„Ich bin als Kind ohne Strom aufgewachsen“

Als OPEC-Präsident strebt Suhail Al Mazrouei stabile Ölpreise an. Daheim baut der Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate das größte Solarkraftwerk der Welt. Im Interview verrät er auch, was er an der deutschen Energiewende visionär findet – und was ihn abschreckt.

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Minister Al Mazrouei, die Vereinigten Arabischen Emirate leben vom Ölexport, bauen gerade den größten Solarpark der Welt und investieren Milliarden in Atomkraftwerke. Wie passt das alles zusammen?


Suhail Al Mazrouei: Wir wollen bis 2050 die fossile Energieerzeugung von bislang fast hundert auf 50 Prozent halbieren. Die Hälfte unseres Strombedarfs soll dann aus sauberen Energiequellen mit null Emissionen kommen, 44 Prozent aus Erneuerbaren wie Solarparks, sechs Prozent auch Atomkraft. So haben wir es in der Dubai Clean Energy Strategy vergangenes Jahr festgelegt. Alle fünf Jahre werden wir die Strategie anpassen. Zum Beispiel, wenn die Preise für eine bestimmte Technologie höher oder niedriger sind als vorhergesagt.


Deutschland schließt sein letztes Kernkraftwerk 2022. Ist das aus Ihrer Sicht verrückt? Sie steigen gerade in die Kernkraft ein, vergangenes Jahr wurde die erste große Anlage in Betrieb genommen.


Nein, was Deutschland macht ist nicht verrückt. Die Bevölkerung zahlt Steuern an den Staat, sie haben ein Recht, Entscheidungen zu treffen. Wenn sich die Deutschen mit Kernkraft nicht wohlfühlen, dann ist das so. Wir in den Emiraten haben die Bevölkerung gefragt, und über 85 Prozent waren mit der Nutzung von Atomkraftwerken einverstanden. Unsere Anlagen erfüllen zudem höchste Sicherheitsstandards und stehen abseits von erdbebengefährdeten Zonen.


Zurück zu ihrem zweiten neuen Standbein: Die Solarparks in den Emiraten brechen regelmäßig Weltrekorde – die Dimensionen werden immer gewaltiger. Ist Größe entscheidend, um die Kosten zu senken?


Die Preise für Solarstrom sinken allgemein schnell, aber Größenvorteile sind dabei in der Tat ein wichtiger Faktor. Die bislang weltgrößte solarthermische Anlage Shams-1 – durch Parabolspiegel wird Flüssigkeit erhitzt, die eine Turbine antreibt – hat eine Fläche von 2,5 Quadratkilometern und versorgt 20.000 Haushalte. Der Strompreis lag bei der Fertigstellung 2013 noch bei deutlich mehr als 20 Dollarcent pro Kilowattstunde. Jetzt sehen wir Preise, die nur noch einen Bruchteil dessen betragen.


Das größte Milliarden-Projekt ist der Rashid-Al-Maktoum-Solar-Park, der bis 2030 auf eine Kapazität von 5000 Megawatt – das fünfzigfache von Shams – kommen soll.


Diesen Park bauen wir Stück für Stück. Für die vierte Bauphase haben wir kürzlich den Zuschlag für ein solarthermisches Kraftwerk mit 700 Megawatt erteilt haben, das durch seine Speicherfähigkeit Tag und Nacht für regenerative Energie sorgen soll. Der Preis des Solarstroms daraus wird bei 7,3 Cent pro Kilowattstunde liegen, was ein neuer Preisrekord für diese Technik ist. Wir werden viele verschiedene Arten von Speichern brauchen. Für neue Photovoltaikanlagen – die Sonnenlicht direkt umwandeln – müssen wir sogar nur noch etwas mehr als zwei Cent pro Kilowattstunde bezahlen. Der Strom steht aber nur tagsüber zur Verfügung.


Bei diesen Preisen erscheint die Atomkraft kaum noch wettbewerbsfähig zu sein. Warum mischen sie sie trotzdem Ihrem künftigen Energie-Mix bei?


Weil Sie mit Erneuerbaren allein keine ausreichende Grundlast für das Netz bereitstellen können. Wir brauchend den Strom 24 Stunden am Tag für Haushalte, Krankenhäuser, Unternehmen, ohne eine Sekunde Unterbrechung. 16 bis 18 Stunden können wir mit Solarkraft abdecken. Für den Rest kann man auf Gas setzen oder eben Atomkraft. Die ist teuer, ja, aber wir sichern uns damit auf Jahrzehnte gegen steigende Gas-Preise ab.


Die sind aktuell recht günstig.


Wenn wir die jetzigen Preise für die nächsten 60 Jahre hätten, wäre Atomkraft kein Thema, aber wenn sie sich zum Beispiel verdoppeln, dann ändert sich das. Und wenn die Leute bei uns wie bei Ihnen in Deutschland 30 Cent pro Kilowattstunde für Strom bezahlen würden, könnte ich auf Kernkraft verzichten und auf Gas setzen. Wir haben aber niedrigere Preise, die wir auch absichern wollen. Es geht immer um Versorgungssicherheit und Kosten.


Obwohl die Vereinigten Arabischen Emirate selbst große Vorkommen haben, importieren sie Gas.


