Standpunkt Keine grenzenlose Freiheit über den Wolken

Am vergangenen Freitag haben sich in Hamburg die Vertreter von Airlines und Flughafenbetreibern mit Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zum Krisengipfel getroffen. Über Flugverspätungen und -ausfälle wurde viel geredet. Viel wirksamer wäre ein Verbot von innerdeutschen Flügen, meint der Verkehrsforscher Andreas Knie.

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Machen wir mal ein Gedankenexperiment:  In Deutschland sind ab dem 1. August 2019 alle innerdeutschen Flüge verboten. Innerhalb der Grenzen des Landes darf keine Airline mehr Linienflüge anbieten und abwickeln. Was würde passieren? Chaos? Ökonomischer Stillstand, kultureller Verfall und Arbeitsplatzverluste und noch mehr Wähler für die AfD? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.


Es könnte so sein, dass sich als erstes die großen Flughäfen wie Frankfurt, München und Düsseldorf freuen. Diese als „Hubs“ funktionierenden Drehkreuze müssten nicht mehr Slots für Inlandsflüge vorhalten, sondern könnten ihre begrenzen Kapazitäten auf die lukrativen Langstrecken konzentrieren und hätten weniger von den Problemen am Hals, die am vergangenen Freitag von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) beklagt wurden.


Ryanair und Easyjet wären sauer


Ryanair und Easyjet würden sich ärgern, da sie ja gerade erst in den innerdeutschen Flugmarkt eingestiegen sind, die Lufthansa könnte sich dagegen freuen, da ein für sie nur schwer bespielbarer Markt über Nacht geschlossen wäre. Die Menschen müssten nicht mehr durch aufwendige Kurzflüge zu den Drehkreuzen geflogen werden, sondern kämen mit der Bahn. Die Airlines jedenfalls würden ein innerdeutsches Flugverbot alle gut überleben.


Einzelne Regionalflughäfen würden versuchen, ihr internationales Geschäft auszuweiten, um von Paderborn, Erfurt oder Hahn in die weite Welt zu fliegen. Lediglich Berlin hätte mit seinen zwei aktiven Flughäfen einige Probleme, da die Berliner Hauptstadt besonders vom Binnenflugmarkt profitiert. Der Anteil der innerdeutschen Passagiere ist in Berlin so hoch wie an keinem anderen Flughafen. Jedenfalls wäre Berlin eine Sorge los, nämlich, den neuen Flughafen bereits zu knapp geplant zu haben. Nur böse Zungen würden behaupten, dass für das nach einem innerdeutschen Flugverbot noch verbleibende Passagieraufkommen Tegel völlig ausreichen würde.


Bleiben die Unternehmen, die öfter mal zu Meetings in verschiedene Städte der Republik einladen, wissend, dass dies mit dem Flugzeug schnell zu bewerkstelligen ist. Es wäre sicherlich nicht von jetzt auf gleich zu managen, aber grundsätzlich sind Alternativen verfügbar. Muss man diese Meeting-Kultur tatsächlich weiter pflegen oder kann man auf die Optionen der digitalen Kommunikation zurückgreifen? Effizientes Arbeiten geht sicherlich auch, wenn man nicht dauernd miteinander redet, sondern weniger, dafür aber länger und intensiver. Für besonders eilige und sehr wichtige Menschen wird es wahrscheinlich immer die Option des Privatjets geben.


Der Wissenschafts- und Kulturbetrieb würde sich sicherlich umstellen müssen. Der Kongress- und Tagungstourismus ist für einige Städte schon zu einem Standortfaktor geworden. Schnell noch die Abendmaschine nehmen, kurz die Keynote in A halten, um dann noch einer Prüfung in B beizuwohnen. Geht mit dem Flugzeug fast immer. Aber wenn es innerdeutsch keine Flüge mehr gäbe?


Die Alternativen zum Flugzeug


Es bleiben ja auch Transportalternativen. Man möchte dieser Tage gar nicht wirklich daran erinnern, aber da ist ja noch die Eisenbahn. Bei aller Kritik haben sich seit der Wiedervereinigung das Streckennetz und die Verbindungen im Fernverkehr – natürlich von Ausnahmen abgesehen – deutlich verbessert. Nehmen wir das oben schon erwähnte Berlin: Berlin–Hamburg von knapp drei Stunden auf 1,5 Stunden. Auf der Strecke Berlin–Leipzig wurde die Reisezeit von drei auf eine Stunde reduziert. Berlin–Hannover von vier auf eineinhalb Stunden. Und neuerdings München, das – wenn man viel Glück hat – in vier Stunden erreicht werden kann. Natürlich sind noch jede Menge Lücken im Eisenbahnsystem. Von Köln nach Dresden ist und bleibt es eine gefühlte Weltreise. Aber es ginge.


