Standpunkt Anpassung an den Klimawandel

Der Energiesektor mit seinen Emissionen treibt den Klimawandel voran, andererseits ist er auch deutlich von den Folgen betroffen. Wo ist diese kritische Infrastruktur besonders verletzlich, wie sollten Unternehmen und Politik reagieren? Markus Groth, Steffen Bender und Jörg Cortekar vom Climate Service Center Germany (GERICS) des Helmholtz-Zentrums Geesthacht plädieren in ihrem Standpunkt dafür, die Anpassung entschlossen voranzutreiben.

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Durch den Klimawandel entsteht neben dem Klimaschutz zunehmend auch Handlungsbedarf zur Anpassung an die heute bereits unvermeidlichen und zukünftig zu erwartenden Folgen des Klimawandels. Hierbei kommt dem Energiesektor eine besondere Bedeutung zu. Zum einen ist die Energieinfrastruktur eine kritische Infrastruktur, zum anderen befindet sich der deutsche Energiesektor durch die Energiewende in einem umfassenden Transformationsprozess.

Die 2018 in Deutschland zu beobachtenden Folgen des extrem trockenen und überdurchschnittlich warmen Jahres haben schon jetzt Anfälligkeiten der Energieversorgung erkennen lassen. Insbesondere thermische Kraftwerke waren durch direkte und indirekte Folgen des Klimawandels – wie eine ansteigende Lufttemperatur, vermehrte Temperaturextreme, steigende Wassertemperaturen sowie niedrige Flusswasserpegel – betroffen. Neben der Anpassung thermischer Kraftwerke ist die Sicherstellung einer auch bei Extremwetterereignissen funktionsfähigen Netzinfrastruktur schon jetzt von zentraler Bedeutung.

Was kann auf uns zukommen?

Regionale Klimaprojektionen zeigen für Deutschland eine Zunahme der mittleren Lufttemperatur und damit zwangsläufig auch der Wassertemperatur. Durch eine weitere Verschiebung der Niederschläge vom Sommer in den Winter ist lokal von einer Zunahme niedriger Flusswasserstände auszugehen, was insbesondere in Verbindung mit höheren Sommertemperaturen die Kühlwassersituation und Engpässe in der Transportlogistik weiter verschärfen wird. Somit ist zu erwarten, dass Kraftwerke häufiger gedrosselt oder heruntergefahren werden müssen.

Eine weitere Herausforderung besteht in der zukünftigen Ausgestaltung der Übertragungs- und Verteilnetzinfrastruktur. Hier sind vor allem Extremwetterereignisse relevant, die sich negativ auf die Leitungsfähigkeit bei steigenden Temperaturen und insbesondere bei häufiger auftretenden Hitzewellen auswirken oder zu einer unmittelbaren Beschädigung von einzelnen Elementen wie beispielsweise Masten, Kabeln und Transformatoren führen.

Aktuelle Zahlen der Bundesnetzagentur zu Unterbrechungen der Stromversorgung zeigen, dass ihre Anzahl von 172.504 in 2016 auf 166.560 in 2017 zurückgegangen ist. Die Dauer der Unterbrechungen je Letztverbraucher in der Nieder- und Mittelspannung ist in diesem Zeitraum hingegen von 12,80 auf 15,14 Minuten angestiegen. Besonders hervorzuheben ist hierbei, dass sich die auf extreme Wetterereignisse wie Stürme, Hochwasser oder Schnee zurückzuführenden Unterbrechungen im Verteilnetz 2017 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt haben. Die Übertragungsnetze blieben dagegen weitestgehend unbetroffen.

