Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Schützen wir die Älteren zu Tode?

Hester Anderiesen Le Riche
Hester Anderiesen Le Riche, CEO und Entwicklerin der Tovertafel Foto: Tover GmbH, Marieke van der Heijden

Ältere Menschen sind in der Pandemie nicht nur an Covid-19 gestorben. Sie sterben auch an Isolation, Depression und fehlender enger Betreuung. Wir müssen endlich weg von einem paternalistischen Umgang mit Älteren, schreibt Hester Anderiesen Le Riche, CEO und Entwicklerin eines verbreiteten kognitiven Stimulationssystems für Demenzkranke und geistig Behinderte.

von Hester Anderiesen Le Riche

veröffentlicht am 20.05.2021

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Anfang Mai hatte das Bundeskabinett die Verordnung zu den Rechten von Geimpften und Genesenen beschlossen. Bundesjustizministerin Christine Lamprecht (SPD) sprach von „einem wichtigen Schritt hin zur Normalität“. Menschen in Pflegeheimen müssten sich dann nicht mehr allein in ihren Zimmern isolieren, geimpfte Pflegekräfte könnten einen geselligen Abend miteinander verbringen, sagte sie der „Tagesschau“. Die Pflegeleiterin einer deutschen Pflegeeinrichtung für demenziell Erkrankte, mit der ich vor wenigen Tagen sprach, hat tief geseufzt. Von dieser Realität ist ihr Haus wie die meisten Pflegeeinrichtungen in Deutschland noch weit entfernt. Und das, obwohl die bundesweite Impfquote in diesen Institutionen schon Ende März bei annähernd 90 Prozent lag. An Covid-19 selbst ist in ihrer Einrichtung niemand gestorben. Doch Kontaktbeschränkungen und Besuchsverbote haben ihre eigene Wucht entfaltet. 

In Deutschland leben etwa 1,6 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Rund ein Drittel der Betroffenen werden in Pflegeheimen versorgt. Menschen mit kognitiven Herausforderungen können nicht verstehen, warum sie an der Interaktion mit ihren Familien und Freunden gehindert werden. Viele berichten von Gefühlen der Verlassenheit und Angst. Aufgrund der pauschalen Maßnahmen, die zur Eindämmung des Virus verhängt wurden, entfallen zudem wichtige Aktivierungsangebote in der Gemeinschaft. Regelmäßige Kontakte, Interaktion und sorgfältige Beobachtung sind für demenziell Erkrankte lebenswichtig. Veränderungen ihrer Tagesroutinen begünstigen nachweislich das Fortschreiten der Krankheit. 

Gefährliche Wechselwirkung zwischen Isolation und Demenz

Laut einer bundesweiten Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege haben sich Stimmung und Lebensfreude der Pflegeheimbewohner unter den Bedingungen des Lockdowns stark verschlechtert. Vier von zehn befragten Pflegefachkräften gaben zudem an, dass sich der geistige Zustand und die Orientierung der durch sie betreuten Demenzpatienten verschlimmert habe. Studien aus Italien  und Großbritannien belegen das: Bei Demenzpatienten nahmen Konzentrationsstörungen, Unruhezustände und Depressionen unter den Schutzmaßnahmen dramatisch zu. Mit fatalen Folgen. Zahlen des britischen Amtes für nationale Statistik  weisen einen Anstieg der Todesfälle durch Demenz und Alzheimer in privaten Haushalten in England während der Pandemie um schockierende 79 Prozent aus.  

