„Je eher der Kohleausstieg kommt, desto höher muss die Entschädigung sein“

Andreas Scheidt ist Mitglied im Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi, in der die Mitarbeiter deutscher Kohlekraftwerke organisiert sind. Er vertritt ihre Interessen in der Kohle-Kommission. Ein Gespräch über die Konsequenzen eines schnellen Kohleausstiegs, alternative Jobs zur Kohlewirtschaft und fehlende Arbeitsstandards in der Erneuerbaren-Branche.

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Andreas Scheidt, Mitglied des Bundesvorstands bei Verdi, setzt sich für die Beschäftigten in deutschen Kohlekraftwerken ein. Foto: Kay Herschelmann

Herr Scheidt, bei Verdi sind jene Mitarbeiter organisiert, die direkt in den Kohlekraftwerken arbeiten. Die Industriegewerkschaft IG BCE vertritt hingegen die Interessen der Mitarbeiter in den Tagebauen. Ist ein Lager besonders stark?


Die Beschäftigungsbereiche sind in etwa ausgeglichen.  Es gibt ungefähr 15.000 Beschäftigte in den Kohlekraftwerken, und ungefähr ebenso viele in den Tagebauen.


Welche Interessen wird Verdi in der Kommission „Wachstum, Beschäftigung und Strukturwandel“ vertreten?


Wir werden uns für vier Punkte, zu gleichen Teilen gewichtet, in der Kommission stark machen: Zum einen für den Klimaschutz, aber genauso für die Sicherheit der Stromversorgung , die Bezahlbarkeit des Stroms und die Sicherung der Beschäftigung für die vom Kohleausstieg betroffenen Menschen. Alle diese Faktoren sind außerordentlich wichtig.


Welchen Job könnte jemand, der jahrelang in einem Kohlekraftwerk gearbeitet hat, alternativ machen?


Das kommt unter anderem auf das Alter des Mitarbeiters an. Wenn sich jemand kurz vor dem Renteneinstiegsalter befindet,  ist die Möglichkeit gegeben, den frühzeitigen Ruhestand anzubieten. Es sind auch Modelle der Altersteilzeit möglich. Für Mitarbeiter, die noch mitten im Berufsleben stehen, gibt es Möglichkeiten auf Weiterbildung innerhalb der Konzerne. Das ist bei Stadtwerken und großen Energieversorgern natürlich einfacher als bei Kraftwerksbetreibern, die nur Kraftwerke haben.  Da sind wir dann besonders gefragt, Lösungen zu finden. Zum Teil  gibt es auch Möglichkeiten, dass die Kraftwerksbetreiber von Kohle auf Gas umstellen. Auf jeden Fall sind Qualifizierungen und Weiterbildungsmaßnahmen für die Beschäftigten dringend notwendig.


Der Transfer der Mitarbeiter von einem Kohle- ins Gaskraftwerk geht so einfach?


In der Regel schon. Im Kohlekraftwerk arbeiten gut ausgebildete Beschäftigte. Ihr Know-how wird dringend benötigt. Wir gehen in ein Jahrzehnt des Fachkräftemangels und da ist jeder gut ausgebildete Beschäftigte ein Mehrwert für die Unternehmen.


Wie sieht es mit einem Transfer in die Erneuerbaren-Branche aus: Sind aus Verdi-Sicht dort gute Jobs zu finden?


Beschäftigte, die im Bereich der Erneuerbaren Energien arbeiten, sind teilweise schon bei Verdi organisiert. Allerdings gibt es hier noch  zu tun, um diese  Branche an die Standards der konventionellen Energiewirtschaft anzugleichen. In der Erneuerbaren-Branche sind nicht überall  Tarifverträge ausgehandelt. Oder es fehlt der Betriebsrat.


Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) nimmt als Kohleausstiegsdatum 2045 ins Visier. Welche Meinung hat Verdi dazu?


Ich möchte nicht spekulieren. Ich habe die vier für Verdi wichtigen Punkte genannt. Das Kohleausstiegsdatum ist besonders unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit zu sehen. So wie ich die Lage bewerte, ist Deutschland nicht für einen raschen Kohleausstieg aufgestellt. Es werden Übertragungsnetze, Stromspeicher, Backup-Kraftwerke benötigt. Das sind sehr viele Faktoren, die eine Rolle spielen, derzeit aber nur unzureichend  in Angriff genommen werden und daher noch länger unsicher sein werden.


Verdi hatte mal ausgerechnet, welche Summe aus Sicht der Gewerkschaft angemessen wäre zur Entschädigung der Kraftwerksbeschäftigten bei einem frühzeitigen Kohleausstieg. Über welche Summe sprechen wir?


Dabei haben wir verschiedene Szenarien in den Blick genommen: Der frühzeitige Kohleausstieg bis 2040 war ein Szenario, ein anderes etwa sah eine Halbierung der Kohlekapazität bis 2030 vor und den vollständigen Ausstieg bis 2050. Das Ergebnis: In keinem der Szenarien überschreitet die Summe der Entschädigung 250 Millionen Euro jährlich, sie liegt eher darunter. Klar ist aber: Je eher der Ausstieg kommt, desto höher muss die Summe für den sozialverträglichen Übergang für die Beschäftigten sein.


In der Kommission müssen Sie sich jetzt mit der heiklen Frage nach dem Kohleausstieg herumschlagen. Ist es eigentlich feige von der Bundesregierung, das Thema ausgelagert zu haben?


Nein, ich bin ein Befürworter , diese Fragen in gesellschaftlichem Konsens zu klären. Wir haben innerhalb des Deutschen Gewerkschaftsbundes  einen Runden Tisch  eingefordert. Wir wollen die Energiewende ja weiterführen, aber dabei müssen die Themen Sozialverträglichkeit und gute Arbeit im Blick behalten werden. Die Strukturwandel-Kommission mit vielfältigen Meinungen ist also der richtige Ansatz, Antworten zu finden.


Das Gespräch führte Nora Marie Zaremba.


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