Standpunkt Krieg der Energiewelten

Die Energieökonomin Claudia Kemfert analysiert in ihrem Standpunkt die "fossile Energien-Kehrtwende", die sich vor allem in den USA - aber nicht nur da - abspielt.

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Die Welt ist eine andere geworden. Kriege und Konflikte finden nicht mehr in weiter Ferne statt. Der Terror ist nach Europa vorgedrungen, nach Istanbul, Nizza, Paris, Brüssel und Berlin. Der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika benimmt sich wie die Axt im Walde: Donald Trump und seine Berater toben, wüten, beleidigen und sind selbst beleidigt. Es wird behauptet und getönt. Es wird geschimpft und gelogen. Statt einer sachlichen politischen Debatte gibt es haufenweise Sprüche, Schlagworte und Parolen. Wissenschaftliche Wahrheiten werden geleugnet und durch absurde Thesen ersetzt. Zum Beispiel solche: Der Klimawandel sei bloß eine perfide PR-Erfindung habgieriger Chinesen, um die amerikanische Wirtschaft zu untergraben.


Seit Trump im Amt ist, regiert die fossile Energieindustrie die USA: Ein Anwalt der Öl- und Kohleindustrie leitet die US-Umweltbehörde. Der Energieminister leugnet den Klimawandel. Der Außenminister leitete einst einen Ölkonzern. Und auch der Innenminister sympathisiert mit der Gas-, Kohle- und Öl-Industrie. Folgerichtig gibt es seit Trumps Amtsantritt im Januar 2017 auf der Website des Weißen Hauses keinen einzigen Treffer mehr zum Suchbegriff „climate change“. Stattdessen wird Trumps „America First Energy Plan“ angekündigt: Schluss mit dem „Climate Action Plan“ seines Vorgängers, Schluss mit den unnötigen Investitionen in erneuerbare Energien, den Hürden fürs Fracking und den Verboten, in der Arktis zu bohren. Schluss mit dem Paris- Abkommen! Ein Comeback für Öl, Gas und Kohle!


Comeback fossiler Energien


Doch nicht nur in den USA, auch im Rest der Welt gibt es ein dramatisches Comeback fossiler Energien: Ein ehemaliger Energiekonzernchef leitet das EU-Ministerium für Energie und Wirtschaft. Der europäische Emissionshandel wird bis zur völligen Wirkungslosigkeit reformiert. In Spanien sind die einst garantierten Förderungen für erneuerbare Energien rückwirkend gestoppt.


Selbst in Deutschland, dem Klimapionier, sind die fossilen Energien wieder auf dem Vormarsch. Ausgerechnet die Erfinder der Energiewende blockieren in Brüssel Emissionsgrenzwerte, novellieren das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu Tode und beenden mal eben die Bürgerenergiewende.


Unternehmen sind verunsichert. Umweltschützer sind fassungslos. Wissenschaftler sind verzweifelt. Sie alle stehen vor derselben Frage: Wie konnte das passieren? Wieso werden die fossilen Energien nach wie vor in deutlich höherem Maße gefördert als die erneuerbaren Energien? Obwohl die Mehrheit der Bürger es anders will. Obwohl auf weltweiten Klimakonferenzen ganz andere Ziele beschlossen werden. Wieso verabschieden Politiker Gesetze, die das gesamte Vorhaben der Energiewende konterkarieren? Verspielt Deutschland seine Energiezukunft?


Die Lobbyisten ruhen sich nicht aus


Fakt ist: Die Lobbyisten arbeiten derzeit auf Hochtouren. Immer erbitterter kämpfen die Vertreter der alten Energiewelt gegen die Welt der erneuerbaren Energien. Mit allen Mitteln versucht man das Offensichtliche zu vertuschen: Die alten Energiekonzerne haben keine zukunftsfähigen Geschäftsmodelle. Man sträubt sich, handfeste Realitäten anzuerkennen: Die Vorräte an fossilen Energien sind nicht unbegrenzt, die Verbrennung verursacht einen irreversiblen Klimawandel. Man bestreitet Tatsachen: Erneuerbare Energien sind billiger als herkömmliche Energien. Man leugnet alle Erfolge: Die erneuerbaren Energien wachsen schneller als erwartet. Man weist offensichtliche Wahrheiten von sich: Erneuerbare Energien schaffen technologische Wettbewerbsvorteile und sorgen für Wertschöpfung und Arbeitsplätze.


