„Kein Job im Nagelstudio für Kohlekumpel“

Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft IG BCE, vertritt in der Kohle-Kommission nicht nur die Interessen von 20.000 Kohlekumpels. Er spricht auch für die energieintensiven Industrien wie etwa die Chemiebranche. Dass der Kohleausstieg auch dort Jobs kosten könnte, muss laut Vassiliadis mitdiskutiert werden.

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Herr Vassiliadis, wann kommt der Kohleausstieg?


Ich glaube, dass es ein Ausgleiten aus der Kohle sein wird. Es geht beim Klimaschutz in erster Linie um die Reduktion von Tonnen und nicht darum, wann das allerletzte Kohlekraftwerk vom Netz geht. Wenn es uns also gelingt, CO2 schrittweise zu reduzieren – bis 2030 und von 2030 bis 2050 –  in dem Maße, wie es die Klimaziele erfordern, ist ja alles gut. Was das genaue Enddatum betrifft: Die Genehmigungen für die Tagebaue laufen bis Anfang der 2040er, danach passiert sowieso nichts mehr. Nur wenn wir die Erneuerbaren markt- und versorgungsfähiger machen, wird der Ausstieg eher in den 2030er Jahren stattfinden können.


Welche Fragen müssen da aus Ihrer Sicht geklärt werden, um den Kohleausstieg vor 2040 zu ermöglichen?


Da ist zuerst die Frage zu klären, wie zuverlässig die erneuerbaren Energien in der Stromversorgung sind. Es müssen Netze und Speicher her, denn das bestehende Stromnetz ist schlicht überfordert. Gerade haben wir die Situation, dass wir Windanlagen teuer abregeln müssen, weil sonst das Netz kollabieren würde.


Als zweite wichtige Frage muss geklärt werden, was uns dieser Umbau des Stromsystems eigentlich kosten wird. Gerade subventionieren wir die erneuerbaren Energien. Wenn wir uns schrittweise in eine Welt mit Hundert Prozent sauberer Energie begeben wollen, muss das wirtschaftlicher stattfinden. Erst wenn wir die beiden Dinge erreicht haben, sind wir in einer Situation, wo wir die konventionellen Energien gar nicht mehr brauchen. Dann käme der Ausstieg aus Kohle und Gas.


Sie vertreten als Chef der Industriegewerkschaft IG BCE 20.000 Kohlebeschäftigte. Was passiert mit ihnen nach dem Ausstieg?


Wichtig ist mir, dass niemand seinen Job aufgrund politischer Entscheidungen verliert. Denn ohne diese Entscheidungen würde jeder der Leute seinen Job bis zur Rente machen. Da müssen also vorher Alternativen her. Und ich spreche hier nicht von einem Job im Nagelstudio, sondern von Industriejobs. Als Gewerkschaftsvorsitzender blicke ich aber nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität der Jobs. Wenn man auf die Erneuerbaren-Branche blickt, gibt es dort oft noch keine flächendeckenden Tarifverträge. In der Solarindustrie hatten wir das gerade erreicht, dann allerdings sind Jobs in Deutschland verdrängt worden durch günstige Solarmodule aus China.


Hat es ein Mitarbeiter im Tagebau schwerer, anschließend einen adäquaten Job zu finden als jemand, der direkt im Kraftwerk arbeitet?


Das lässt sich so nicht feststellen. Im Bergbau arbeiten ganz unterschiedliche Fachkräfte: Schlosser oder Elektriker, die gut ausgebildet sind, werden leichter in neuen Industriebetrieben arbeiten können. Allerdings muss es natürlich ein Angebot an Jobs geben. Dann gibt es die speziellen Berufe, etwa den klassischen Aufbereitungsmechaniker. Da werden wir eher umschulen.


 Welche Wünsche haben Sie für den Strukturwandel?


Den Wunsch, dass wir uns bei der Frage nach Beschäftigungsalternativen ganz konkret mit den Regionen befassen und schauen, was genau wohin passt und was nicht. Da muss ich noch mal auf den Steinkohleausstieg im Ruhrgebiet verweisen, von dem man sehr viel lernen kann. Und dann ist da noch ein weiterer Punkt, der in der Debatte fast gar nicht beleuchtet wird: Im Grunde sind alle Industrien meiner Gewerkschaft, also Chemie, Glas, Keramik, Papier und viele andere energieintensiv. Wenn es nun durch den Kohleausstieg zu höheren Strompreisen kommt, dann sind dort am Ende Jobs bedroht. Das sind globale Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen. Die Frage, wie wir diese Folgen kompensieren, muss man natürlich auch beantworten.


Das Interview führte Nora Marie Zaremba.


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