„Klarheit minimiert das Risiko“

Kristina Jeromin, Leiterin der Abteilung Nachhaltigkeit bei der Deutschen Börse, und Christoph Bals von Germanwatch sprechen im Interview über die Verantwortung des Finanzmarktes beim Klimaschutz, den Standort Deutschland und zögerliche Energiewende-Politik, die Investoren verunsichert.

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Herr Bals, auf dem Klimagipfel in Paris am Dienstag hat der große französische Versicherungskonzern Axa angekündigt, sich noch stärker als bisher aus der Kohlefinanzierung zurückzuziehen. Welches Signal sendet das an die deutsche Finanzwelt? 


Bals: Die Ankündigung des Versicherungskonzerns Axa ist ein kraftvolles Signal. Das Unternehmen will gegenüber der bisherigen Ankündigung bis 2020 fünfmal so viel in erneuerbare Energien investieren. Ebenso soll das Fünffache an Kohle und Teersand gegenüber der Ankündigung von Paris vom Divestment betroffen.  Und als erster großer Versicherer überhaupt kündigt das Unternehmen an, das neue Kohle- und Teersandinvestitionen auch nicht mehr versichert werden. Wir setzen darauf, dass sich die großen deutschen Versicherer wie Allianz oder Munich Re ein Beispiel daran nehmen.


Frau Jeromin, was tut die Deutsche Börse als eine der größten Börsenorganisationen der Welt heute schon, um das Thema Klimarisiken im Finanzsektor zu  adressieren?


Jeromin: Im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsstrategie führt die Deutsche Börse seit einigen Jahren regelmäßig eine sogenannte Wesentlichkeitsanalyse durch. Konkret heißt das, dass wir im Gespräch mit allen relevanten Kapitalmarktakteuren sind, also Investoren, Banken und börsennotierten Unternehmen, aber auch mit Nichtregierungsorganisationen und Verbänden. Daraus analysieren wir Chancen und Risiken, die sich für unser Kerngeschäft, nämlich stabile und transparente Kapitalmärkte zu organisieren, ergeben. Das Thema Klimawandel und sich daraus ergebenden Chancen und Risiken und die Konsequenzen für internationale Finanzmärkte sind von großer Bedeutung. Um für diese Herausforderungen geeignete Lösungen zu entwickeln, brauchen wir aber die Expertise aller Beteiligten.


Herr Bals, können Sie beschreiben, warum Klimaschutz ohne ein Mitwirken der Finanzmärkte nicht möglich ist?


Bals: Im Pariser Abkommen wurden drei Ziele für den internationalen Klimaschutz verabschiedet. Ziel eins ist es, die globale  Erderwärmung zu begrenzen.  Das zweite Ziel besteht darin, die Resilienz gegenüber Klimarisiken in allen Staaten zu fördern. Das dritte Ziel aber ist es, die Finanzflüsse weltweit so zu verschieben, damit diese beiden ersten Ziele erfüllt werden können. Jede Investition, ob im Sektor Strom, Gebäude und Verkehr, muss ab sofort anders aussehen, als sie bisher ausgesehen hat. Und das heißt natürlich auch, dass Akteure am Finanzmarkt ihre Rolle dabei zu spielen haben. Aber wir brauchen auch die notwendigen politischen Rahmenbedingungen, damit die Akteure entsprechend handeln.


Kommt über den Finanzmarkt der Druck zustande, den es für eine Umsetzung des Pariser Abkommens braucht? Schließlich legen die Staaten ihre Beiträge freiwillig fest. Mit den bisher zugesagten Beiträgen reicht es nicht aus.


Bals: Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das Pariser Abkommen ein völkerrechtlich bindender Vertrag ist. Die nationalen Beiträge beruhen zwar auf Freiwilligkeit, doch auch diese werden national verbindlich und mit entsprechenden Umsetzungsmaßnahmen beschlossen und regelmäßig nachgeschärft.  Und genau darum geht es in den nächsten zwei bis drei Jahren – um die Umsetzung und Nachschärfung der Ziele. Der Finanzmarkt hat dabei eine enorme Hebelwirkung. Er muss einerseits auf die Risiken aufmerksam machen: Das Risiko, das damit einhergeht, wenn weiter in eine Zukunft hinein investiert wird, die nicht mit den Pariser Zielen kompatibel ist. Und andererseits geht es auch darum, die Chancen herauszuarbeiten, die Investitionen in das saubere Energiesystem mit sich bringen. Aber der Finanzmarkt kann seine Funktion nur ausüben, wenn die Politik die notwendigen Rahmenbedingungen und Berichtspflichten schafft.


