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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Verzögerung kostet Leben und Wohlstand

Thomas Gambke ist Vorsitzender des Grünen Wirtschaftsdialogs und Dennis A. Ostwald CEO und Gründer des WifOR Institute
Thomas Gambke ist Vorsitzender des Grünen Wirtschaftsdialogs und Dennis A. Ostwald CEO und Gründer des WifOR Institute Foto: Elfriede Liebenow/WiFOR Institute

Ärzteschaft, Gesundheitsminister und die Verantwortlichen in anderen Ressorts sind aufgefordert, die Erkenntnisse zur Anwendung der digitalen Technologien endlich umzusetzen, so Thomas Gambke und Dennis Ostwald im Standpunkt. Es würde sich nicht nur im Sinne des Patientenwohls, sondern auch wirtschaftlich auszahlen.

von Gambke und Ostwald

veröffentlicht am 18.01.2023

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Viele Expertinnen und Experten bezeichnen Deutschlands Gesundheitswesen als digitales Brachland. Zwar gibt es eine exzellente Gesundheitsversorgung sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich: Die Wartezeiten für Arzttermine sind in Deutschland vergleichsweise gering, die Überlebensrate etwa nach Schlaganfällen hoch. Zahlreiche Studien zeigen jedoch, dass Deutschland im Bereich „Digital Health“ auf den hinteren Plätzen liegt, und nicht zuletzt aufgrund der geringen Digitalisierung gehört das System zu einem der teuersten in ganz Europa. Zudem werden wir durch den demographischen Wandel mit weiterhin steigenden Kosten und einer sinkenden Anzahl von Fachkräften konfrontiert sein. Somit ist sicher, dass die Gesundheitsversorgung mit den bestehenden Konzepten in Deutschland auf dem heute hohen Niveau nicht fortgesetzt werden kann.

Investitionen in eine verbesserte Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft sind ein zwingend notwendiger Schritt, um die allgemeine Gesundheit sichern und verbessern zu können. Gesundheit ist unverzichtbare Voraussetzung sowohl für das Wohlbefinden als auch den Wohlstand des Einzelnen sowie der Gesellschaft als Ganzes und unbestrittenes Naturrecht. Deshalb wäre es sinnvoll, Gesundheitsausgaben nicht als Kostenblock zu sehen, sondern als Zukunftsinvestition!

Digitalisierung bietet beispielsweise erhebliche Potentiale, schwerwiegende Krankheitsverläufe zu mildern, wie es unter anderem die „Vision Zero“ zur Diagnostik und Auswertung hoher Datenmengen in der Krebstherapie als Ziel formuliert. Nicht zuletzt hätte eine verstärkte Digitalisierung einen signifikanten wirtschaftlichen Nutzen. Denn Investitionen in eine verbesserte Digitalisierung würden nicht nur die Gesundheitsversorgung verbessern, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Gesundheitsindustrie im internationalen Vergleich steigern. 

Mehr Produktivität

Wir weisen daher dringend, neben dem einzelnen Menschen und seiner Gesundheit im Fokus, auch auf diesen erheblichen volkswirtschaftlichen Nutzen einer zielgerichteten und effektiven Gesundheitswirtschaft hin. Ein niedrigerer Krankenstand führt zu mehr Produktivität durch geringere Kosten in den Betrieben. Zudem bedeutet eine ‚gesündere‘ Gesellschaft weniger Medikamente, weniger Arztleistungen und damit weniger Kosten im Gesundheitsbereich. Und umgekehrt weisen wir auf die gravierenden Nachteile für Gesundheit, aber eben auch Wirtschaft und Wohlstand hin, wenn die Modernisierung und Digitalisierung in diesem Bereich weiter verschleppt wird.

Ein gezielter Maßnahmenplan zur Förderung der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland ist aus zwei weiteren wesentlichen Gründen überfällig. Zum einen können durch digitale Lösungen Prozesse verschlankt werden, um angesichts des heute schon eklatanten Fachkräftemangels Zeit für jene Tätigkeiten zu schaffen, die nicht automatisiert werden können: persönlicher Kontakt und die eigentliche Arbeit am Menschen. Zwar werden bereits fehlende Fachkräfte aus dem Ausland angeworben, allerdings zeigen die aktuellen Zahlen, dass der Fachkräftemangel dadurch nicht ausreichend gedeckt werden kann.

