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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Raus aus der Krise

Lennart Steuer, Co-Geschäftsführer von Pflegia
Lennart Steuer, Co-Geschäftsführer von Pflegia Foto: privat

Seit Jahrzehnten steht es schlecht um die deutsche Pflege. Hunderttausende Fachkräfte fehlen bereits, die Zahl der Berufsaussteiger ist unverändert hoch. Kaum verwunderlich bei gleichbleibend miserablen Arbeitsbedingungen in weiten Teilen der Branche – Grund zur Verwunderung gibt vielmehr, dass kaum etwas dagegen unternommen wird.

von Lennart Steuer

veröffentlicht am 24.08.2022

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Die deutsche Pflege ist chronisch unterbesetzt. Stand heute fehlen der Branche etwa eine Viertelmillion Fachkräfte. Durch den Mangel an Personal kommt es in der noch vorhandenen Belegschaft zu teils deutlicher Mehrbelastung – im Schnitt muss eine Pflegekraft durch das Fehlen neuer Kolleginnen und Kollegen rund 20 Prozent mehr arbeiten. Das heißt: 20 Prozent mehr Patienten pflegen und betreuen, 20 Prozent mehr Pflegebedürftige mit Essen versorgen, waschen und ankleiden, 20 Prozent mehr Medikamentenpläne im Auge behalten.

Verstärkt wird der Personalmangel noch durch den traditionell hohen Krankenstand der Branche: im Schnitt kommt jede Pflegekraft pro Jahr auf 27 Krankheitstage, in denen ihre Arbeit von den verbliebenen Kollegen übernommen werden muss, deren Mehrarbeit dadurch auf durchschnittlich 30 Prozent ansteigt. Das ist kurzfristig anstrengend, langfristig zermürbend und auch spürbar für Patienten und Pflegebedürftige, denen das verbleibende Personal aus schierem Zeitmangel nicht immer die nötige Aufmerksamkeit schenken kann. Letztendlich befeuert dieser Umstand einen altbekannten Teufelskreis: Je mehr Kollegen ausfallen oder gar kündigen, desto mehr steigt die Belastung für die Übriggebliebenen, was wiederum zu mehr Ausfällen und Kündigungen führt. Und so weiter.

Fatales Signal an die Pflege

Es mangelt an Ausgleich und Anerkennung. Obwohl die deutsche Pflege auf jeden Mann und jede Frau angewiesen ist, wird die offenkundige Überbelastung der Fachkräfte kaum gewürdigt — weder durch einen angemessenen Freizeitausgleich noch durch adäquate Bezahlung. Beim mangelhaften Freizeitausgleich ist der Schuldige schnell ausgemacht, denn es handelt sich um den üblichen Verdächtigen: Durch den Personalmangel kann der Erholungsurlaub für Pflegekräfte nicht oder kaum erhöht werden, stattdessen müssen in Krankheitsfällen oftmals Kollegen aus dem dringend benötigten Urlaub geholt werden. Auch eine Anerkennung in Form besserer Bezahlung ist kaum feststellbar, was gleichermaßen kaum anziehend auf möglichen Nachwuchs für die Pflege wirken dürfte. Zum Vergleich: Die ähnlich fachkraftbedürftige IT-Branche lockt mit saftigen Gehältern, guten Aufstiegschancen und allerlei Benefits Menschen aus der ganzen Welt.

Ein fatales Signal an die Pflege, deren überarbeiteten Kräfte, wenn überhaupt, mit wenig spürbaren Gehaltserhöhungen für ihre Vielzahl an Überstunden und ständige Erreichbarkeit belohnt werden. Es gibt genügend Stellschrauben — man muss bloß an ihnen drehen. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind ein Problem. Ein großes Problem sogar, doch unlösbar ist es nicht. Letztlich geht es um Vereinfachung, um Entlastung, um Anerkennung.