Zukünftig ist generell ein Rückgang der Tage mit ausreichend niedrigen Temperaturen zur Ausbildung einer kritischen Eis- und Schneelast sowie Tagen mit Schneefall insbesondere im Flachland zu erwarten. Hinsichtlich der Niederschlagsmengen im Winter zeigen regionale Klimaprojektionen jedoch eine Zunahme, was zu häufigeren und intensiveren Überflutungen führen kann. Ein weiteres Gefährdungspotenzial geht sowohl von Flusshochwassern als auch von Sturzfluten in Folge von extremer auftretenden Starkregenereignissen aus. So können Mastfundamente unterspült werden oder es kann sich eine hohe Bodenfeuchte negativ auf die Standfestigkeit auswirken. Einzelne Elemente wie Umspannwerke oder Transformator-Stationen können insbesondere in der Nähe von Fließgewässern oder tiefergelegenen Bereichen betroffen sein. Gleichzeitig sind beispielweise für Norddeutschland mehr Starkwindereignisse sowie eine erhöhte Sturmaktivität zu erwarten.

Durch die weiter zunehmende Bedeutung erneuerbarer Energien ist auch zu erwarten, dass sich die klimawandelbedingte Anfälligkeit der Energieversorgung entsprechend verändern wird. Eine besondere Herausforderung kann sich hier aufgrund von Schwachwind und wetter- oder jahreszeitbedingter Dunkelheit sowie einer witterungsbedingt hohen Nachfrage ergeben. Zu zukünftig zu erwartenden Ausprägungen dieser besonderen Situationen können derzeit jedoch noch keine belastbaren Aussagen getroffen werden.

Politische und unternehmerische Herausforderungen

Die zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels sollten schon jetzt sowohl auf der Ebene einzelwirtschaftlicher Optimierungen von Unternehmensstandorten und Kraftwerken als auch bei anstehenden Infrastrukturmaßnahmen im Rahmen der Energiewende noch stärker Berücksichtigung finden. Damit könnte die Transformation der Energieversorgung auch zur Beseitigung entsprechender Schwachstellen und letztlich zur langfristig klimawandelangepassten Auslegung der Infrastruktur genutzt werden.

Ein zentraler Schlüssel liegt hierbei in der Ausgestaltung regulatorischer Rahmenbedingungen. Hier gilt es nicht nur, bestehende Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen und weiterzuentwickeln, sondern auch neue Wege zu gehen.

Für die Brennstoffbevorratung beispielsweise werden in den bisherigen rechtlichen Rahmenbedingungen Aspekte der Anpassung an die Folgen des Klimawandels noch weitestgehend außer Acht gelassen. Grundsätzlich ist jedoch zu erwarten, dass hier insbesondere mögliche Einschränkungen der Transportlogistik zukünftig häufiger auftreten werden.

Zudem wäre es denkbar, spezifische Anreize für zusätzliche Investitionen in eine auch unter Berücksichtigung zunehmender klimawandelbedingter Einflüsse widerstandsfähige und sichere Infrastruktur in die entsprechende Anreizregulierungsverordnung zu integrieren.

Eine weitere Möglichkeit ist die Einführung neuer oder die entsprechende Erweiterung bestehender Berichtspflichten für Betreiber kritischer Energieinfrastrukturen zum Umgang mit Chancen und Risiken des Klimawandels. Einen Anknüpfungspunkt bietet hier die Pflicht von rund 900 Netzbetreibern, jährlich alle in ihren Netzen aufgetretenen Versorgungsunterbrechungen an die Bundesnetzagentur zu berichten.

Fazit: Auch in Deutschland sollten Unternehmen und Politik die Folgen des Klimawandels noch umfassender berücksichtigen. Sowohl aus Gründen einer unternehmerischen Eigenvorsorge, der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge als auch vor dem Hintergrund der Verantwortung zur politischen Ausgestaltung notwendiger regulatorischer Rahmenbedingungen. Noch bietet die Energiewende die Möglichkeit, Synergien von Klimaschutz und Anpassung an die Folgen des Klimawandels frühzeitig zu realisieren. Eine Chance, die nicht ungenutzt bleiben sollte.

Dieser Standpunkt basiert auf der folgenden Publikation, in der sich auch umfassende Literaturhinweise zu den hier angesprochenen Aspekten finden:

Groth, M., Bender, S., Cortekar, J., Remke, T. und Stankoweit, M. (2018): Auswirkungen des Klimawandels auf den Energiesektor in Deutschland. In: Zeitschrift für Umweltpolitik & Umweltrecht (ZfU), ZfU 3/2018: 324-355.

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