Jeromin: Ich finde es schwierig, von „dem Finanzmarkt“ als einer Einheit zu sprechen. Es gibt hier verschiedene Akteure, die sich hinsichtlich ihrer Interessen unterscheiden. Wenn gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden sollen, ist es ganz wichtig, die systemischen Verästelungen zwischen den verschiedenen Akteuren zu verstehen, das politisch abzubilden und zu adressieren. Bei der Minderung von Klimarisiken muss man für jeden Akteur im Kapitalmarkt ein konkretes Verantwortungsprofil formulieren, wie der Prozess, Klimarisiken zu adressieren und zu minimieren, umzusetzen ist. Ganz wichtig ist dann auch der konstruktive Austausch mit beispielsweise der Zivilgesellschaft. Sie kann dafür sorgen, dass das Thema vom Finanzmarkt in die breite Öffentlichkeit gelangt. Der Druck auf den Mainstream-Investor muss so groß sein, dass er es sich aus Reputationsgründen nicht erlauben kann, so zu investieren, dass es schlecht ist für das Klima.


Laut Citibank sind es 100 Billionen US-Dollar, die weltweit aus risikoreichen Unternehmen umgeschichtet werden müssen. Über welche Zahlen sprechen wir konkret in Deutschland? 


Bals: Wir müssen uns genau anschauen, was diese 100 Billionen US-Dollar bedeuten. Die Zahl ist für das zwei-Grad-Ziel berechnet. 70 Prozent der fossilen Reserven weltweit können dann nicht benutzt werden. Sie hatten 2015 einen Marktwert in Höhe von 100 Billionen US-Dollar. Dabei ist nicht allerdings nicht gesagt, welcher Anteil  dieser „stranded assets“ denn überhaupt schon abgeschrieben ist und welcher nicht. Das Risiko kann man finanziell aber erst bemessen, wenn man das konkret weiß. Auch auf der nationalen Ebene bedeutet das, dass man nicht einfach den Wert fossiler Unternehmen und Projekte zusammenaddieren kann, sondern hier auch entsprechen schauen muss, was wann abgeschrieben ist. Das Umweltbundesamt arbeitet derzeit an einem Projekt mit dem Titel „Kohlenstoffblase“. Davon erwarte ich, dass es entsprechende Abschätzungen oder Folgeaufträge geben wird.


Wie weit ist die Debatte um nachhaltige Finanzanlagen in Deutschland im Vergleich zu Finanzplätzen wie London?


Jeromin: Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie wird alle vier bis fünf Jahre von einem Expertengremium begutachtet. Das Ergebnis ist der sogenannte „Peer-Review“. 2013 wurde dieser Report das letzte Mal veröffentlicht mit der klaren Schlussfolgerung, dass die deutsche Finanzindustrie in ihrer Unterstützung der Energiewende als unterentwickelt bezeichnet wurde. Wenn wir uns im europäischen Vergleich umschauen, dann liegt die deutsche Finanzindustrie bei den Fragen, wie Finanzsystemstrukturen neu gedacht und transformiert werden müssen, um Klimarisiken zu minimieren, im Hintertreffen. Doch tatsächlich wird das jetzt ja angegangen. Nur muss man dann auch zeitnah vom Reden ins Handeln kommen.


Gerade beim Thema Kohleausstieg hat man aber doch jetzt das Gefühl, dass die Politik dem Finanzmarkt in Sachen Klimaschutz hinterherhinkt. Während sich große Unternehmen und sogar die Energiekonzerne Eon und EnBW für einen starken CO-Preis in Deutschland aussprechen oder sogar auch zum festen Kohleausstiegsdatum raten, zögert die Politik doch ungemein.


Jeromin: Die Akteure im Finanzmarkt brauchen Erwartungssicherheit hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung einzelner Industriesektoren. Generell minimiert Klarheit das Risiko im Rahmen von Investmentanalysen und -entscheidungen. Für einige Investoren ist Kohle bereits heute ein Ausschlusskriterium. Diese Entwicklung muss von der Politik mit den entsprechenden Rahmenbedingungen flankiert werden. Es wirkt sich verunsichernd auf die Kapitalmärkte aus, wenn die Politik hier nicht verlässlich agiert und beschlossene Ziele, wie beispielsweise die Energiewende, nicht konsequent umgesetzt werden


Liegt die deutsche Finanzwelt auch im Hintertreffen, weil die wirklich großen fossilen Konzerne wie ExxonMobil oder Shell eben nicht in Deutschland sitzen?


