Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Wir haben mindestens zwei Pandemien

Dietrich Garlichs, Barbara Bitzer
Dietrich Garlichs, Sprecher von DANK, und Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der DDG Foto: DANK/DDG

In keinem Land der Welt hat man bisher das Vordringen der chronischen Krankheiten allein durch Information und Aufklärung verhindern können, schreiben Dietrich Garlichs, Sprecher von DANK, und Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der DDG, im Standpunkt. Vier Maßnahmen könnten entscheidend dazu beitragen, dass eine nächste Pandemie glimpflicher verläuft.

von Dietrich Garlichs und Barbara Bitzer

veröffentlicht am 08.10.2021

aktualisiert am 11.10.2021

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Wir wissen, dass schwere Erkrankungen oder Tod infolge einer Coronainfektion vor allem dann auftreten, wenn Menschen vorerkrankt sind. In der Schweiz litten 97 Prozent aller im Zusammenhang mit Corona Verstorbenen an mindestens einer Vorerkrankung: Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Leiden und Typ-2-Diabetes waren hierbei die häufigsten. Nicht das Coronavirus ist also der Hauptverursacher der tödlichen Pandemie, sondern die dahinterliegende „zweite Pandemie“ der chronischen Krankheiten, die wir seit einigen Jahrzehnten beobachten und die maßgeblich mit unserem Lebensstil zusammenhängt.

Wir leben heute in einer Überflussgesellschaft, die ihre Ernährung industriell produziert und mit großem Werbeaufwand Fast Food, Convenience-Produkte und Snacking rund um die Uhr nach allen Regeln der Kunst vermarktet. Hinzu kommt, dass unsere moderne, sitzende Lebensweise zu geringer körperlicher Aktivität führt. Die Folge: Die Balance von Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch ist vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten. Das gilt besonders für die Industrieländer und zunehmend auch für die Schwellenländer. Am Beispiel von China zeigt sich, wie der Body-Mass-Index parallel zum Wirtschaftswachstum steigt.

Auch vor Deutschland macht diese Entwicklung nicht Halt: Zwei Drittel der Männer und über die Hälfte der Frauen sind übergewichtig. Übergewicht ist der entscheidende Treiber für eine ganze Reihe von Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, verschiedene Krebsarten und Gelenkserkrankungen. In Deutschland leben beispielsweise derzeit rund acht Millionen Menschen mit Diabetes. Wenn wir nichts tun, wird sich ihre Zahl in 20 Jahren auf etwa zwölf Millionen erhöhen.

Konsequenzen für eine wirkungsvolle Coronapolitik

Um die Pandemie der chronischen Krankheiten zu bekämpfen, gibt es prinzipiell zwei Lösungswege: den Appell an die Vernunft des Einzelnen, sich gesünder zu ernähren und gesundheitsbewusster zu leben, oder strukturelle Ansätze, die eine bevölkerungsweite Wirkung erzielen. Die deutsche Politik hat sich bisher überwiegend für die – leider weitgehend wirkungslose – Individualstrategie entschieden. In der Denktradition konservativ-liberaler Politik heißt es, Lebensweise, Ernährung und die Sorge für die Gesundheit sei die Aufgabe des Einzelnen, nicht des Staates. Jedoch können auch konservative Politiker nicht übersehen, dass der bisherige Appell an die Verantwortung des Einzelnen gescheitert ist.

Besonders gravierend ist, dass vor allem bildungsferne und sozial schwache Bevölkerungsschichten überproportional von chronischen Krankheiten betroffen sind. Es handelt sich also nicht nur um ein gesundheitspolitisches Problem, sondern auch um einen Aspekt der sozialen Gerechtigkeit.

