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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Telemedizin: Mehr als Video-Sprechstunden

Foto: privat

Der Fernarzt.com-Geschäftsführer Felix Kaiser ist überzeugt, dass Anwendungen der Telemedizin in der Krise ihren Nutzen eindrucksvoll bewiesen haben und auch nach der Corona-Pandemie das Gesundheitswesen weiter verändern werden.

von Felix Kaiser

veröffentlicht am 29.04.2020

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Bei Telemedizin denken die meisten Menschen an das Video-Gespräch zwischen Patienten und Leistungserbringern, klassischerweise dem Arzt. Diese Form des Arztbesuchs spart Anfahrtswege, Zeit im Wartezimmer und verringert die Ansteckungsgefahr. Daher ist Telemedizin derzeit in aller Munde. Für den Arzt bleibt der Zeit- und Verwaltungsaufwand jedoch der gleiche, die Anamnese verlagert sich einfach auf ein anderes Medium.

Aber Telemedizin kann deutlich mehr. Sie kann das Gesundheitssystem sinnvoll dabei unterstützen, strukturelle Herausforderungen zu meistern und punktuell wirksam entlasten. Zudem kann sie einen großen Teil zur Vernetzung und der Durchlässigkeit der Sektorengrenzen im deutschen Gesundheitssystem beitragen und so die Schnittstellenproblematik überwinden. 

Zurück in die Zukunft

Dabei geht die praktische Anwendung der Telemedizin viel weiter zurück und ist per se nichts Neues: Teleradiologie und Telepathologie unterstützen Kliniken schon lange, erste Programme gibt es seit den 1990er-Jahren. 2001 wurde in der ersten transatlantischen Tele-Operation eine Gallenblase entfernt. Und auch zwischen Intensivstationen bestehen Modellprojekte zur virtuellen Absprache von Ärzten und Pflegepersonal, ein Konzept, das in Erwartung des Peaks an Corona-Infizierten verbreitet Anwendung finden könnte. 

Gerade jetzt in der Corona-Krise besinnt sich die ganze Welt aus der Quarantäne heraus, auf einfache, aber wirkungsvolle, pragmatische Lösungen zurück und der immense Nutzen der Telemedizin kommt zum Vorschein. Telemedizin ist nun endgültig gekommen, um zu bleiben”, wie Henrik Matthies vom Health Innovation Hub kürzlich schrieb. Seit dem Ausbruch von SARS-CoV-2 im Dezember hat sich der Aktienpreis des US-Unternehmens TelaDoc verdoppelt und mit der Ausbreitung blicken Telemedizin-Anbieter weltweit auf rasant steigende Nutzerzahlen. Viele sind seit mehreren Jahren im Markt aktiv und hatten bereits vor Corona eine erste Nutzerbasis. In Deutschland war das Bewerben entsprechender Dienste bis Januar diesen Jahres durch einen entsprechenden Paragrafen im Heilmittelwerbegesetz in Deutschland verboten.

Die Belastungsprobe kam für viele bestehende Anbieter quasi über Nacht. Im Wartezimmer ist die Ansteckungsgefahr hoch und seit der bundesweiten Kontaktbeschränkung ist die virtuelle Patientenbetreuung schnell Teil der Versorgung geworden. Bei Fernarzt sehen wir täglich, wie wichtig der Zugang zu unkomplizierter medizinischer Beratung und zu Fachinformationen ist. Es wird endlich erkannt, wie sinnvoll digitale Lösungen, insbesondere die Telemedizin, in der aktuellen Ausnahmesituation unterstützen können. Argumente, wie Telemedizin kann unnötige Ansteckung vermeiden”, deren die Berliner Digital-Health-Szene schon fast überdrüssig wurde, werden plötzlich hochaktuell. 

