Standpunkt Wir brauchen Vertrauen in die Zivilgesellschaft

Seit dem #WirVsVirus-Hackathon der Bundesregierung engagiert sich der Systembiologe Tobias Opialla für digitale Unterstützung bei den SARS-CoV-2 Tests und der Kontaktnachverfolgung. Was er in den letzten Monaten im Team „LabHive“ erlebte, hat ihm gezeigt, wie wichtig Optimismus und Vertrauensbildung ist und welches Potential in der Einbeziehung der Zivilbevölkerung steckt.

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Die aktuelle Corona-Krise hat gezeigt, wo es in Systemen und der Gesellschaft knirscht – aber auch wie das Engagement der Zivilgesellschaft beim Lösen von Problemen helfen kann und mit welchen Hürden letzteres (noch) verbunden ist. Welches Potential in zivilgesellschaftlichem Engagement steckt, wurde für mich während des #WirVsVirus Hackathons der Bundesregierung, der zum Beginn des „Lockdowns“ ausgerufen wurde, und beim anschließenden Umsetzungsprogramm deutlich.

Gemeinsam und schnell Lösungen für die Probleme im Zuge der Corona-Pandemie finden – das sprach mich sofort an, denn ich wollte nicht nur im Homeoffice sitzen und warten, bis das Labor wieder aufmacht. Dabei wusste ich nicht, was mich erwarten würde, denn bei einem Hackathon hatte ich trotz meinem IT-Hintergrund als Systembiologe, der unter anderem große Datenmengen auswertet, noch nie teilgenommen. Ich wollte unbedingt etwas tun und in der Krise unterstützen – denn in „der Gesellschaft“ sind wir alle voneinander abhängig und miteinander verbunden.

So verbringe ich seit März Tage (und Nächte) auf mir zuvor wenig geläufigen Kommunikationsplattformen. Ich freute mich zu erleben, wie schnell sich ein Team formte. Da ein weiteres Team im Hackathon die gleiche Idee bearbeitete, vereinten wir die Projekte: Aus TestHive und LabShare wurde LabHive.de als Teil des Solution Enablers, das Umsetzungsprogramm von #WirVsVirus. Wissenschaftliche Interdisziplinarität ist an meinem Arbeitsplatz, dem Berlin Institute for Medical Systems Biology (BIMSB, MDC Berlin), an der Tagesordnung. Das Team, mit dem ich nun seit März neben meiner regulären Tätigkeit arbeiten darf, ist davon noch eine Steigerung: Fachleute aus Wissenschaft, Medizin, Design, Kommunikation, IT-Sicherheit, und Datenschutz arbeiten zusammen und vereinen eine Vielzahl an Perspektiven – ein großer Mehrwert für alle und das Projekt.

Gemeinsam verfolgen wir die Idee, Ressourcen und Personal für Corona-Tests sichtbar und damit verfügbar zu machen. Inzwischen sind wir eine Plattform, auf der Reagenzien, Geräte und Personal strukturiert registriert und gefunden werden können. So kann Testkapazität ausgebaut und erhalten werden: Tests kommen dort an, wo sie gebraucht werden. Wir helfen den Helfenden und bringen Angebot und Nachfrage als neutrale Instanz zusammen.

Den Gesundheitsämtern unter die Arme greifen

Dabei erhalten wir viel Unterstützung von ProjectTogether, der gemeinnützigen Organisation, die den Solution Enabler umsetzt und begleitet. Ganz unprätentiös und mit „Can-Do“-Selbstverständnis. Durch die Hilfe von ProjectTogether und dem Prototype Fund bekamen wir, quasi in Lichtgeschwindigkeit, eine Förderung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Zudem werden wir prominent von der Björn Steiger Stiftung unterstützt, die entscheidend für die Einführung der 112 in Deutschland war und viel für die Digitalisierung und weitere Verbesserungen im Rettungswesen getan hat.

Aus dem #WirVsVirus Solution Enabler Programm hat sich mittlerweile ein verzahntes und sich gegenseitig ergänzendes System aus #WirVsVirus-Initiativen – allesamt Open-Source-Lösungen – zusammengeschlossen. Gemeinsam möchten wir insbesondere den zu Unrecht viel gescholtenen Gesundheitsämtern unter die Arme greifen. Denn die Gesundheitsämter sind ein enorm wichtiger Baustein dafür, dass Deutschland bisher so gut durch die Krise kommt. Diese Leistung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass viele Prozesse bis jetzt nicht digitalisiert wurden. Vor allem auch, weil es nicht nötig war. Anstatt mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die immer noch faxen, möchten wir flexibel und im Dialog mit dem Fachpersonal das öffentliche Gesundheitswesen darin unterstützen, uns als Gesellschaft durch diese Krise zu helfen. Unser Ansatz ist geprägt von der Kooperation vieler verschiedener Akteure. Wir sind nicht nur davon überzeugt, dass eine solche Zusammenarbeit für die Digitalisierung des ÖGD notwendig ist, sondern machen jeden Tag Fortschritte, wie Zusammenarbeit in der Praxis umgesetzt wird.

Wir haben über die letzten Wochen viele persönliche Vertrauensbeziehungen geschaffen. Zum einen unter den Teams im Solution Enabler, aber auch mit vielen Anspruchs- und Betroffenengruppen, allen voran die Beschäftigen in Gesundheitsämtern und Laborpersonal, die sich nun trauen, uns von den Herausforderungen und Problemen, die eine Krise offenbart, zu erzählen. Aber das geht noch weit darüber hinaus. Als Wissenschaftler gehört internationale Zusammenarbeit ganz einfach dazu. Und so erstrecken sich die neu geknüpften Kontakte bis nach Oakland im Bundestaat Kalifornien und Nigeria. Wir sind viele Menschen, die einfach unterstützen wollen, und sich dadurch selbst angreifbar machen. Denn natürlich geschehen Fehler, wenn Dinge erst neu aufgebaut werden, während sie schon für die Bearbeitung der Probleme eingesetzt werden.

Blaupause für die Zukunft

Das mag nicht immer einfach sein und erfordert viel gegenseitiges Vertrauen, doch auch das zeigt die Krise: Aus „Ich gucke mal das Hackathon Wochenende lang, was da so passiert“ ist eine Blaupause für eine neue Form des Bürgerschaftlichen Engagements geworden. Durch das gemeinsame Agieren, hat die Gesellschaft mehr Teilhabe an Verwaltungsprozessen – Ideenreichtum der Zivilgesellschaft trifft auf die Umsetzungskraft des Staates. Sich wirklich mit staatlichen Prozessen zu befassen ist sehr spannend. Es zeigt mir so manches Dilemma, an das ich zunächst nicht dachte. Und doch werden Probleme gerade durch die sich ergebenden verschiedenen Sichtweisen gemeinsam angegangen. Damit diese Ideen jetzt in einen kontinuierlichen Prozess münden, wird an vielen Stellen neu gedacht – im Moment sind die Aussichten gut, dass sich diese neue Art, Probleme zu lösen, nachhaltig entfaltet.

Dr. Tobias Opialla ist Sytembiologe am Berliner Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB), einer Einrichtung des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC). 

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