Wir importieren aktuell sogar mehr als wir exportieren, weil das Gas bei uns zu den aktuellen Preisen nicht wirtschaftlich zu fördern ist. Die Importverträge sind sensationell günstig und laufen viele Jahre lang. Aber in Zukunft könnten wir Gas auch selbst wieder stärker produzieren.


Sogar Tankschiffe mit Öl aus Texas haben Ihr Land kürzlich erreicht. Das hat es in die Nachrichten geschafft…


…es ist ein freier Markt. Wenn Unternehmen das so entscheiden, dann können Sie das machen. Es handelte sich aber auch um kein normales Öl, sondern ein Kondensat, dass in bestimmten Raffinerien benötigt wird. Keine Sorge, wir exportieren weiterhin Öl. Sehr, sehr viel.


Der Reichtum an Öl und die günstigen Preise für die Verbraucher machen Ihr Land zu einem der größten Emittenten von Treibhausgasen pro Kopf weltweit. Öleinnahmen dominieren die Wirtschaft. Trotzdem wollen Sie sich am Kampf gegen den Klimawandel beteiligen und investieren in Erneuerbare. Handeln Sie da nicht gegen Ihre eigenen Interessen?


Nein, mit Sicherheit nicht. Schauen Sie, die Nachfrage nach Energie wächst weltweit stark an. Ich selbst bin als Kind noch ohne Strom aufgewachsen. Heute haben immer mehr Menschen in Asien und Afrika Zugang zu Energie, die Weltbevölkerung steigt und wir werden immer älter. Erneuerbare Energien werden wichtiger, und davon wollen wir profitieren und unser Land breiter aufstellen. Aber wir werden damit nicht alle fossilen Brennstoffe global ersetzen können, dann würde man die Schwierigkeiten etwa bei der Speicherung von Elektrizität ignorieren. Die Nachfrage nach Öl steigt und es wird in naher Zukunft keinen Verbrauchs- und Förderhöhepunkt geben.


Was nicht kompatibel mit dem Pariser Klimaabkommen ist.


Letztlich müssen wir uns darauf einstellen, was wirklich passiert. Regierungen müssen ihre Bevölkerung mit Energie versorgen. Der schnellste Weg, die Emissionen zu reduzieren wäre ohnehin, weltweit alle Kohlekraftwerke abzuschalten und auf Gas zu wechseln. Das wird aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen aber oft nicht gemacht. Ich sage: Schaltet erst einmal alle Kohlekraftwerke ab, dann können wir weiterdiskutieren. Ein schneller Abschied von Gas und Öl ist einfach unrealistisch.


Deutschland rühmt sich, die Erneuerbaren vorangebracht zu haben, diskutiert die Energiewende aber auch kritisch, vor allem wegen der Kosten. Wie bewerten Sie die deutsche Energiepolitik?


Wir haben von Deutschland gelernt, dass man eine Sache unbedingt vermeiden sollte: das große S – S wie Subventionen. Wir wollen kein System auf dauerhaften Subventionen aufbauen. Und das machen wir auch nicht. Natürlich, anfangs sind bei neuen Technologien fast immer staatliche Investitionen nötig, auch wir haben Anschubfinanzierungen geleistet, zum Beispiel bei Shams-1. Das hat Deutschland im großen Stil getan, als die Erneuerbaren sehr teuer waren und das ist verdienstvoll und visionär. Aber wenn sie sich ihr Land anschauen, müssen sie auch sehen, dass der Einfluss in Zukunft begrenzt ist. Selbst wenn Deutschland zum Beispiel seine gesamte Autoflotte auf Elektroantriebe umstellen würden, bringt das global betrachtet vergleichsweise wenig. Anders ist das in China.


Als aktuell amtierender Präsident des Ölkartells Opec haben Sie eine Allianz mit zehn Nicht-Opec-Ländern, darunter Russland, geschmiedet, um die Ölförderung zu drosseln und Bestände abzubauen. Wie weit sind Sie damit?


Die Allianz stabilisiert den Markt, nachdem unkonventionelles Öl aus den USA die Märkte geflutet hatte. Auf dem Weg, die Märkte auszubalancieren, sind wir schon weit gekommen, bei 90 Prozent liegen wir da, denke ich. Die Bestände nähern sich wieder dem Fünf-Jahres-Durchschnitt an. Es ist wahrscheinlich, dass die Kooperation zwischen OPEC und den anderen Ölförderern im kommenden Jahr fortgesetzt wird.


In Deutschland wird viel über die Zukunft der Mobilität diskutiert. Einige wollen die gesamte Fahrzeugflotte elektrifizieren. Andere schlagen in zahlreichen Studien vor, grüne Kraftstoffe, die mit Elektrizität erzeugt werden, aus dem Süden zu importieren – auch aus den Golfstaaten. Stehen Sie dafür bereit?


Das würde enorme Dimensionen erfordern, Hunderte Milliarden Dollar an Investitionen. Ich glaube, wir sollten diese Technologien erst einmal testen. Es ist gefährlich, zu schnell in gewaltige Größenordnungen vorzustoßen. Der Verbrennungsmotor kann ohnehin noch deutlich effizienter werden und den Verbrauch weiter senken. Das ist aus meiner Sicht der effektivere Weg. Noch etwas: Vertrauen sie Studien nicht zu sehr. Die lagen allzu häufig falsch.


Interview: Jakob Schlandt und Felix Wadewitz

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