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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Warum Apotheker um ihre Existenz bangen müssen

Ralf Däinghaus, CEO der medAspis GmbH und Berater bei MYA
Ralf Däinghaus, CEO der medAspis GmbH und Berater bei MYA Foto: Robert Lehmann

Nie zuvor waren niedergelassene Apotheken stärker bedroht: 80 Prozent des Umsatzes mit Arzneimitteln entfallen auf rezeptpflichtige Medikamente – und mit der Einführung des E-Rezepts dürfte sich ein großer Teil davon ins Internet verlagern. Doch statt mit innovativen Ideen auf den Wandel zu reagieren, vertrauen Apotheken weiterhin auf ihre vermeintlich hohe Beratungsqualität. Das wird sie die Existenz kosten, meint Ralf Däinghaus im Standpunkt.

von Ralf Däinghaus

veröffentlicht am 29.11.2022

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Standortapotheken müssen um ihre Existenz bangen, denn sie stehen unter einem enormen wirtschaftlichen Druck: Immer mehr Menschen haben den Anspruch, nicht nur Einkauf, Banking oder Reisen mit wenigen Klicks von zuhause oder unterwegs zu organisieren – sondern auch ihre Medikamente. Denn bisher ist die Arzneimittelbeschaffung besonders eines: mühsam. Der zweigeteilte Weg, ein Folgerezept beim Arzt anzufordern, abzuholen und dann in der Apotheke einzulösen, ist ineffizient und mit dem heutigen Digitalanspruch der Kundinnen und Kunden nicht mehr vereinbar.

Vollzeitarbeitende, Eltern mit Kindern und Digital Natives haben schlichtweg weder die Zeit noch den Willen, stundenlang in der Telefonwarteschleife beim Hausarzt zu hängen, um ein Folgerezept ausgestellt zu bekommen. Auch immobile Personen können die vielleicht 30-minütige Fahrt zur Hausarztpraxis im Nachbarort nicht antreten, um dort für ein Rezept Schlange zu stehen, nur um in der Apotheke wieder auf ein nicht vorrätiges Medikament warten zu müssen. Neue innovative Ideen müssen her, besonders im Hinblick auf die bevorstehende Einführung des E-Rezepts. Im Vergleich zur deutschen Situation ist es im europäischen Ausland bereits üblich Mehrfachrezepte für ein langfristig benötigtes Medikament zu erhalten.

Best Practice: Kundenzentrierte Geschäfte reagieren auf das E-Rezept

Seit das E-Rezept beschlossene Sache ist, drängen neben Online-Versandapotheken auch digitale Gesundheitsapps mit kundenzentrierten Geschäftsmodellen auf den Markt. Seit kurzem gibt es Lösungen, die die gesamte „Patient Journey“ abbilden. Statt einiger Stunden für den Arztbesuch und den anschließenden Gang zur Apotheke dauert es für die Bestellung nur wenige Sekunden – in denen man zuhause auf dem Sofa sitzt. Man scannt die allmählich aufgebrauchte Medikamentenpackung mit der App und gibt den behandelnden Arzt oder die behandelnde Ärztin an. Diese bekommen eine Nachricht, können die Daten einsehen und entscheiden, ob sie den Patienten oder die Patientin zu einer Untersuchung einbestellen oder das Folgerezept sofort ausstellen. Das freigegebene Rezept wird dann automatisch an die Versandapotheke weitergeleitet und das Medikament befindet sich am nächsten Werktag im Briefkasten. Das ist nicht nur bequem, sondern verbessert auch die pharmazeutische Compliance, erhöht also die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten ihre verschriebenen Medikamente regelmäßig einnehmen.

Noch wähnen sich viele deutsche Apotheken auf der sicheren Seite. Schließlich haben sie seit 20 Jahren Konkurrenz von Online-Apotheken, aber nur 3,6 Prozent des gesamten Arzneimittelumsatzes wanderten bis heute tatsächlich ins Internet. Doch der Schein trügt: Bisher ging es nur um einen kleinen Teil des Kuchens, die nicht-verschreibungspflichtigen Produkte. Das E-Rezept aber öffnet den Markt für rezeptpflichtige Arzneimittel und damit für 80 Prozent des Umsatzvolumens. Das Beispiel Schweden veranschaulicht, wohin die Entwicklung gehen könnte. Zahlen des schwedischen Apothekenverbands Sveriges Aopteksförening zeigen: Seit der Einführung des E-Rezepts 2018 ist der Umsatz der Onlineversandapotheken um mehr als das 2,5-fache angestiegen, von rund 300 Millionen Schwedischen Kronen (29 Millionen Euro) pro Monat auf rund 800 Millionen Schwedische Kronen (77,5 Millionen Euro) pro Monat in 2021. Der Online-Versandanteil von verschreibungspflichtigen Medikamenten liegt bei 13 Prozent.

Die Beratungskompetenz kann Apotheken nicht retten

In Deutschland wird es dauern, bis diese Zahlen erreicht sind. Branchenstimmen behaupten, Standortapotheken seien jetzt schon viel digitaler aufgestellt und im Kern vollständig modernisiert. Die Warenwirtschaft funktioniert digital, was Effizienzen hebt und Zeit beim Kunden spart. Einige Apotheken versuchen sich sogar in digitalen Rezeptsammelstellen, um so die Versorgung im ländlichen Raum zu stärken. Aber bestehende veraltete Strukturen zu digitalisieren, macht noch kein neues Geschäftsmodell. 20 Jahre nach dem Angriff der Versender machen Apotheken immer noch den großen Fehler, die Serviceorientierung, also den Kundenwunsch, zu vernachlässigen, besonders bei der jüngeren Zielgruppe. Sie managt ihr Leben digital, also wollen sie dies auch mit ihrer Gesundheit tun. Sollten Standortapotheken den Trend zur digitalen Medikationsbeschaffung überleben, die mit dem E-Rezept einsetzt, verlieren sie spätestens ihre Daseinsberechtigung, wenn ihr Kundenstamm wegstirbt.

Vor dem bevorstehenden Wandel scheint das Vertrauen in die eigene Kernkompetenz für Apotheken wie ein Fels in der Brandung: Noch sind sie sicher, dass ihre Kundenberatung zur Arzneimittelsicherheit und Wechselwirkungen überzeugt und Stammkunden hält. Der kürzlich erschienene Arzneimittelreport der Barmer Krankenkasse zeigt ein anderes Bild: Ihr zufolge könnten jährlich 70.000 Todesfälle aufgrund übersehener Wechselwirkungen oder tödlicher Nebenwirkungen verhindert werden, wenn Polypharmazie und die Arzneimittelabgabe digital gelistet werden würden. Das steigert die Patientensicherheit enorm, und gut durchdachte Apps für die Einlösung von E-Rezepten können das mindestens so gut liefern wie eine pharmazeutische Beratung in der Apotheke.

Denn eine Gesundheits-App ist keine anonyme Technik: Erfahrene Pharmazeuten sind für die leitlinientreue und evidenzbasierte Beratung zu Wechsel- und Nebenwirkungen auch bei Digitalanbietern angestellt. Auch der Medikationsplan ist digital in den Apps gesichert, sodass Medizinerinnen und Mediziner einen Blick auf die Gesamtheit der verordneten Medikamente werfen können. Digitalanbieter schlagen die Apotheken also nach 20 Jahren erneut in ihrer Kernkompetenz. Und diesmal wird es schmerzhaft.

Ralf Däinghaus, CEO der medAspis GmbH und Berater bei MYA, einer All-in-One-App für Medikamente. Zuvor war Däinghaus einer der Gründer von DocMorris.

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