Standpunkt Rettungsdienst braucht zentrale Reformen!

Seit einem tragischen Todesfall vor über 50 Jahren setzt sich die Björn Steiger Stiftung für die Verbesserung der Notfallhilfe und des Rettungswesens ein. Ihr Präsident, Pierre-Enric Steiger, erklärt im Standpunkt, welche grundlegenden Verbesserungen der Rettungsdienst in Deutschland braucht.

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Als Sohn von Siegfried Steiger, der nach dem Unfalltod seines Sohnes und meines Bruders Björn 1969 die Missstände in der damaligen deutschen Notfallhilfe auf die politische Tagesordnung brachte und damit den Beginn der modernen Notfallrettung begründete, sind die Entwicklungen im Rettungswesen der letzten 20 Jahre mehr als bedrückend. Wir hatten uns als Stiftung für das Jahr 2020 vorgenommen, diese Situation aufzuzeigen und damit den Rettungsdienst wieder auf die politische Agenda zu bringen. Corona bestimmt seit Jahresanfang alle Themen, da geht die Lage des Rettungswesens inhaltlich derzeit unter. Doch die Brisanz hat sich für den Notfallpatienten nicht geändert und es ist Zeit für einen Weckruf! 

Bevor ich den Missstand erkläre, muss das Positive zuerst gesagt werden. Die Basis des Rettungsdienstes hierzulande mit seinen Notfallsanitätern ist das am besten ausgebildete Rettungspersonal in der Welt. Es ist das noch funktionierende Rückgrat im Rettungsdienst. Sie verrichten ihre rettende Arbeit, trotz der widrigen Arbeitsbelastungen, -zeiten und -umstände. Immer weniger Respekt wird diesen „Idealisten“ entgegengebracht. Sie werden bei der Arbeit zum Teil selbst Opfer durch Gewalt. Für deren Arbeit zolle ich meinen höchsten Respekt und sage Danke, dass sie täglich ihr Bestes geben.

Trotzdem, es ist eine kaum bekannte Tatsache, dass der Rettungsdienst in vielen Regionen Deutschlands in einer sehr schlechten Verfassung ist. Personalmangel und fehlende Patientensteuerung sind dafür nur zwei von vielen Ursachen. Zeitweise nicht besetzte Rettungsmittel, fehlende Notärzte, nicht eingehaltene Hilfsfristen, Transporte in ungeeignete Krankenhäuser und nicht leitliniengerechte Erstversorgung sind immer wieder rettungsdienstlicher Alltag. Doch vor allem die Frage nach bundeseinheitlichen Versorgungsstandards begleitet den Rettungsdienst – und Notfallsanitäter üben ihre Tätigkeit immer noch ohne juristische Absicherung aus. Der Deutsche Rettungsdienst ist nicht mehr Vorbild für die Welt, sondern zum Entwicklungsfall geworden – zum Teil mit tödlichem Ausgang für die Notfallpatienten in unserem Land.

Warum ist dieser Sachverhalt nicht bekannt? 

Der Rettungsdienst ist in Deutschland grundsätzlich Angelegenheit der Länder. Statt einer deutschlandweit einheitlichen Rettung haben wir 16 Bundesländer mit 16 unterschiedlichen Gesetzen, die ihrerseits diese Regelungen teilweise den jeweiligen Landkreisen und Gemeinden überantworten. Die Ausgestaltung und Umsetzung des Rettungsdienstes sind diesen selbst überlassen. Eine Verzahnung und Abstimmung mit den angrenzenden Rettungsdienstbezirken gibt es nicht. Wir haben es mit einem regelrechten „Flickenteppich“ der Lebensrettung zu tun.

Dies führt im Alltag dazu, dass die beste Erste Hilfe in manchen Fällen darin bestehen kann, Notfallpatienten 100 Meter weiter in einen anderen Landkreis oder ein anderes Bundesland zu „schleifen“, um eine bessere Versorgung zu gewährleisten. Denn obwohl die Ausbildung der Notfallsanitäter bundesweit gleich gut und sogar in einem Bundesgesetz geregelt ist, schränken die meisten Rettungsdienstregionen das erlernte Handeln extrem ein. In einem Landkreis darf er dem Patienten schmerzstillende und andere Arzneimittel verabreichen und im Nachbarlandkreis darf er es nicht. Hier muss er auf das Eintreffen des Notarztes warten. Es gibt noch mehr Beispiele wie diese, die zeigen, wie uneinheitlich der Rettungsdienst ist.

Dieser Zustand kostet Menschenleben! 

Ja, es kann sein, dass jeder Rettungsdienst seine Arbeit „irgendwie gut“ ausführt. Gefühlt sieht man ja sehr oft einen Rettungswagen im Einsatz. Leider aber macht es nicht jeder Rettungsdienst „irgendwie gut“. Ganze Bibliotheken lassen sich mit Rundfunkbeiträgen und Presseartikeln zu Missständen im Rettungsdienst füllen. Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung des Gesundheitswesens verlangt dringend grundsätzliche Reformen. Das Problem liegt nicht im Personal. Die Struktur und Politik sind das Problem, ein zum Teil tödliches Problem. Wir retten den Patienten auf administrativer Ebene im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode.  

Zuständig für die Qualität des Rettungsdienstes sind die Krankenkassen, die Städte und Landkreise beziehungsweise die zuständigen Landesministerien – überall in Deutschland in jeweils anderer Konstellation. Durch die Verteilung der Zuständigkeiten entzieht sich der Rettungsdienst in Deutschland bewusst der Transparenz und damit der Qualitätskontrolle. Jeder versteckt sich hinter jedem und fühlt sich im Zweifel nicht zuständig. Medial aufgezeigte, schlimme Zustände lassen sich schnell als angebliche Einzelfälle darstellen. 

Auf der bundespolitischen Ebene wird erklärt, man könne nicht handeln, da der Rettungsdienst in der Zuständigkeit der Länder liege. 

Die ersten wichtigen Punkte für den Weg der Besserung:

  • Bundeseinheitliche transparente Qualitätsstandards mit unabhängiger Kontrolle
  • Bundeseinheitliche vernetzte Leitstellen mit einheitlicher strukturierter Notrufabfrage und integriertem Lotsensystem im Gesundheitswesen
  • Bundeseinheitliche Aus-, Fortbildungs- und Umsetzungsrichtlinien
  • Bundeseinheitliche Finanzierung: Vorhaltung/Inanspruchnahme
  • Bundeseinheitliche Datenerfassung und Auswertung vom Notfallgeschehen bis zur Wiedereingliederung in das Arbeitsleben (Outcome) 

Um diese Punkte vernünftig umzusetzen, müssen sich die Bundesländer darauf verständigen, dass auf Bundesebene eine Institution geschaffen wird, die diese Punkte zentral ausarbeitet, festlegt und die Umsetzung der Länder überwacht. Nur auf diesem Wege kann erreicht werden, dass der Notfallpatient in Kiel genauso wie in Konstanz oder im Landkreis Kleve genauso wie im Landkreis Oder-Spree versorgt wird. Die Notfallrettung darf nicht länger von der „Willkür“ lokalpolitischer Entscheidungen abhängen. 

Wie mein Vater werde ich ebenfalls nicht müde werden, mich für die Interessen der Notfallpatienten einzusetzen. In diesem Sinne, bleiben Sie gesund.

Pierre-Enric Steiger ist der Präsident der Björn Steiger Stiftung.

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