Eine nachhaltige Strategie

Wie könnte also eine strukturelle Präventionspolitik aussehen? Es braucht eine ganzheitliche Strategie, die bereits im Kindes- und Jugendalter ansetzt, denn eine Lebensstiländerung im Erwachsenenalter gelingt nur selten. Die enttäuschenden Ergebnisse kostenintensiver Adipositastherapien oder auch der Raucherentwöhnung sind hierfür ein Beispiel. Die „Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten“ (DANK), ein Zusammenschluss von 23 Medizingesellschaften, empfiehlt daher vier wissenschaftlich belegte Maßnahmen:

1. Mindestens eine Stunde Bewegung pro Tag in Kita und Schule

Nur 17 Prozent der Mädchen und 28 Prozent der Jungen im Alter von 11 bis 17 Jahren sind jeden Tag körperlich aktiv. Der Übergang von der Kita zur Schule ist für die Bewegung von Kindern ein großer Einschnitt: Plötzlich müssen sie über lange Zeit sitzen, ihr natürlicher Bewegungsdrang wird gehemmt. Studien zeigen, dass bereits eine tägliche Stunde moderate Aktivität den Energieverbrauch steigert und positive Auswirkungen auf das physische und psychische Wohlbefinden hat. Täglich eine Stunde Bewegung muss daher Grundsatz für Kitas und Schulen sein.

2. Preissignale setzen

Wie erfolgreich Preissignale sein können, haben die Tabaksteuererhöhungen in Deutschland gezeigt. Erst durch sie konnte der Anteil der rauchenden Jugendlichen in den letzten zehn Jahren halbiert werden. Dagegen haben die Informations- und Aufklärungsprogramme an Schulen, wie sorgfältige Analysen des deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg zeigen, kaum einen Effekt gehabt. Und Alkopops, die rasch nach ihrem Aufkommen mit einer Steuer belegt wurden, sind vom Markt praktisch verschwunden.

Daher sollte unsere Mehrwertsteuer zu einer „gesunden Mehrwertsteuer“ umstrukturiert werden. Wenn in Lebensmitteln ein bestimmter Anteil von Fett, Zucker oder Salz überschritten wird, sollte für sie der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent gelten (statt wie bisher der reduzierte Satz von 7 Prozent). Gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse sollten im Gegenzug von der Mehrwertsteuer befreit werden. Damit würde man eine Preisspreizung erreichen, die gesünderes Konsumverhalten belohnt und ein Umdenken bei den Herstellern anstößt. Eine „Zucker-/Fettsteuer“ wäre ein wichtiger Anreiz für die Lebensmittelindustrie, ihre Produkte und Rezepturen zu verändern.

3. Verbindliche Lebensmittelkennzeichnung

Nach langem Widerstand des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wurde 2020 in Deutschland die Lebensmittelkennzeichnung „Nutri-Score“ auf freiwilliger Basis eingeführt. In Studien wurde gezeigt, dass er dazu führt, dass Menschen gesünder einkaufen. Um eine umfassende Wirkung zu erreichen, müssten allerdings alle Produkte mit dem Label gekennzeichnet sein. Die Bundesregierung sollte für seine verbindliche Einführung sorgen.

4. Keine Werbung für ungesunde Kinderlebensmittel

Chips, süße Puddings und Fast Food: Die Lebensmittelindustrie bewirbt fast ausschließlich ungesunde Nahrungsmittel. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie, Werbung für diese Produkte einzuschränken, haben sich als wirkungslos erwiesen.

Diese vier Maßnahmen folgen der WHO-Devise „to make the healthy choice the easier choice“. Sie nehmen den Menschen die Entscheidung nicht ab, machen aber eine gesunde Wahl zur leichteren Wahl. Anders als die bisherige individualistische Strategie der Gesundheitspolitik erreichen sie alle Menschen, und zwar von klein an. Sie sind nachhaltig, da in Regelstrukturen eingebettet und nicht zeitlich begrenzt, anders als die bisherige „Projektitis“ der Insellösungen.

Dietrich Garlichs war von 2010 bis 2017 Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und ist dort heute Beauftragter des DDG-Vorstandes für den Bereich Prävention zudem war Gründer der DANK (Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten). Barbara Bitzer ist DDG-Geschäftsführerin und DANK-Sprecherin.

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