Zum zweiten können nur mit einer Umsetzung der Digitalisierung und Anwendung künstlicher Intelligenz die Potentiale zu einer deutlich verbesserten Patientenbehandlung sowohl in der Vorsorge als auch der Behandlung genutzt werden. Es ist ernüchternd, wie im gesamten Gesundheitswesen wichtige Patienteninformationen nicht zwischen behandelnden Ärztinnen und Ärzte ausgetauscht werden oder im Bereich der Arzneimittelversorgung ineffiziente Kommunikationskanäle zur Anwendung kommen. Dies kostet Leben und verursacht unnötig verlängertes Leiden.

Kaum Veränderung bei Wertschöpfung

Nie wurde das deutlicher als in der Corona-Pandemie, als deutsche Gesundheitsbehörden und medizinische, wie auch Forschungseinrichtungen schlicht keine ausreichenden Daten beziehungsweise diese zu spät zur Verfügung hatten. Wichtige Daten und daraus folgende Erkenntnisse mussten aus Ländern wie Dänemark, den USA oder Israel beschafft werden, die Deutschland in der Entwicklung auf diesem entscheidenden Gebiet um Jahre voraus sind. Überhaupt lohnt der Blick nach Dänemark, das immer wieder weltweit als Spitzenreiter in der Digitalisierung bezeichnet wird und dies auch im Gesundheitssektor erfolgreich vormacht. Hier ist die Verknüpfung von Gesundheit und Patientenwohl, auch in der Frage der Serviceorientierung der digitalen Gesundheitsangebote, vorbildhaft zu beobachten und ausdrücklich als Orientierung für den digitalen Umschwung des Gesundheitswesens in Deutschland zu nutzen.

Die Zahlen zur Wertschöpfung aus der Digitalisierung anteilig zur gesamten Gesundheitsindustrie in Deutschland, die das WifOR Institute regelmäßig im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) bereitstellt, zeigen über die letzten Jahre kaum eine Veränderung: Der Anteil der Wertschöpfung im Bereich Digitalisierung, wie auch der Anteil an Beschäftigten in diesem Bereich der gesamten gesundheitsindustriellen Wertschöpfung, liegt weiterhin bei gerade einmal rund 6 Prozent – ohne messbare Tendenz nach oben. Dies ist weder aus Versorgungs-, sprich Patientenperspektive, noch wirtschaftlicher Perspektive hinnehmbar.

Der Grüne Wirtschaftsdialog hat mehr als 70 Expertinnen und Experten aus allen Branchen und Organisationen, Ärzteschaft, Krankenhäusern, aus Versicherungen, Medizintechnik- und Pharmaunternehmen zu einer Reihe von Round-Table-Gesprächen mit der Politik und auch mit Regierungsstellen zusammengebracht. Zentrales Ergebnis: In Deutschland besteht kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsdefizit. Und als ein zentraler Hemmschuh werden immer wieder die Anforderungen des Datenschutzes identifiziert, sowohl in der unterschiedlichen Auslegung der Datenschutzgrundverordnung durch 18 Datenschutzbeauftragte in Bund und Ländern als auch die mit Datenschutz falsch begründete fehlende Standardisierung, Datenaufbereitung und Weiterversendung. Der Fokus muss hingegen auf der Datensicherheit liegen, welche den Schutz selbstverständlich mit einschließt.

Wir machen uns durch diesen Verzug schuldig an den Menschen, deren Gesundheit verloren geht und die als Kranke nicht die dem Stand der Kenntnisse beziehungsweise der vorliegenden Daten entsprechende Behandlung erfahren. Die Ärzteschaft und der Gesundheitsminister, aber nicht nur er in seiner verantwortlichen Position, sondern auch die Verantwortlichen in den anderen Ressorts, ganz besonders auch in den digitalen Technologien und dort im Datenschutz, sind aufgefordert, mit hohem Zeitdruck die Erkenntnisse zur Anwendung der digitalen Technologien endlich umzusetzen. Dies gilt aber ebenso für die Ärzteschaft, die immer noch nicht geschlossen für die Digitalisierung eintritt. Dies ist ein Appell, deutlich schneller mit der Einführung digitaler Lösungen zu beginnen und dabei auch alle wichtigen Akteure proaktiv zu beteiligen, insbesondere die Ärzteschaft. 

Professor Dr. Dennis A. Ostwald ist CEO und Gründer des WifOR Institute. Dr. Thomas Gambke ist Vorsitzender des Grünen Wirtschaftsdialogs, ehemaliges Mitglied des Bundestags und Unternehmer.

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