Und wenn man von beruflicher Anerkennung spricht, dann spricht man auch von Geld. Laut einer Studie der Hartmann Gruppe, einem Anbieter von Medizin- und Pflegeprodukten, würden bis zu 200.000 ausgebildete Pflegekräfte, die aber derzeit in anderen Bereichen tätig sind, bei besserer Bezahlung in die Pflege zurückkehren. Zwar ist für diesen September eine Vertariflichung der Pflege angesetzt, wodurch es also per Tarif zu Gehaltserhöhungen kommen soll, was zunächst natürlich zu begrüßen ist. Andererseits schränkt der Tarif die korrektiven Kräfte des freien Marktes ein, der, wenn weniger reguliert, auf den Nachfrageüberhang mit deutlich höherer Bezahlung reagieren könnte.

Meer an bürokratischen Hürden

Als Beispiel taugt hier wieder die IT, deren üppige Gehaltsversprechen auch Fachkräfte in Übersee aufhorchen lassen. Und gewiss: Anerkennung beginnt und endet nicht beim Geld, sie zeigt sich auch im Respekt vor fachlicher und über viele Jahre erarbeiteter Kompetenz, dem die Bürokratisierung der deutschen Pflege oft im Weg steht. So ist nicht immer nachvollziehbar, weshalb erfahrene Fachkräfte selbst bei simpelsten Entscheidungen zunächst einen Arzt konsultieren müssen.

Überall auf der Welt, besonders in Südamerika, Indien und Südostasien, gibt es Pflegekräfte, die sich eine Tätigkeit in Deutschland vorstellen können. Doch statt begeisterter Aufnahme – wie aktuell etwa an deutschen Flughäfen – erwartet ausländische Fachkräfte in der Pflege eher ein Meer an bürokratischen Hürden. Darunter eine Art einjähriger Angleichungsausbildung, die als solche zwar sinnvoll und richtig ist, für die Fachkraft aber eine einjährige Tätigkeit als Hilfskraft bei äußerst geringer Bezahlung bedeutet. Dass man da eher einen weiten Bogen um die deutsche Pflegebranche macht, dürfte niemanden wundern.

Auch – doch nicht nur bedingt durch die schlechten Arbeitsbedingungen – leidet die Pflege seit jeher unter einem schlechten Image, was sich auf die Nachwuchslage der Branche freilich nicht gerade positiv auswirkt. Und doch wird kaum etwas getan, um das Image dieses gesellschaftlich unbezahlbaren und noblen Berufs aufzupolieren, indem man etwa durch groß angelegte Kampagnen darüber aufklärt, dass die Pflege weit mehr ist als das bloße Füttern und Waschen von Alten und Schwachen, wie sie leider bis heute wahrgenommen wird. Auch leidet sie unter einer zunehmend durchakademisierten Arbeitswelt, in der eine berufliche Fachausbildung weniger zu gelten scheint als ein Bachelor of Irgendwas.

Ein bedauerlicher Trugschluss, der so leicht nicht aus der Welt zu schaffen ist – aber dem man durch die Entwicklung und Förderung pflegefokussierter Studiengänge begegnen könnte. Klar ist, es steht nicht gut um die deutsche Pflege. Doch klar ist auch, dass das nicht so bleiben muss. Eine angemessene Bezahlung für einen der wertvollsten Berufe unserer Gesellschaft, eine ausreichende Entlastung für die, die sich an unserer Statt liebevoll um unsere Alten kümmern, unseren Kranken wieder auf die Beine helfen, wären allein schon dem Anstand geschuldet. Eine Verschlankung der wuchernden Bürokratie, eine Aufklärung über Wesen und Wert der Pflegetätigkeit sind nötig und umsetzbar. Allesamt Schritte, die man nicht nur tun kann, sondern auch tun muss.

Lennart Steuer ist Mitgründer und Co-Geschäftsführer von Pflegia, einer Stellenvermittlung für Pflegekräfte.

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