Standpunkt Läuft eine große Wette gegen das Klima?

Nach dem Rückzug der USA aus dem Weltklimaabkommen wird die Führungsrolle in der Klimapolitik neu verhandelt. Das politische Vakuum versuchen seitdem auch zahlreiche Unternehmen zu füllen. Denn viele sehen sich geldwerten Risiken durch den Klimawandel ausgesetzt. Den notwendigen Umbauprozess in Richtung einer CO2-neutralen Wirtschaft hat das aber noch nicht eingeleitet. Standpunkt-Autor Alexander El Alaoui vermutet eine Wette der Märkte gegen die Klimaschutzpolitik.

Lernen Sie Tagesspiegel BACKGROUND kennen

Dieser Text erscheint im Tagesspiegel BACKGROUND, dem täglichen Entscheider-Briefing zu Digitalisierung & KI.

Jetzt kostenlos probelesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen

Für RWE hätte es besser laufen können. Am 30. November, kurz vor Ende des Handelstags, gab der Aktienwert des Essener Energieunternehmens um fast zwei Prozentpunkte nach. Die Papiere hatten sich im 2017 im Verlauf von den Rückschlägen der letzten Jahre wieder erholen können. Aber dieser Tag war anders. Denn nur wenige Autokilometer vom RWE-Stammsitz entfernt wurde die Klage eines vom Klimawandel betroffenen Peruaners gegen den Energieriesen verhandelt, der den Konzern aus Essen schon bald in Bedrängnis bringen könnte.


Das Oberlandesgericht Hamm, vor dem in zweiter Instanz die „Klimaklage“ gegen den Energieriesen verhandelt wird, kündigte an, in die Beweisaufnahme gehen zu wollen. Allein diese Meldung reichte aus, um weltweit für Schlagzeilen zu sorgen. Doch bei dem Fall geht es längst nicht mehr nur um die juristische Bewertung der Frage, ob Großemittenten für Klimaschäden haften müssen oder nicht. Es geht auch um die Frage, ob der Markt Betriebsrisiken, so wie den Richterspruch aus Hamm, richtig einpreist oder nicht. Noch ist das nicht der Fall. Warum?


Viele Unternehmen befinden sich in einem Dilemma. Geht die Welt in großen Schritten gegen den Klimawandel vor, werden regulative Eingriffe immer wahrscheinlicher, so wie beim Diesel-Fahrverbot. Tut sie das nicht, verstärkt sie die ohnehin hohe Bedrohungslage durch Extremwetter, mit ebenso gravierenden Folgen für die Wirtschaft.


Dass das so ist, zeigt ein Blick auf die letzten Jahre. 2016 war das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1880. Davor war es 2015, und davor 2014. Ausnahmesituationen werden zum Normalzustand, aus akut wird chronisch. Von alldem bleiben auch Firmen nicht verschont. Schon jetzt leidet der internationale Warenverkehr. Allein seit den 1980er-Jahren haben sich die wetterbedingten Schadensfälle weltweit verdreifacht. Im gleichen Zeitraum sind die Versicherungsschäden von durchschnittlich 10 auf 50 Milliarden US-Dollar gestiegen. Ob die Politik reagiert oder nicht, für die Wirtschaft wird es immer brenzliger. Und damit auch für Investoren.


Anders als die sprunghafte Klimapolitik ist der Klimawandel keine Ungewissheit, sondern ein Risiko mit objektiven Wahrscheinlichkeiten. Eines, das Unternehmen im Herzen trifft, nämlich auf der Einnahmenseite. Zu dieser Einschätzung kommt auch das Bundeswirtschaftsministerium. In einer Stellungnahme halten es Experten des Hauses für „wahrscheinlich“, dass Deutschland „zunehmend verwundbar“ gegenüber den Folgen des Klimawandels wird. Selbst dann wenn hierzulande keine direkten Schäden zu erwarten sind. „Klimafolgen im Ausland [werden] auch für die inländische Wirtschaft an Bedeutung gewinnen.“ Besonders betroffen sind die Exporte, heißt es in dem Papier, wegen des „immer intensiveren internationalen Handel zwischen den Weltregionen“. Sprich: Je größer und globaler ein Unternehmen, desto gefährdeter.