Stattdessen stellt man als „Fakten“ getarnte gegenteilige Behauptungen auf und wiederholt die Unwahrheiten so lange und so laut, bis sich niemand mehr vorstellen kann, dass da gar nichts dran sein könnte. Die Kampagnen kosten Milliarden und haben kein anderes Ziel als Zeit zu gewinnen. Jeder Tag, an dem – trotz klimapolitischem Globalkonsens – diskutiert und nicht für die Zukunft gehandelt wird, ist für die Lobbyisten der Vergangenheit ein gewonnener Tag. Denn jeder Tag, den die fossilen und atomaren Kraftwerke weiterlaufen, spült Millionengewinne in die Kassen der alten Industrien. Egal, ob das der Volkswirtschaft schadet. Egal, ob andere Länder dadurch in ihrer Entwicklung gehindert werden. Egal, ob dadurch die künftige Energieversorgung gefährdet wird. Die mächtigen Vertreter von Öl, Kohle, Gas und Atom schauen ausschließlich auf den eigenen Vorteil – und tun alles, um keine Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Um das zu vertuschen, zünden sie ein kommunikatives Feuerwerk, das den Blick der Öffentlichkeit aufs Falsche lenkt – ein Spektakel am Medienhimmel, das davon ablenkt, was auf dem Boden politischer Tatsachen wirklich passiert.


Wir können die Kurve noch kriegen


Die gute Nachricht: Noch ist es nicht zu spät. Wir können die Kurve – im wahrsten Sinne des Wortes – noch kriegen und die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen. Das hebelt die Folgen des Klimawandels nicht aus, reduziert sie aber auf ein Maximum, das wir aller Voraussicht nach mit viel Anstrengung gerade noch bewältigen können.


Es besteht dringender Handlungsbedarf, um den Klimawandel und seine verheerenden Folgen für die Umwelt aufzuhalten, darüber herrscht – eigentlich – Einigkeit. Schließlich kennt der Klimawandel keine nationalen Grenzen; alle müssen mitmachen. Anders als zu Beginn der internationalen Klimaverhandlungen gibt es inzwischen aber die notwendigen Technologien und Alternativen zu den fossilen Energien, um den Willen auch in der Praxis umsetzen.


Wettlauf um die beste Energiewende


Was man in den USA nicht zu wissen scheint: der Wettlauf um die beste Umsetzung der Energiewende hat weltweit bereits begonnen. Kohletechnologie und Atomtechnologie sind gleichermaßen Techniken der Vergangenheit. Kohle-Kraftwerken produzieren erhebliche Schäden für die Wirtschaft, für Innovationen und durch Altlasten. Auch die angeblich so klimafreundliche Atomenergie verursacht Kosten, und zwar in erheblichem Ausmaß. Nicht nur Bau und Rückbau der Anlagen sind marktwirtschaftlich nicht finanzierbar, sondern vor allem die Lagerung und Beseitigung des höchstgefährlichen Atommülls. Mal ganz abgesehen davon, dass auch in den USA es kein Atommüll Endlager gibt.


Die Zukunft ist dezentral


Die künftige Energiewelt, wie sie sich schon heute an allen Ecken und Zipfeln der Welt zeigt, ist kleinteilig und dezentral. Sie basiert auf einer klugen Vernetzung volatiler erneuerbarer Energien, flexibler Speicher und intelligenter Energiespar-Technologien. Dazu passen nicht die Methoden und Techniken der alten Energiewelt. Die Energiesysteme des 20. Jahrhunderts basierten auf zentralen und inflexiblen Strukturen und. Wenn eins klar ist, dann das: Kohle- und Atomkraftwerke sind den Anforderungen an Flexibilität des Stromsystems nicht gewachsen.


Und auch wirtschaftlich steckt die neue Energiewelt voller Chancen. Kalifornien macht es vor: Es baut die weltweit besten Elektroautos, stellt Batteriespeicher vor und will künftig auch noch Solarziegel für das Hausdach anbieten. So geht Energiewende – demokratisch, zukunftsorientiert und ökonomisch effizient.


Fakt ist: Das Ende des fossilen Zeitalters wird kommen, ob mit oder ohne die USA. Die Energiewende ist nicht aufzuhalten, erneuerbare Energien werden immer billiger, Atom- und Kohlekraft ist teuer. Vielen Atom- und Kohleunternehmen sind oder droht die Pleite. Will Trump diese Industrien wiederbeleben, muss er teure Subventionen zahlen. Die Blockade hin zu einer zukunftsfähigen Energiewende wird die USA teuer zu stehen kommen und um Jahre zurückwerfen. Die Frage ist nicht, ob wir Trump brauchen. Die Frage ist, wie schnell es gelingt, die globalen CO2-Emissionen zu mindern und auf Erneuerbare Energien umzustellen. Diesen Wettbewerb werden die USA so sicher nicht mehr gewinnen.


Claudia Kemfert ist Professorin an der Hertie-School of Governance und leitet die Energieabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Claudia Kemfert: Das fossile Imperium schlägt zurück- warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen, Murmann 2017

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