Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Richtiges Timing gefragt

Jochen A. Werner
Prof. Jochen A. Werner, Vorstandschef, Ärztl. Direktor Universitätsmedizin Essen Foto: Universitätsmedizin Essen

Das Mit- und Nebeneinander von gegen Corona Geimpften und Nicht-Geimpften wird eines der brisantesten gesellschaftlichen Konfliktfelder des kommenden Sommers werden, befürchtet Jochen Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen. Er fordert einen Dialog, in dem vor allem der Ethikrat eine wichtige Rolle spielen sollte.

von Jochen A. Werner

veröffentlicht am 18.05.2021

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Nach Anlaufschwierigkeiten hat die Impfkampagne mittlerweile auch in Deutschland Fahrt aufgenommen. Das Licht am Ende des Corona-Tunnels strahlt jeden Tag heller. Keine Erfolgsgeschichte hingegen ist aber nach wie vor die gesamte Kommunikation rund um die Pandemie und die Tatsache, dass die aus der Impfkampagne resultierenden schwerwiegenden gesellschaftlichen und politischen Fragen nicht immer frühzeitig erkannt, diskutiert und geklärt wurden. Und so entscheidet wie so oft im Verlauf der Pandemie auch jetzt erst wieder die normative Kraft des Faktischen statt einer vorausschauenden Politik.

Angesichts einer Impfquote von inzwischen über einem Drittel Erstgeimpfter in Deutschland ist der Handlungs- und Entscheidungsdruck nun so groß geworden, dass das Bundeskabinett – übrigens völlig zu Recht – Lockerungen für Geimpfte und Genesene beschlossen hat. Dieses Szenario hätte man allerdings auch schon beim Impfstart zu Jahresbeginn seriös antizipieren und die entsprechenden Regelungen in Ruhe diskutieren und beschließen können. So wirkt die Politik einmal mehr wie der Getriebene einer Entwicklung, die eigentlich lange absehbar war. 

Jetzt steht der nächste gesellschaftliche Lackmus-Test bevor, nämlich ohne Verwerfungen dieses Jahr mit einer friedlichen Ko-Existenz von Geimpften und (noch) Nicht-Geimpften zu gestalten. Hier helfen nicht nur Gesetze, hier braucht es auch einen gesamtgesellschaftlichen „Spirit“. Es ist aus meiner Sicht absolut nachvollziehbar und gerecht, dem zunehmend größeren Teil der Geimpften ihre Grundrechte zurückzugeben. Und daher kann und muss man an die Solidarität der Nicht-Geimpften appellieren. Jeder Geimpfte minimiert das Risiko für sich und andere. Von der sogenannten Herdenimmunität – auch wenn diese aktuell noch weit entfernt ist – möchten am Ende doch alle profitieren. So sollte auch jeder seinen Teil dazu beitragen – indem er fair bleibt und wartet, dass er geimpft werden kann und dann sein Impfangebot auch tatsächlich annimmt. Hier ist mehr Überzeugungsarbeit zu leisten als von vielen angenommen.

Größte Aufgabe steht noch bevor

Die vielleicht schwierigste gesellschaftliche Herausforderung sehe ich spätestens im Herbst auf uns zukommen. Selbst bei einer optimistischen Impfquote von 85 bis 90 Prozent wird dann neben den mehr als zehn Millionen bis 14-jährigen Kindern ein relevanter Teil von mehreren Millionen Bundesbürgern verbleiben, die sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht impfen lassen wollen oder impfen lassen können. Der Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass sich nicht geimpfte Menschen unweigerlich infizieren werden. Wie gehen wir mit diesen Menschen um? Welche Rechte sollen ihnen gewährt oder verweigert werden? Wie wird das Zusammenleben geregelt? Diese Fragen sind schon bald viel weniger abstrakt, als es heute scheint.  

