Porträt Tobias Gantner

Tobias Gantner
Tobias Gantner, Gründer, „HealthCare Futurists“ (Foto: Ira Kaltenegger)

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Tobias Gantner ist Mediziner. Menschen behandelt der gelernte Transplantationschirurg jedoch seit fünfzehn Jahren nicht mehr, sein einziger Patient sei inzwischen das Gesundheitswesen, wie er selbst sagt. Mit seinem Start-up „HealthCare Futurists“ investiert er in technologische Innovationen im Gesundheitsbereich, gründet Tochterfirmen und stellt Infrastruktur und Netzwerke zur Verfügung. Ein Beispiel sind die „Ohne-Arzt-Praxen“ in Baden-Württemberg, ein telemedizinischer Service, der weiße Flecken in der ärztlichen Versorgung auf dem Land schließen soll. Sie werden seit letztem Jahr vom Tochterunternehmen PhilonMed betrieben.

Nun möchte Gantner mit Hilfe von Big Data das Coronavirus bekämpfen. Zusammen mit einem Team aus Start-up-Gründern, Epidemiologen, Ärzten, Apothekern und Data Scientists hat er die Web-App „Faster Than Corona“ ins Leben gerufen, ein Projekt, das ebenfalls unter dem Dach seines Start-ups läuft. „Die Idee ist, dass, wenn genug Menschen Informationen über ihren Krankheitsverlauf zusammentragen, wir mögliche Zusammenhänge, zum Beispiel zwischen Virus, Vorerkrankungen und Medikationen, aufdecken können“, sagt Gantner. 

Nutzer können sich regional vergleichen

In Ulm hatte Gantner Medizin und Philosophie studiert. Nach dem Studium war er in der Transplantationschirurgie tätig. Wegen einer Sehschwäche, die ihn bei der Arbeit behindert, wechselte Gantner 2005 von der Medizin in die Wirtschaft, arbeitete für Branchengrößen wie Siemens, Bayer und Johnson & Johnson. Doch Gantner störten die starren Hierarchien. Ihn drängte der Wunsch, selbst zu gestalten, also stieg er 2013 aus und gründete sein eigenes Unternehmen.

„Faster Than Corona“ ist nun ein Versuch, die Pandemie mit technologischen Hilfsmitteln einzudämmen. Dabei setzt die Web-App gleich an mehreren Stellen an. So können sich Nutzer auf der Webseite über das Coronavirus informieren und sich mit Fragen an eine Hotline wenden. Auch können Menschen Fragen zum eigenen Verhalten beantworten, etwa wie häufig sie sich die Hände waschen oder wie gut sie sich informiert fühlen, und sich anschließend über die Postleitzahl in der Region vergleichen.

Hypothesen können Leben retten

Die schärfste Waffe gegen das Coronavirus ist jedoch die freiwillige Datenspende. Menschen – unabhängig davon, ob sie am Coronavirus erkrankt sind oder nicht – können Fragen beantworten, beispielsweise zu Vorerkrankungen und Medikation. Erkrankte beantworten außerdem Fragen zum Krankheitsverlauf – für ein möglichst genaues Bild der Kohorte am besten täglich. Erfasst werden außerdem Postleitzahl, Altersjahrzent und Geschlecht. Personenbezogene Daten werden darüber hinaus nicht erhoben.

Eine Künstliche Intelligenz (KI) untersucht die gesammelten Daten auf statistische Zusammenhänge, die auf mögliche Forschungshypothesen schließen lassen. Welcher Verlauf ist für eine Altersgruppe typisch? Welche Medikamente und Vorerkrankungen beeinflussen die Krankheit? Welches Verhalten, wie etwa rauchen, begünstigt einen schweren Verlauf? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Ibuprofen und dem Krankheitsverlauf? Gantner kann sich vorstellen, in Zukunft auch Vitaldaten wie Blutdruck und EKGs abfragen zu lassen. Verfügbar ist „Faster than Corona“ in deutscher und französischer Sprache. Eine englische und eine spanische Version sind in Planung.

Bis zu 1000 Datenspenden pro Stunde

„Wir betreiben hier keine wissenschaftliche Forschung, sondern versuchen Rauschen und Signale zu erkennen“, betont Gantner. „Wir wollen aus den Daten Hypothesen produzieren, die dann im Labor überprüft werden können und möglicherweise Leben retten.“ Das Projekt ist Open Source, das heißt, die gesammelten Daten sollen Forschungseinrichtungen und Gesundheitsorganisationen frei zur Verfügung gestellt werden, wie etwa dem Robert Koch-Institut, dem European Centre for Disease Prevention and Control, aber auch Universitäten und anderen Citizen-Science-Gruppen, die das Virus erforschen. Profit machen die Organisatoren mit dem Projekt nicht – eher im Gegenteil: „Faster than Corona“ wird aus Eigenkapital finanziert.

Da es sich bei den Daten um Dirty Data handelt, also Daten mit einer erhebungsbedingten Unschärfe, ist Gantner darauf angewiesen, dass sich möglichst viele Menschen an „Faster Than Corona“ beteiligen. Nur durch große Datenmengen können Verzerrungen ausgeglichen werden. Gantner appelliert an den Gemeinsinn der Bürger, ihren Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten. Im Augenblick, in der „heißen Phase“, erhalten Gantner und sein Team bis zu 1000 Datenspenden pro Stunde. Gantner ist optimistisch: „So wie wir im Augenblick wachsen bin ich zuversichtlich, dass wir tatsächlich schneller werden als Corona.“

Demokratisierung der Medizin

Gantner ist sich bewusst, wie unorthodox sein Vorgehen ist. In Deutschland ist die Datenspende umstritten, da Gesundheitsdaten, so die Befürchtung, rückwirkend über die Postleitzahl zugeordnet werden könnten. Gantner betont jedoch: „Auch nach der Spende behält der Nutzer das Vorrecht über seine Daten. Auf Wunsch können diese jederzeit gelöscht werden. Uns interessieren keine Personendaten, wir benötigen Informationen zu Kohorten und zum Verlauf.“

In der Coronakrise zeigt sich, was technologisch alles realisiert werden könne, wenn der politische Wille da sei, so Gantner: „Telemedizin und Krankschreibung sind nun möglich, weil wir gezwungen sind, umzudenken. Das war lange überfällig.“ Diese Entwicklung begrüßt Gantner, denn die Digitalisierung der Medizin trage dazu bei, diese zu demokratisieren: „Das Automobil hat es vorgemacht. Vor seiner Erfindung war Mobilität ein Privileg für Reiche. Mit dem Auto wurde schlagartig eine ganze Gesellschaft mobil.“

Ähnliche Entwicklungstendenzen würden sich in der Medizin bereits abzeichnen, etwa durch das breitere Informationsangebot, das Suchmaschinen zur Verfügung stellen: „Google und Co. sind für viele die erste Anlaufstelle bei medizinischen Fragen. Die Zweitmeinung holen sich die Patienten dann beim Arzt. Die Medizin ist also gerade dabei, sich zu säkularisieren. Der Arzt ist nicht länger der Halbgott in Weiß, sondern Dienstleister auf Augenhöhe.“ Louisa Schmökel

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