Hinsichtlich der Kapazitäten wäre es kein Problem. Die Passagiere der Lüfte könnten ohne Probleme in der Bahn Platz finden. Das was die Lufthansa in einem Jahr transportiert, wird von der Bahn an einem Tag bewerkstelligt. Vorausgesetzt, diese fährt und dann auch mit allen angekündigten Wagen.


Ein innerdeutsches Flugverbot würde aber mit Sicherheit endlich einmal eine ehrliche Debatte über die Zukunft der Bahn provozieren. Wollen wir ein modernes Schienennetz haben, dann müssen wir es ausbauen und natürlich anders bewirtschaften als bisher. Es würde auch endlich die Diskussion um eine Bahnreform 2.0 starten, die darüber entscheiden muss, ob wir nun wieder eine Deutsche Bundesbahn wollen oder eine liberalisierte, wettbewerbliche Bahn. Zurzeit haben wir von allem ein bisschen und daher letztlich von keinem wirklich etwas.


Das Auto wäre als Alternative wenig interessant, da zu Spitzenzeiten bereits jetzt die Fernstraßen überlastet sind und sich mehr und mehr die Arbeit auch auf die Verkehrszeiten ausdehnt. Wenn man im eigenen Wagen auch besser telefonieren kann, ein idealer Arbeitsplatz ist das Fahrzeug nicht. Noch mehr Konjunktur würden Fernbusse erhalten, die sich dann nicht nur über den Preis, sondern auch über den Komfort differenzieren würden.


Argument für völligen Regierungsumzug nach Berlin


Leiden würden natürlich die vielen Beschäftigten der Bundesministerien und nachgeordneten Behörden. Es ist immer noch knapp die Hälfte der Bundesbeschäftigten, die ihren Dienstort in Bonn haben. Und etwa die Hälfte dieser Menschen sind praktisch täglich zwischen den beiden Dienstorten unterwegs. Der Umzug der Regierung hat – bis auf wenige Ausnahmen – dem Bonner Raum nicht geschadet. Die Immobilienpreise sind sogar gestiegen, und die Zahl der Arbeitsplätze konnte mehr als kompensiert werden. Für Berlin war der Umzug ein Segen, denn sonst hat kein Unternehmen seinen Konzernsitz mit vielen Arbeitsplätzen nach Berlin verlegt. Ganz im Gegenteil: Die einstmals großen Arbeitgeber wie Siemens und Schering (heute Bayer) bauen weiter ab. Es wäre doch für alle Beteiligten gut, wenn nunmehr der Umzug zumindest der Ministerien komplett abgeschlossen würde.


Die Regelung des Verkehrs ist voller Gebote, Verordnungen und Vorschriften. Ein Verbot innerdeutscher Flüge würde möglicherweise nicht den Untergang des Abendlandes bedeuten und könnte für einige Menschen – nicht nur für die Umwelt – eine Schutzfunktion entwickeln. Man muss die Organisation von Arbeit und Privatem umstellen, und natürlich gäbe es Härtefälle, aber möglichweise wäre mehr gewonnen. Es könnte auch sein, dass uns unsere europäischen Nachbarländer bei diesem Experiment genau beobachten. Vorstellbar wäre auch, dass in Deutschland neue Online-Formate für Konferenzen und Kongresse oder gar neue Organisationspraktiken der Erwerbsarbeit entwickelt würden, die aus dem Heimatland der verbotenen Inlandsflüge zu neuen Exportschlagern würden.


Nur falls es jemand nicht wissen sollte: Der Durchschnittsausstoß an CO2 pro Personenkilometer beträgt beim Flugzeug 214 Gramm, beim Pkw mit Verbrennungsmotor 145 Gramm und bei der Bahn 38 Gramm.


Prof. Dr. Andreas Knie ist Leiter der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin und war Gründer und Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ).

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