Standpunkt Hört auf die leisen Töne im Netz

Mit der Digitalisierung sind die Menschen besser informiert und engagiert – aber auch desillusionierter. Denn wer am lautesten schreit, bekommt die Aufmerksamkeit. Netzaktivistin Nanjira Sambuli fordert, die Kontrolle über das Internet zurückzuholen.

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Es ist offensichtlich, dass die Digitalisierung zahlreiche Vorteile mit sich bringt, von der Bequemlichkeit und einfacher Kommunikation bis hin zur Erleichterung des weltweiten Waren- und Dienstleistungsverkehrs. Aber gerade diese Vorteile sind auch mit Risiken und sogar Bedrohungen verbunden. Die Online-Plattformen, auf denen wir uns zur Kommunikation versammeln, sind zu einem Mittel zur Verbreitung von Fehlinformationen und Desinformationen geworden. Die Algorithmen zur Optimierung unserer Online-Erfahrungen weisen Verzerrungen auf, die schwerwiegende Schäden für die Nutzer verursachen. An diesem Punkt sind wir auch dadurch gelangt, dass vor allem die Vorteile vermarktet werden (Komfort, niedrigere Kosten), die Abstriche dafür aber in den Hintergrund treten.

Die Kristallisierung dieser Kultur von Abstrichen ist das Akronym „tl;dr“. Es ist die Abkürzung für „too long; didn’t read“, zu Deutsch „zu lang; nicht gelesen“ – und das Thema der diesjährigen re:publica. Tatsächlich erscheinen die Nutzungsbedingungen vieler unserer Lieblingsplattformen für eine Überprüfung zu lang und technisch. Schließlich warten doch Bequemlichkeit, Spaß, Memes und vieles mehr auf der anderen Seite auf uns. tl;dr ist auch zu einer zeitlichen Abkürzung geworden, bevor das Spielen endlich losgeht. Und zum Ausdruck der Hoffnung, dass die Regeln fair sind. Oder zumindest, dass schon alles irgendwie gut gehen wird.

Erst langsam fangen wir an zu erkennen – einige schmerzhafter als andere –, dass tl;dr als „modus operandi“ ernsthafte Kosten mit sich bringt. Auf der einen Seite bedeutet Digitalisierung zwar, dass wir besser informiert, engagiert und aufgeklärt sind. Auf der anderen Seite aber werden wir zunehmend desillusioniert. Wir müssen erkennen, dass wir mitunter den großen Zusammenhang aus dem Blick verloren haben. In der Art und Weise wie wir heute Informationen konsumieren, ist es praktisch unmöglich geworden, alles, was da draußen ist, aufzunehmen. Erst recht ist es nicht mehr darstellbar, tiefer in die Hintergründe und Zusammenhänge sowie unterschiedliche Versionen und Erzählungen ein und derselben Geschichte einzutauchen. Zu oft ist es derjenige, der am lautesten schreit oder den größten „Einfluss ausübt (wie auch immer der definiert oder erreicht wird), der unsere Aufmerksamkeit bekommt.

Ist alles  tl;dr? 

Was bedeutet das alles für die Zukunft? Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich Tech-Plattformen ebenso verrennen wie Demokratien und so die Auswirkungen von tl;dr erst richtig deutlich werden lassen. Selbst wenn wir wollten – könnten wir überhaupt noch gegen einige oder gar alle der Nutzungsbedingungen votieren? Und wie könnten wir das tun, wenn doch alles tl;dr ist? Ist nicht tl;dr inzwischen zu unserem Signal an viele Institutionen geworden, dass wir ihnen vertrauen, nur unser Bestes zu wollen und dass sie es für uns einfacher machen? Wenn dem so ist, warum werden dann offenbar unsere Signale falsch interpretiert – und sogar von einigen Akteuren missbraucht?