Ob Automobilbauer, Zementhersteller oder Textilproduzent: Unternehmen und ihren Geldgebern sollte das ein Weckruf sein. Investoren müssen sich fragen: Wenn sich nicht nur das Klima, sondern damit auch wesentliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen ändern, können Unternehmen dann noch wie gewohnt Gewinne erzielen? Eine Frage mit Ausrufezeichen.


Ja, meinen Marktgläubige. Denn Märkte preisen solche Risiken ein, zumindest in der Theorie. Aber auch dann nur, wenn sie „effizient“ sind. Sind sie das, schlagen sich alle preisrelevanten Informationen sofort in den Kursverläufen der jeweiligen Unternehmen nieder. Die Kurse fallen. Investoren signalisiert das eine Stresssituation, und damit eine geringere Gewinnerwartung. Nachrichten, zum Beispiel, die das Image von Unternehmen gefährden, lösen immer wieder Kursausschläge aus. Und das nicht ohne Grund: Reputationsrisiken gehören zu den gefährlichsten für Unternehmen.


In den Kursen der meisten Unternehmen spiegeln sich Klimarisiken allerdings nicht wider. Zumindest nicht umfassend. Der Preismechanismus scheint hier nicht zu funktionieren. Viele Marktteilnehmer setzen auf ein „weiter so“. Trotz Kenntnis der wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels. Ist das klug?


Nein. Denn schon jetzt spüren Unternehmen, dass ein „weiter so“ keine Bestandsgarantie hat. Die Risiken von morgen, sie zeigen sich schon heute. Beispiel Klimaklagen: In vielen Ländern, nicht nur in Deutschland, stehen Unternehmen vor Gericht, weil sie der Öffentlichkeit, und damit Investoren, nicht ausreichend offen gelegt haben, wie sich der Klimawandel auf ihre Geschäfte auswirkt und wie umgekehrt ihre Geschäfte den Klimawandel weiter anheizen. In den USA steht der Energieriese ExxonMobil im Visier der Richter, in Australien die Commonwealth Bank. Dieser Fall ist besonders brisant, denn Australiens Finanzaufsicht APRA stuft den Klimawandel als „wesentliches Risiko“ ein und das obwohl das Land noch immer kräftig Kohle exportiert. Ob diese Klagen Aussicht auf Erfolg haben oder nicht, Investoren können die daraus entstehenden Betriebsrisiken nicht länger ignorieren.


Noch aber tun sie genau das. Die britische Zentralbank sieht einen einfachen Grund dafür. Ursache und Wirkung des Klimawandels trenne ein Zeithorizont, so das Geldhaus, der weit über den vieler Investoren hinausgeht. Anders ausgedrückt: Risiken, die erst dann drohen, wenn Investitionen längst abgeschlossen sind, spielen schlicht keine Rolle. Fachleute nennen das hyperbolische Diskontierung oder einfach Zeitpräferenz.


Anleger verleitet das zu glauben, sie seien immun gegen Klimarisiken. Eine Fehlannahme. Denn Klimarisiken, meint selbst das Ratinghaus S&P, entwickeln sich nicht linear, sondern exponentiell. Sie sind eine tickende Zeitbombe, die besonders dann droht, wenn die Politik eher spät als früh aktiv wird und eingreift. Die Europäische Zentralbank spricht in diesem Fall von einer „harten Landung“.


Passive Anleger, die also nur auf den Markt setzen, sind so etwas wie Tanker im Nebel. Ohne klare Sicht steuern sie auf eine Zukunft, in der tradierte Geschäftsmodelle ihren Bestandsschutz verlieren und in der der unternehmerische Erfolg nur dann gesichert ist, wenn er die neue Klimarealität bejaht. Die Vereinbarkeit mit dem Paris-Abkommen ist dafür der Lackmustest. Ein Test, an dem konventionelle Anlagestrategien scheitern, sogar scheitern müssen, weil sie Fehlannahmen aufsitzen und damit die Marktwette gegen das Klima unterstützen.


