Standpunkt Telemedizin: Berührungsängste abbauen

Die Digitalisierung soll unserem reformbedürftigen Gesundheitswesen auf die Sprünge helfen. Besonders relevant dabei ist die Telemedizin. Jedoch steht sie derzeit noch in allen Fachbereichen im Spannungsfeld zwischen Patientennutzen und regulatorischen Hürden.

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In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr telemedizinische Behandlungsmöglichkeiten etabliert und auch im Bereich der Dermatologie Einzug gehalten. Das erste deutsche Telematik-Gesetz wurde bereits 2015 verabschiedet. Seit 2017 regelt das neue E-Health-Gesetz einen verlässlichen Datenaustausch für Diagnostikverfahren wie den der Teledermatologie. 

Die Teledermatologie ist eine fortgeschrittene Form der Telemedizin. Anstatt der Videosprechstunde bedient diese sich der asynchronen „Store-and-Forward“-Technologie. Bei der Dermatologie als visuellem Fach ist eine Blickdiagnose möglich, sie bietet günstige Voraussetzungen, über die Telemedizin eine Diagnose stellen zu können. 

Diese Technologie nutzen auch die Unternehmen „dermanostic – Hautarzt per App“, sowie „derma2go“ und „AppDoc“. Bei dermanostic beispielshalber nimmt der Patient drei Fotos auf, die zu einem beliebigen Zeitpunkt per App über das Smartphone oder über eine Desktopversion an einen Facharzt für Dermatologie versendet werden können. Weiter füllt er einen Fragebogen zur Anamnese aus. Zeitversetzt begutachtet der Facharzt die Hautveränderung, stellt eine Diagnose und empfiehlt eine entsprechende Therapie. 

Möglichkeiten, Chancen und Grenzen der Teledermatologie

Die Telemedizin bietet wesentliche Vorteile für die Patientenversorgung. So entfallen durch die örtliche Überbrückung lange Anfahrtswege, was gerade für Menschen im ländlichen Raum mit Facharztmangel und für immobile Menschen gewinnbringend ist. Außerdem verkürzt sich die Wartezeit auf einen Hautarzttermin. Diese liegt für einen Termin beim niedergelassenen Dermatologen in Deutschland durchschnittlich bei 38 Tagen. In der Folge bedeutet das: Hauterkrankungen verschlechtern sich, sollten sie nicht früh genug behandelt werden, was zu einem erhöhten Patientenleiden führen kann. Ein wesentlicher Vorteil besteht vor allen Dingen hinsichtlich der Möglichkeit einer frühzeitigen Präventionsmaßnahme, insbesondere bei Hautkrebs-Erkrankungen.

Ein weiterer oft unterschätzter Vorteil bei der teledermatologischen Behandlung ist die Möglichkeit der anonymen Behandlung per App, wenn es um Hautveränderungen an schambehafteten Körperstellen geht. 

Beim fortbestehenden Versorgungsbedarf für akute und chronische Hautkrankheiten  besonders aktuell während der eingeschränkten dermatologischen Versorgung in der anhaltenden Covid-19-Pandemie  bietet die Teledermatologie eine vielversprechende Alternative zum niedergelassenen Hautarzt. So benötigen 92 Prozent der Patienten nach einer teledermatologischen Behandlung in der Folge keine Vorstellung beim niedergelassenen Hautarzt. 

Der Teledermatologe muss jedoch auch die Grenzen seiner Behandlungsmöglichkeit kennen und gegebenenfalls auf den niedergelassenen Dermatologen verweisen. Erkennt der Dermatologe eine Hauttumoren-Erkrankung, muss dem Patienten empfohlen werden, den Hautarzt aufzusuchen. Der behandelnde Arzt sollte den Patienten telefonisch kontaktieren, so dass dieser sich gut aufgehoben fühlt und zeitnah einen Termin beim Arzt vor Ort erhält. Auch bei einem klinisch unklaren Befund soll eine dermatoskopische Abklärung der Hautveränderung mit der Lupe beim niedergelassenen Hautarzt erfolgen.

Berührungsängsten begegnen

Obwohl die Teledermatologie  wie internationale Studien belegen  sehr gute Ergebnisse liefert, die verlässlich vergleichbar mit Präsenzbefunden und Therapieempfehlungen sind, bestehen aus Arzt- und Patientenperspektive noch Berührungsängste gegenüber digitalen Behandlungsmethoden. 

Diese beziehen sich auf eine befürchtete Beeinträchtigung des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient, da die Behandlung nicht im direkten Gegenüber stattfindet. Besorgte Patienten befürchten durch die fortschreitende Telemedizin und eine Anwendung von Systemen auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI) das Ende der persönlichen ärztlichen Versorgung. Jedoch wäre das alleinige Ergebnis durch die KI wegen möglicher Verzerrungen durch Algorithmen nicht ausschlaggebend für die Diagnose. Die KI wird den Hautarzt niemals ersetzen, sondern nur bei der Diagnosestellung unterstützen, was unter anderem zu einer schnelleren Diagnosestellung führen soll.

Des Weiteren gibt es Bedenken hinsichtlich der medizinischen Qualitätssicherung und des Datenschutzes. Hierzu muss betont werden, dass der Datenschutz in der Teledermatologie neben der Qualitätssicherung bezüglich der sensiblen Patientendaten einen hohen Stellenwert einnimmt. Wo die Verwendung von unverschlüsselten E-Mails oder Messengerdiensten nicht den rechtlichen Anforderungen des Datenschutzes entsprechen, entspricht hingegen die IT-Infrastruktur auf deutschen Servern den gleichen Maßgaben wie denen der Speicherung elektronischer Daten beim niedergelassenen Arzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Unterversorgung in der Dermatologie insbesondere durch die Covid-19‐Pandemie durch eine Erweiterung des Angebots teledermatologischer Leistungen digital erfolgreich gelöst werden kann. Neue technische Möglichkeiten wie die Teledermatologie bergen vor allem Chancen für eine hochqualitative Patientenversorgung und werden daher zukünftig sowohl von Ärzten als auch von Patienten akzeptiert. Zumal der Innovationsdruck innerhalb des digitalen Gesundheitsbereichs durch die veränderten Lebensveränderungen in der Coronapandemie sehr stark zugenommen hat. 

Dies führt zu einer Anpassung der privaten und gesetzlichen Krankenkassen, so dass die Vorteile der Teledermatologie von allen Patienten unabhängig von deren finanziellen Möglichkeiten genutzt werden können.

Dr. med. Estefanía Lang ist Fachärztin für Dermatologie und Mitgründerin der Online-Hautarztpraxis dermanostic.

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