Ich denke nicht, dass tl;dr ein Ergebnis der Digitalisierung per se ist. Vielmehr ist es aufgrund des digitalen Eintauschs für mehr Bequemlichkeit inzwischen besser sichtbar geworden. Ich denke, bei tl;dr geht es um das Überleben in einer zunehmend rauen Welt, in der die meisten sich sehr anstrengen müssen, um überhaupt durch den Tag zu kommen. Nur darauf hoffend, dass sie für das Navigieren durch das Morgen und die Tage danach irgendeinen Plan ausknobeln können. 

Einigen Akteure hat die Kultur der Normalisierung von tl;dr ein mächtiges Werkzeug der Verschleierung gegeben: Die wahren Kosten für das Nutzen in einer bestimmten App oder Plattform werden in Hunderten von Seiten Juristensprache zwar dargelegt. Viel eingängiger aber sind die Verlockungen, mit denen wir auch leichter interagieren können. Sie drehen sich darum, wie unser Leben besser gemacht werden kann, wenn wir nur jetzt zustimmen. Hinter dem Kontrollkästchen „Ich stimme zu“ liegt die Verheißung einer Welt, in der alle potenziellen Risiken und Abstriche scheinbar beseitigt werden.

Krisen in den Demokratien

Man muss schon sehr tief in die Materie eindringen, um herauszufinden, wie sehr sie uns eben doch betreffen. Denn haben wir erst zugestimmt, lernen wir auf die harte Tour, was wir vereinbart haben. Parallelen sind übrigens auch in der Politik zu besichtigen: Beliebte Kampagnen malen den Wählern die schönsten Bildchen aus. Das Gesamtwerk zeigt sich erst viel später und führt zu Krisen in den Demokratien.

Ich glaube es ist an der Zeit, noch einmal zu überprüfen, wie wir die Räume der Repräsentation und des Zusammenlebens für unsere unmittelbare Gegenwart und die Zukunft aushandeln. tl;dr zeigt meiner Meinung nach auch die Notwendigkeit auf, unsere Institutionen und Regierungen auf lokaler, regionaler und globaler Ebene neu zu beleben und zu gestalten: tl;dr führt uns in dunkle Gebiete der Ernüchterung und Entmachtung. Es ist höchste Zeit zu hinterfragen, welche Bedeutung etwa den Medien in der Kontextualisierung von Nachrichten zukommt und auch für die Berichterstattung über Einblicke in das, was wir tun können. Zudem spielen Bürgerkollektive wie Genossenschaften und Gewerkschaften eine Rolle, die im Namen unserer Interessen arbeiten und die von uns gewünschten Zukunftsperspektiven zusammenbringen und sie mitgestalten.

Es geht zwar auch sehr stark um Regierungen und gesellschaftspolitische Repräsentation. Aber nicht zuletzt darum, wie wir unser bürgerschaftliches Engagement wiederbeleben können, unsere aktive Pflege von Diskursen, Nutzungsbedingungen, sowie Gesetzen und Richtlinien, die die Offline- und Online-Räume regeln, in denen wir existieren. Es geht darum, mit welchen Währungen wir die Repräsentation aufrechterhalten, die wir dringend brauchen.  Es geht darum, unsere Macht und unser Handeln zurückzuerobern. Es geht darum, gegen das wachsende Gefühl der Hilflosigkeit anzukämpfen, das in uns allen aufkommt.

Die Digitalisierung ist in der Tat ein Turbo für die politischen, bürgerlichen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, die wir alle heute erleben. Doch dieser Turbo muss dazu dienen, nicht nur den Nutzen zu maximieren. Er muss zugleich die Schäden für unsere Online- und Offline-Welt minimieren – in der Gegenwart und für die Zukunft.

Nanjira Sambuli leitet von Nairobi aus die politische Interessenvertretung der Web Foundation zur Förderung der digitalen Gleichstellung beim Zugang zum Netz und bei der Nutzung des Internets. Sie hält auf der re:publica die Eröffnungs-Keynote. Die Forscherin ist Expertin für die Schnittstelle von Governance, Medien, Kultur und Gesellschaft und arbeitet unter anderem für die Vereinten Nationen.

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