Jeromin: Ich würde es gar nicht unbedingt an diesen Industrien festmachen. Ich sehe eher ein grundsätzliches Problem in Deutschland und das ist die vorhandene Dialogstruktur, zwischen Politik, Realwirtschaft und Finanzindustrie. So wie ich es erlebe, verläuft der Austausch hier oft in alten Denkmustern und tiefen Gräben. Da muss es ins Zukunft vermehrt darum gehen, sich gegenseitig konstruktiver und handlungsorientierter zu begegnen und zu unterstützen. Das ist auch Zielsetzung des neuen Hub for Sustainable Finance, den wir mit dem Rat für Nachhaltige Entwicklung gegründet haben und der die verschiedenen Initiativen in Deutschland bündelt


Bals: Da sehe ich übrigens auch Nichtregierungsorganisationen stärker in der Pflicht. Uns kommt traditionell die Rolle des Protestierers zu. Aber nun müssen wir zusätzlich selbst aktiv die notwendige Transformation mitgestalten. Das heißt konkret, dass wir unseren Beitrag leisten müssen, um die Erwartungen von Politik, Wirtschaft und Finanzmarkt in Bezug auf die grobe Marschrichtung zu koordinieren. Protest ist das eine, Vorreiterallianzen zu koordinieren ist das andere.


Frau Jeromin, die G20-Staaten haben extra eine Arbeitsgruppe zur Transparenz finanzieller Klimarisiken, die TCFD, eingesetzt. Mehr als 100 Unternehmen unterstützen die von der Gruppe erarbeiteten Richtlinien. Wie steht die Deutsche Börse dazu? 


Jeromin: Auch die Deutsche Börse unterstützt diese Empfehlungen. Wir glauben, dass gerade der Zugang über die Risikofrage geeignet ist um Nachhaltigkeit von der Nische in den Mainstream zu bringen. Die zentrale Frage ist, wie man das Risiko aus dem Klimawandel monetär bemisst und welche Datengrundlage, hierfür der geeignete transparente Standard ist. Um die Leistung eines Unternehmens zu bemessen wurden bisher immer nur die klassischen Finanzkennzahlen verwendet. Spätestens seit der Finanzkrise wissen wir, dass diese eindimensionale und rückwärtsgerichtete Betrachtung nicht ausreicht.


Was können Empfehlungen wie die der TCFD-Arbeitsgruppe tatsächlich leisten? 


Bals: Ich erhoffe mir davon, dass wir ein ganz grundlegendes Problem des Finanzmarktes adressieren, die Tragödie der Kurzsichtigkeit: Es ist zentral, nicht nur die aktuellen Emissionen der Unternehmen zu bewerten, sondern auch, wie die Unternehmen aufgestellt sind, um bis 2050 Treibhausgasneutralität zu erreichen und einen signifikanten CO2-Preis zu verkraften.


Jeromin: Es ist schwer verständlich, dass diese mittel- bis langfristige Perspektive und Szenarienbildung bisher noch kein auf dem Finanzmarkt anerkanntes, notwendiges Instrument in der Investitionsanalyse darstellt. Häufig ist die Entschuldigung ja, dass niemand wissen würde, wie die Welt in fünf bis zehn Jahren aussieht und uns hierzu die entsprechende Datengrundlage fehle. Dem würde ich entscheidend widersprechen. Aber selbst die klassischen Finanzkennzahlen sind ja nicht irgendwann vom Himmel gefallen, sondern sind ein Konstrukt, auf das man sich irgendwann geeinigt hat.


Wir brauchen nun einen ganzheitlichen Blick auf die Wertschöpfungskette der Unternehmen und eine mittel-bis langfristige Prognostizierung der Entwicklung der Geschäftstätigkeit, die Risiken und Chancen gleichermaßen berücksichtigt. Hierzu sind die Empfehlungen der TCFD sehr geeignet. Es ist uns nun ein Anliegen, diese im finanzwirtschaftlichen Berichtswesen zu verankern. Sie dürfen nicht in der Schublade verschwinden, sondern sollten im Rahmen der Offenlegung von Klimarisiken „state of the art“ werden.


Christoph Bals ist seit 2005 politischer Geschäftsführer der Umweltorganisation Germanwatch.


Kristina Jeromin ist seit 2009 bei der Deutschen Börse und verantwortet seit 2015 als Head of Group Sustainability das Nachhaltigkeitsmanagement des Unternehmens. Die Deutsche Börse, ein internationaler Kapitalmarktorganisator, ist selbst börsengelistetes Unternehmen und DAX-Mitglied.

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