Vor solchen Effekten haben Expertinnen und Experten früh gewarnt. Schon im März 2020 verdeutlichte die Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen e.V., BIVA, in einem Positionspapier die gefährliche Wechselwirkung zwischen Isolation und Demenz. Bereits zu Beginn der Pandemie hatte die Deutsche Alzheimer Gesellschaft die beteiligten Behörden und Einrichtungen dringend dazu aufgefordert, Besuchsbeschränkungen und Kontaktverbote auf ihre Verhältnismäßigkeit zu überprüfen. Im November 2020 mahnte der deutsche Dachverband der Seniorenorganisationen, BAGSO, auf Basis eines Rechtsgutachtens an, Besuchsverbote in Pflegeheimen seien in großen Teilen verfassungswidrig. Anfang Februar drang der Deutsche Ethikrat schließlich darauf, die Kontaktbeschränkungen in Pflegeeinrichtungen für Senioren, Behinderte und chronisch Kranke nach der Impfung wieder aufzuheben. Doch selbst wenn die im Mai vom Bundeskabinett beschlossenen Erleichterungen jetzt in allen Bundesländern schnell umgesetzt werden: Für viele Betroffene kommt das zu spät.  

Paternalistische Haltung gegenüber Älteren

Schützen wir die Älteren zu Tode? Opfern wir ihr Grundrecht auf Selbstbestimmung und gesundheitliches Wohlergehen auf dem Altar der Sicherheit vor Ansteckung? Sind wir zu nachlässig in der Entwicklung von Alternativen, die die jeweiligen Bedürfnisse von Betroffenen in den Mittelpunkt stellen? Zu viel wird über vulnerable Gruppen gesprochen, zu wenig und zu undifferenziert wird mit den Menschen selbst, ihren Angehörigen und Pflegeexperten kommuniziert. In einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ im vergangenen Jahr warnte Hans-Werner Wahl, Direktor des Netzwerks Alternsforschung der Universität Heidelberg, vor einer paternalistischen Haltung Älteren gegenüber. Sie im Kampf gegen das Virus als potenziell schwache und bedürftige Risikogruppe zu behandeln, mache nichts Gutes mit ihnen. Um die Folgen der Isolation zu mindern, empfahl der Alternsforscher gezielte Angebote unter Einsatz digitaler Medien und Software-Lösungen.  

Stimulierende Aktivierungsangebote, die Abwechslung und Freude in den Alltag bringen, sind gerade für das Wohlergehen demenziell Erkrankter unverzichtbar. Digitale Spiele-Lösungen (unter anderem das von unserem Unternehmen entwickelte KI basierte interaktive Lichtprojektionssystem Tovertafel) steigern auch im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz nachweislich die Lebensfreude. Sie verringern die Apathie, regen alle Sinne an und schenken Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Zugleich entlasten sie die Pflegekräfte. All das macht sie wertvoll, nicht nur unter den Bedingungen von Covid-19. Doch vielen Einrichtungen fehlt es an finanziellen und personellen Ressourcen dafür, sich überhaupt mit solchen Alternativen zu beschäftigen.  

Zu den Missständen, auf die sich die Pandemie wie ein Brennglas richtet, gehört eben auch die seit Jahren prekäre Pflegesituation. Applaus vom Balkon und ein kleiner Bonus werden dem Fachkräftemangel kaum etwas entgegensetzen. Das haben in der Krise allmählich alle begriffen. Dabei geht es um sehr viel mehr als eine angemessene Entlohnung und Wertschätzung der Pflegekräfte. Es geht auch um eine andere Haltung jenen gegenüber, die auf ihre professionelle Unterstützung angewiesen sind. Wir befinden uns an einem Punkt, an dem es dringender denn je wird, unseren Umgang mit Älteren und vulnerablen Gruppen kritisch zu überdenken. In unser aller Interesse gilt es, gemeinsam mit ihnen, ihren Angehörigen und Pflegekräften darüber zu entscheiden, was ihre Lebensqualität verbessert. Niemals wieder über ihre Köpfe hinweg. 

Die studierte Ingenieurin Hester Anderiesen Le Riche ist CEO und Gründerin des Unternehmens Tover und Entwicklerin eines kognitiven Stimulationssystems  der Tovertafel. Die Tovertafel kam 2015 als Produkt auf den Markt. Im selben Jahr gründete Le Riche das dazugehörige Unternehmen, Active Cues, mit Sitz in Utrecht.

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