Die Facetten der Telemedizin

Aber die Telemedizin hat zahlreiche weitere, sinnvolle Anwendungsfelder: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung erlaubt vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, dass ausgewählte Heilmittelbehandlungen per Videochat durchgeführt werden können. In einigen Bereichen wie Physiotherapie, Logopädie, Geburtshilfe oder Psychotherapie findet diese Form der (Begleit-) Therapie bereits vereinzelt Anwendung. Auch die traditionelle Telefon-Hotline ist eine Form der Telemedizin, die viele Gemeinden und Krankenkassen in den letzten Wochen zu Fragen rund um das Corona-Virus bereitstellen. Der Deutsche Hausärzteverband fordert aktuell, Telefonkontakte so zu vergüten wie allgemeine Praxiskontakte. Betrachtet man eine Übersicht aller Anbieter telemedizinischer Angebote rund um Corona in Deutschland, so lässt sich die enorme Breite der Angebote erkennen. 

Eine Form der Telemedizin, die bisher nur wenige Anbieter zur Verfügung stellen, ist die asynchrone Telemedizin. Dabei kann sie Ärzte in der Anamnese und Krankheitseinschätzung wirksam entlasten. Über umfassende medizinische Fragebögen oder Chat-Bots können gängige Krankheitsbilder abgefragt und eingeordnet werden. Die so gewonnene Zeit und Flexibilität erlaubt es Ärzten, sich gezielter um die Patienten zu kümmern, bei denen persönlicher Kontakt oder eine physische Untersuchung notwendig sind. Für die reine Verschreibung von Folge-Medikamenten zu gängigen Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Migräne kann diese Form lokale Arztpraxen sinnvoll unterstützen. 

Was bleibt nach Corona?

Es wird eine Welt nach der Pandemie geben, auch wenn das Wann und Wie ungeklärt ist. Fakt ist, dass uns Covid-19 gezeigt hat, was Systemrelevanz bedeutet und welche essenzielle Rolle das Gesundheitswesen in der Gesellschaft innehat. Temporär hat das Virus unseren Alltag, langfristig vielleicht sogar unsere Lebensgewohnheiten nachhaltig verändert. Die virtuelle Kommunikation, ob mit Kollegen oder Freunden und Familie, ist Gewöhnungssache, aber wird sich mit Sicherheit auf Lebensbereiche auswirken, in denen der Austausch per Chat oder Videogespräch bis vor Kurzem noch undenkbar schien. Wenn der Videoplausch mit dem Enkel klappt, ist auch die digitale Sprechstunde nur einen kleinen Schritt entfernt. Es gibt bereits erste Umfragen, in denen sich die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger vorstellen kann, telemedizinische Lösungen auch generell zu nutzen. Im PWC-Healthcare-Barometer befürworten 60 Prozent der Befragten die Stärkung der Telemedizin. Laut Bitkom ist die Zahl der Befürworter der Online-Sprechstunde aus aktuellem Anlass von 30 Prozent (2019) auf 66 Prozent gestiegen. Die erste Hürde der Akzeptanz scheint dieser Tage genommen.

Wir müssen aus der Pandemie lernen

Vieles wird auch weiterhin von der Politik abhängen – die zuletzt mit ihrer Anpassung der Regulierung die Ausweitung von digitalen Leistungen stark ermöglicht hat. Der deutsche Gesundheitsmarkt ist zwar kompliziert und stark reguliert, aber es gab Corona-bedingt Änderungen, an deren Schnelligkeit in der Umsetzung zu Beginn des Jahres noch niemand geglaubt hatte. Das ist an dieser Stelle durchaus lobenswert.  

Aber nach der Corona-Pandemie ist vor der nächsten Grippe-Epidemie. Durch gezieltes Tele-Monitoring bestimmter Gesundheits-Werte könnten Krankheitsausbrüche frühzeitig erkannt und eingedämmt werden. So ist eine Corona-Tracing-App auch eine Form der Telemedizin. Der Bundesverband Medizintechnologie fordert aktuell die telemedizinische Nachsorge von Kardio-Patienten, um diese Risikogruppe bei flächendeckender Anwendung besser schützen zu können. Und auch die stärkere Vernetzung zwischen Praxen und Krankenkassen kann zum präventiven Schutz eingesetzt werden. Telemedizin sollte in all ihren Facetten und Möglichkeiten viel mehr als Unterstützung anerkannt werden, damit wir gemeinsam daran arbeiten können, unser Gesundheitssystem noch besser zu machen.

Felix Kaiser ist Venture Partner bei Heartbeat Labs und Geschäftsführer von Fernarzt.com.

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