Standpunkt Kommunale Unternehmen sind Systemmanager für die Sektorkopplung

Wie die Sektorkopplung konkret umgesetzt werden kann, darüber wissen viele Stadtwerke bereits einen ganze Menge, argumentiert Andreas Feicht in seinem Standpunkt.

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Bei den Ausbauzielen für erneuerbare Stromerzeugung ist Deutschland im internationalen Vergleich Vorreiter. Gelingt die Energiewende, kann die Industrienation Deutschland der Welt zeigen, dass ein nachhaltiger, bezahlbarer Umbau der Energieversorgung machbar ist. Doch die Energiewende findet nicht nur in der klassischen Stromversorgung statt. Vielmehr ist es sinnvoll, im Verbund zu denken und durch Elektrifizierung weitere Sektoren der Wirtschaft nachziehen zu lassen: Wenn zum Beispiel Strom, Wärme und Verkehr durch die sogenannte Sektorkopplung verknüpft werden, kann Deutschland weitere große Potenziale für den Klimaschutz heben sowie gleichzeitig Beiträge zur Optimierung, und damit zur Sicherung des Gesamtsystems, leisten.


Dafür bedarf es politischer Rahmenbedingungen und kompetenter Akteure: Systemmanager, die im Umgang mit allen drei Sektoren und ihren Technologien erprobt sind. Das sind die kommunalen Unternehmen. Sie verfügen über Anlagen, Technologien, Infrastrukturen und Prozesse, die Sektoren miteinander verbinden. Von besonderer Bedeutung sind dabei die lokale Kraft-Wärmekopplung mit Erzeugungsanlagen und die Wärmenetze sowie die Stromerzeugung der Stadtwerke als Teil der kommunalen Infrastruktur.


Wuppertal: Müllheizkraftwerk statt Kohlekraftwerk


Die kostengünstige und effiziente Bereitstellung von Wärme ist der Schlüssel für ein nachhaltiges Energiesystem. Bei uns in Wuppertal ersetzen wir derzeit ein Kohlekraftwerk durch ein Müllheizkraftwerk. Damit besteht die Fernwärmeversorgung zu 40 Prozent aus erneuerbarer Energie. Wir reduzieren damit den CO2-Ausstoß um 450.000 Tonnen pro Jahr. Das entspricht zwei Dritteln der Emissionen des Wuppertaler Verkehrs. Ein Grund, warum wir das Projekt so gut umsetzen konnten, ist die Zusammenarbeit im kommunalen Querverbund. Darüber hinaus arbeiten wir an einem Pilotprojekt zur Sektorkopplung von Energie- und Verkehrswirtschaft, indem wir Busse unserer eigenen Flotte mit selbsterzeugtem Wasserstoff betreiben. Damit wollen wir zum einen die Vorteile der emissionslosen Elektromobilität im Stadtgebiet nutzen und zum anderen eine ganzheitliche Optimierung erreichen.


Berliner Stadtreinigung tankt Biogas


Auch im Bereich der Abfallwirtschaft lassen sich Potenziale der Sektorkopplung heben: Die Berliner Stadtreinigung zum Beispiel hat 2013 eine Biogasanlage in Betrieb genommen. Mit diesem Gas betankt die BSR 150 Abfallsammelfahrzeuge. Das spart im Jahr 2,5 Millionen Liter Diesel und erspart den Bewohnern von Berlin den dazugehörigen Dieselruß.


Schnittstellen finden


Aus den Beispielen wird deutlich: Wir müssen unseren Blick mehr auf die Schnittstellen legen und dafür sorgen, dass die Potenziale sektorübergreifenden Klimaschutzes bestmöglich ausgeschöpft werden. Das ist kein leichtes Unterfangen. Schon die bestehenden systemischen Herausforderungen, die die Stromwende mit sich bringt, sind enorm. Die damit verbundenen Probleme werden breit diskutiert. Gelöst sind sie aber noch lange nicht. Denkt man an den fehlenden Netzausbau, das unbefriedigende Marktdesign, oder die Frage der Finanzierungsgerechtigkeit bleiben viele Fragen offen.


Umlagensystem überarbeiten


Versorgungssicherheit, Kosteneffizienz und Umweltfreundlichkeit sind die Ziele, nach denen das System ausgerichtet werden muss. Welcher wesentlichen Voraussetzungen bedarf es, um das zu erreichen?


Zunächst einmal ist es wichtig, das System der Entgelte und Umlagen zu überarbeiten. Das heutige System hemmt Flexibilität und Sektorkopplung und schwächt die Akzeptanz für die Energiewende. Nur einzelne Geschäftsmodelle oder wenige Marktakteure von Umlagen zu befreien, ist nicht der richtige Weg. Alle müssen sich an der Finanzierung der notwendigen Infrastruktur und der Energiewende beteiligen.


Außerdem wichtig: Technologieoffenheit. Nur wenn Akteure flexibel nach den besten Lösungen suchen können, werden wir eine vorschnelle Fixierung auf Verfahren mit weniger Potenzial verhindern. Denn das, was heute eine vielversprechende Technologie ist, kann 2030 längst überholt sein.


Zudem müssen wir den Fokus auf den Ausbau der Fernwärmeinfrastruktur legen, um in Zukunft alternative Wärmequellen mit unterschiedlichen Temperaturniveaus in das Versorgungssystem zu integrieren.


Es gibt viel zu tun. Deshalb sollten wir uns an die Arbeit machen: Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Frage, wie wir uns die Strom- und Wärmeversorgung sowie die Mobilität der Zukunft vorstellen, umfassend zu diskutieren.


Kommunale Unternehmen können und wollen einen wesentlichen Beitrag für den sektorübergreifenden Klimaschutz leisten. Sie stehen bereit, die hier aufgeworfenen Fragen und Denkansätze zu diskutieren.


Andreas Feicht ist Vorstandsvorsitzender WSW-Unternehmensgruppe und Vizepräsident des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU)

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