurst ganz zu verbannen, ist auf jeden Fall kein Nudge. Raucherecken sind häufig sehr beliebte soziale Orte, um Frust abzulassen, sich auszusprechen und kurz etwas Distanz zum Arbeitsalltag zu gewinnen. Eine äquivalente Alternative als Nichtraucherecke bietet diese Möglichkeit auch Nichtrauchern; und Raucher wählen diesen Ort häufiger anstelle der „Tabakecke“.
  • Ernährungsförderung in Schulen: Immer mehr Schüler:innen essen in der Schule täglich zu Mittag. Vor diesem Hintergrund sind insbesondere Kantinen/Mensen geeignete Settings, um gesundheitsförderliche Nudges einzusetzen: Sei es die überlegte Positionierung von gesunden Speisen in Kantinen und Bistros oder die Verwendung einfacher Signale wie eine Lebensmittelampel. Gerade in Schulen liegt zudem ein immenses Potential im „Relabeling“ von Speisen. Damit ist die Umbenennung gesunder Speisen gemeint. So wird ein Romanesco-Reis-Auflauf von mehr Kindern gewählt, wenn er als „Manuel-Neuer-Kraftspeise“ oder „Eisprinzessin-Zauber“ angepriesen wird, je nach Alter, Geschlecht und Herkunft.
  • Nudging für digitale Gesundheitsprodukte: Digitale Gesundheitsprodukte erhalten politisch und wirtschaftlich eine immer größere Bedeutung in Deutschland. Viele Gesundheits-Apps verlieren ihre Nutzer:innen jedoch schon innerhalb kürzester Zeit. Dies ist weder im Sinne der Anbieter noch einer besseren Versorgung von Patient:innen mit optimalen Therapie-Outcomes dienlich. DiGAs müssen daher inhaltliche Korrektheit und Attraktivität in der Bedienung miteinander verbinden, um erfolgreich zu sein. Dies gelingt insbesondere durch Anreizsysteme, Belohnungen und Funktionen, die unsere Verlustaversion erhöhen und die Nutzer damit stärker ans Produkt binden.
  • Einsparungen für Krankenversicherungen: Wenden Krankenversicherungen die Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften in ihrer Kommunikation mit Versicherten an, winken insbesondere bei größeren Versicherungen Einsparungen in mehrfacher Millionenhöhe – und dies bei einem sehr überschaubaren Aufwand. Besseren Kundenservice, eine Verbesserung der Versorgungsqualität, eine höhere Effizienz und Kosteneinsparungen können Krankenversicherungen durch die Anwendung von Verhaltenswissenschaften in ihrer Kundenkommunikation erreichen. Erfolgreiche Versicherungen setzen diese Techniken sowohl in der analogen (insbesondere Schriftgut) als auch digitalen Kundenkommunikation (insbes. Online-Geschäftsstelle) ein.

Wir müssen also anerkennen, dass viele Entscheidungen im Gesundheitswesen nicht rein rational getroffen werden. Nudging und die Verhaltenswissenschaften setzen an dieser alles entscheidenden Erkenntnis an und entwerfen auf dieser Basis vielversprechende Interventionen. Erfolgreiche und innovative Akteure des Gesundheitswesens kommen daher langfristig nicht daran vorbei, diese Erkenntnisse auf allen Ebenen einzusetzen.

Seine erste berufliche Station führte Dr. Mathias Krisam als Strategieberater zur Boston Consulting Group, ehe er im Juni 2019 das Unternehmen „läuft“ gründete, das Institutionen und Firmen im Gesundheitssektor berät, etwa zu Prozessoptimierungen und Kundenkommunikation. Krisam studierte neben Medizin auch Sozialwissenschaften und arbeitete am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in einer Arbeitsgruppe zu Entscheidungspsychologie. Mit seiner Agentur organisiert Krisam gerade eine berlinweite Nudging-Aktion, bei der Teilnehmer sich 30 Tage lang täglich 30 Minuten bewegen sollen und dafür mit einem Gewinnspiel motiviert werden sollen.

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