Standpunkt Irgendwas mit KI - gerne, aber wie?

Ambitionierte KI-Strategien sind schön und gut – warum es ohne Bildungsreform trotzdem nicht klappt, erklärt Jörg Müller-Lietzkow, Professor für Medienökonomie und Medienmanagement an der Universität Paderborn.

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Wenn man vor einigen Jahren sein Studium aufgenommen hat und dabei das Wort Medien den Studiengang kürte, sprach man gern von „Irgendwas mit Medien“ als Studien- und Berufsziel. Es geht in dieser Glosse um das „Irgendwas mit“ – nur diesmal ist es die Künstliche Intelligenz (KI), wie immer man diese definieren mag.

Der neue Hype um ein seit den 1950er-Jahren doch recht etabliertes, historisch bewegtes Thema verwundert nicht, erfordert aber einen genaueren Blick auf den Sachstand, anstatt nur in das Konzert des Jubels über KI einzustimmen. Wesentlich erscheint, dass mit der Kombination aus verfügbarer Hardware wie CPU, GPU und auch Quantencomputing, neuen algorithmischen Verfahren und vor allem Echtzeit-Datenmaterial das Tempo bei der KI-Entwicklung deutlich angezogen hat. Hinzu kommen neben den US-amerikanischen Digitalkonzernen vor allem die Bemühungen Chinas sich dem Thema rasant zu nähern. Die Methoden sind dabei gar nicht so unterschiedlich, wohl aber die jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Ziele.

Und wo steht Europa, insbesondere Deutschland? Nicht nur Macrons erster Aufschlag für Frankreich, sondern auch die Akzentuierung der Bundesregierung mit Digital Gipfel, BMBF-Programme und Enquete-Kommission signalisieren in Europa eine starke Aufbruchsstimmung. Soweit, so gut. Doch es stellt sich auch die Frage, woher das Talent kommt, das die KI-Utopie umsetzen soll. Natürlich ist es institutionell einfach auf die vorhandenen Strukturen zu verweisen in der Hoffnung damit hinreichende Wirkung zu erzielen.

Forschung an der Spitze – Wirtschaft nicht

In Deutschland herausragend hierbei ist das DFKI, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, welches weltweit eine hervorragende Reputation genießt: „Wir sind Weltspitze.“ Dabei gibt es nur ein kleines Problem: Ja, wir sind Weltspitze in der Forschung, aber nicht in den Märkten. Auch fehlen uns in der Breite die Strukturen die Forschungsleistungen adäquat und nachhaltig in Produktivkraft zu übersetzt. Dabei ist sicherlich den Forschungseinrichtungen am wenigsten ein Vorwurf zu machen. Ganz im Gegenteil, diese schaffen hoch-innovative Arbeitsplätze und Aufstiegschancen. Auch exklusiv der Politik – wie so häufig – den Vorwurf zu machen, wäre zu billig. Die neue KI-Strategie der Bundesregierung deutet ja an, wie zentral und konzentriert das Thema finanziell und strukturell angegangen werden soll. Einzelnen kann man hier keinen Vorwurf machen.

Aber es ist klar: Der Flaschenhals zur Entfaltung aller realen und prognostizierten Potentiale sind eben die verfügbaren Köpfe, die alle diese Ideen umsetzen können. Denn einerseits braucht die Forschung brillante Köpfe, die etablierte Wirtschaft für die digitale Transformation viel Arbeitskraft und andererseits bieten Start-up-Programme viele neue Optionen – so viele Fachkräfte gibt es schlicht nicht. Die Folge ist ein massiver neuer „War for Talents“, der anders als in der Blütezeit der New Economy, noch deutlich mehr Fachwissen bei weniger verfügbarer Expertenarbeitskraft erfordert. Erschwerend kommen verlockende internationale Möglichkeiten hinzu: Sowohl aus dem Silicon Valley als auch sonst an vielen Standorten werden große KI-Programme aufgelegt und Talente mit enormen Gehältern und Möglichkeiten, auch aus Deutschland, abgeworben.

Und hier offenbart sich das zentrale Dilemma:

Offenkundig haben wir es in Deutschland vor einigen Jahren verpasst, in den Schulen die Grundlagen zu legen, was sich jetzt in Angebot und Nachfrage von KI-Studiengängen widerspiegelt. Wider besseren Wissens versäum(t)en es die Länder, die gerade im Kontext der Diskussion um den Digitalpakt heute auf Bildungshoheit pochen, die entscheidenden Grundlagen zu schaffen. Auf den Punkt gebracht: Programmieren und Datenanalyse sind eben heute schon so bedeutsam wie Lesen, Schreiben und Rechnen, finden aber, wenn überhaupt, curricular eher am Rande statt. Wenn aber das Grundverständnis fehlt, ist der Zugang zu den Grundlagen der KI bzw. deren Studium umso schwerer. Und wenn die Studienangebote heute vielfach noch immer eher generisch, denn spezifisch sind, ist der Weg zu notwendigen Qualifizierungsniveaus lang. Was es also zügig braucht, ist ein fundamentales Umdenken und ein Handeln im jetzt und heute. Der Digitalpakt als Sinnbild, aber auch die Bereitschaft der Länder die Curricula zu entrümpeln und neue, digitale Realitäten zu integrieren, führt erst dazu, dass wir genug qualifizierte junge Menschen haben. die sich im Studium selbstverständlich Algorithmen, Daten und KI schnell und zielgerichtet zuwenden können.

Vielleicht wäre es daher – anders als bei den Medienstudiengängen – sogar wünschenswert, wenn viele „Irgendwas mit KI“ studieren wollen und nachfragen. Der Bedarf nach smarten Köpfen ist ungebrochen und kaum ein Arbeitsfeld wird in den nächsten Jahren spannender sein. Es sei jungen Menschen daher zugerufen: Nur Mut, ihr schafft das! Und den Politikern sei ans Herz gelegt: Habt endlich denselben Mut, handelt, reformiert die Schulangebote und erkennt die neuen Realitäten an, so dass unsere Jugend die besten Voraussetzungen bekommt.  

Jörg Müller-Lietzkow ist Sachverständiger in der KI-Enquete-Kommission des Bundestages und einer von zwei Sprechern des CDU-nahen netzpolitischen Vereins C-Netz.

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