Wird es im Reiseverkehr Bereiche für Geimpfte und Nicht-Geimpfte geben? Dürfen im Betrieb künftig nur noch Geimpfte ins Büro, während Nicht-Geimpfte im Home-Office verbleiben müssen? Wird im Stadion neben Sitz- und Stehplätzen auch eine neue Kategorie für Nicht-Geimpfte eingeführt, einschließlich separater Anreise? Ich hoffe nicht, aber die Antwort auf diese Fragen ist nicht einfach. Solche unklaren Situationen haben immer das Potential zur Destabilisierung. Damit besteht die Gefahr, dass hier ein gesellschaftlicher Anteil von mehreren Millionen Menschen entsteht, der weit über die unmittelbare medizinische Dimension der Pandemie hinaus auch ein destabilisierendes Element für eine solidarische Gesellschaft und damit für die Demokratie besitzt.  

Ende der Pandemie wirft ethische Fragen auf

Unklar ist auch, ob wir auf die dauerhafte Akzeptanz und das Verständnis der Geimpften für die bewusst Nicht-Geimpften hoffen können. Ich habe hier große Zweifel. Die Sehnsucht nach Normalität ist derart groß, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung das Ausleben ihrer neu gewonnen Freiheit nicht von Impfverweigerern nehmen oder beschränken lassen will. Das Ablegen des Mundschutzes wird das Symbol für die Überwindung der Pandemie. 

Was ich sagen will: Die eigentliche Herkulesaufgabe kommt wahrscheinlich erst noch. Die endgültige Bewältigung der Pandemie wird zum Schluss nicht zu einer virologischen, epidemiologischen oder allgemeiner ausgedrückt zu einer medizinischen Aufgabe, sondern zu einer soziologischen und ethischen Frage, das steht für mich fest. Auch und gerade als Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin Essen, einem der größten Covid-19-Zentren Deutschlands, ist mir neben der medizinischen auch die gesellschaftliche Dimension sehr bewusst. Vielleicht werden auf lange Sicht die Zwänge des Alltags und des beruflichen Lebens dazu führen, dass die Impfpflicht gewissermaßen durch die Hintertür eingeführt wird, weil ansonsten keine Teilhabe mehr möglich ist. Aber auch dies würde bei den betroffenen Menschen massive Unzufriedenheit, eine vielleicht nicht nur latente Wut und das Gefühl der Fremdbestimmung provozieren.

Handlungsdruck im Wahlkampf

Zu einer guten Politik gehört Timing und das rechtzeitige Erkennen gravierender Problemfelder. Ich wünsche mir sehr, dass dieses äußerst schwierige Thema – nämlich ein womöglich langfristiges Nebeneinander von Geimpften und Nicht-Geimpften – bereits jetzt von der Politik in seiner ganzen Dimension erkannt und durchdacht wird. Und damit zu einem Zeitpunkt, bevor es zur gesellschaftlichen Zerreißprobe kommt und der Entscheidungs- und Handlungsdruck für eine sachliche Debatte auch in Anbetracht des sich zuspitzenden Wahlkampfes schon viel zu groß ist.

Diese Aufgabe muss – und kann – die Politik wahrscheinlich nicht allein bewältigen. Ich sehe eine Lösung nur im Dialog mit vielen Menschen und Interessenverbänden, in vorderster Linie den Deutschen Ethikrat. Mit seinen Stellungnahmen und Empfehlungen soll er Orientierung für Gesellschaft und Politik bei den großen Fragen des Lebens geben. Dieser Ratschlag ist jetzt gefragt.

Denn wir müssen uns alle noch lange den Auswirkungen der seit Jahrzehnten größten gesundheitlichen Herausforderung der Menschheit stellen. Auch nach rund 15 Monaten kann aktuell niemand abschätzen, welche Langzeitwirkungen Covid-19 nicht nur somatisch, sondern auch psychisch für von der Corona-Infektion bereits Genesene haben wird, von den gewaltigen soziologischen und ökonomischen Folgen ganz abgesehen.

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