Was ist die Lösung? Der wichtigste Effekt, der vom Pariser Abkommen ausgeht, ist das Signal, das es an Investoren sendet: Emissionsintensive Technologien haben keine Zukunft. Wer sie weiter finanziert schafft technologische Kostenfallen, die nicht nur Innovation bremsen, sondern Kapital zerstören. Will die Politik das verhindern, muss sie einen flexiblen, aber verlässlichen Rahmen um die hochgesteckten Klimaziele spannen. Doch der bleibt weiterhin löchrig. Und während hierzulande darüber gegrübelt wird, ob politische Leitplanken an die Stelle unternehmerischer Selbstverpflichtung treten sollen, schaffen andere Länder bereits Fakten.


Beispiel Frankreich: Ein neues Gesetz verlangt dort von Investoren offen zu legen, ob ihre Anlageentscheidungen mit dem Pariser Klimavertrag vereinbar sind oder nicht. In Frankreich entwickelt sich der Markt für Klimafonds seitdem rasant, sogar ein eigenes „Klimalabel“ für Investmentfonds haben sich die Franzosen gegeben. Seit einigen Jahren bereits entwickelt sich Paris gar zu einer Art Ökosystem für grüne Finanzen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gibt dabei den Ton an. Er hat Größen der Finanzindustrie in die französische Hauptstadt geladen, die am 11. Dezember, also zwei Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen, Instrumente für klimagerechtes Investieren diskutierten sollen. Auf dem „Climate Finance Day“ sind unter anderem Auftritte des Versicherungsriesen Axa und der Zentralbanken von Frankreich und China geplant.


Doch nicht nur in Frankreich, auch in zahlreichen weiteren europäischen Mitgliedsstaaten, sowie in der EU selbst sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Anfang des Jahres ist eine Richtlinie in Kraft getreten, die von den fast 15.000 in der EU registrierten Pensionsfonds verlangt, ein eigenes Verfahren zur Bewertung von Klimarisiken einzuführen. Bis 2019 haben die Mitgliedstaaten noch Zeit, diese Reglung in nationales Recht zu überführen.


Deutschland verhält sich auffällig ruhig in dieser Debatte und hängt sich damit selbst ab. Denn es verpasst die Chance, die bereits losgetretenen Entwicklungen mitzugestalten und mit eigenen Impulsen zu gestalten. Impulsgeber ist jetzt die Wirtschaft selbst. In einer während der Bonner Klimaverhandlungen veröffentlichen Erklärung forderte ein Bündnis aus über 50 Firmen und Verbänden einen raschen Kohleausstieg, auch einige Banken waren dabei. Die Firmenallianz rief darin die nächste Bundesregierung auf, „Klimaschutz zur zentralen Aufgabe zu machen“.


Schon heute entscheidet sich, wer zu den Gewinnern einer emissionsfreien Wirtschaft gehören wird und wer nicht. Dort wo Klimaschutz Wettbewerbsvorteile schafft, entstehen lukrative Investitionsmöglichkeiten, von denen vor allem langfristig orientierte Anleger profitieren können. Um sie zu nutzen müssen sich Investoren und Vermögensverwalter allerdings ein umfassendes Bild über die zukünftige Ausrichtung und damit über die Klimastrategie von Unternehmen machen. Der bloße „CO2-Fußabdruck“ reicht nicht aus. In unsere eigene Aktienanalyse bei Salm-Salm & Partner fließen über hundert Klimafaktoren ein, darunter Angaben zu internen Klimarichtlinien, zur Energie- und Emissionsintensität, aber auch zum Lobbying-Verhalten der Unternehmen. Nicht nur Kohlefirmen, sondern der gesamte fossile Energiesektor disqualifizieren sich für eine Investition. An der Wette gegen das Klima beteiligen wir uns nicht.


Lernen Sie Tagesspiegel BACKGROUND kennen

Dieser Text erscheint im Tagesspiegel BACKGROUND, dem täglichen Entscheider-Briefing zu Digitalisierung & KI.

Jetzt kostenlos probelesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen