Langfrist- und Klimaszenarien: Entscheidungshilfen für die nächste Legislaturperiode

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Die Gestaltung der Energiewende ist mit vielen Unsicherheitsfaktoren behaftet. Dazu gehören die Endenergienachfrage vor dem Hintergrund der demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung, energiewirtschaftliche Faktoren wie die Entwicklung der Preise für fossile Brennstoffe oder das Biomassepotenzial sowie die Entwicklung der Kosten der Energiewendetechnologien. Gleichzeitig ist die deutsche Energiewende im europäischen Kontext zu betrachten und zu gestalten. In ihren Wahlprogrammen zur Bundestagswahl bleiben die Parteien – die AfD mit ihrem Gegenprogramm zur Energiewende einmal ausgenommen – aufgrund dieser Unsicherheiten sehr vage, was konkrete Schritte auf dem Weg zu einem weitestgehend treibhausgasneutralen Energiesystem im Jahr 2050 anbelangt. Um die Energie- und Klimaziele der Bundesregierung und das Übereinkommen von Paris umzusetzen, besteht aber die Notwendigkeit in der nächsten Legislaturperiode Entscheidungen zum Umbau des Strom-, Wärme/Kälte-, Verkehrs- und Industriesektors zu treffen – die Zeit drängt.


Forschungsvorhaben „Langfrist- und Klimaszenarien“


Die Entscheidungsgrundlage der nächsten Bundesregierung verbessern helfen, sollen die Forschungsvorhaben „Langfristszenarien und Strategien für den Ausbau Erneuerbarer Energien in Deutschland“ sowie „Auswirkungen der Klimaschutzziele und diesbezüglicher Maßnahmen auf den Energiesektor und den Ausbau der erneuerbaren Energien“, die sogenannten „Langfrist- und Klimaszenarien“ des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi). Die Arbeit daran haben das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI), die Consentec GmbH und das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH (ifeu) im September 2013 aufgenommen. Im Laufe des nächsten Jahres soll das Forschungsvorhaben abgeschlossen werden. Erste Ergebnisse zu den Modulen 1 bis 6 und 10a veröffentlichte das BMWi Anfang dieses Monats. Ziel des Vorhabens ist es, „Szenarien für ein kostenoptimiertes und sicheres Energiesystem“ für die Transformationsphase bis 2050 zu modellieren. Alle Szenarien zielen dabei auf die Umsetzung der Energie- und Klimaziele der Bundesregierung.


Gespielt wird aber mit Variablen wie dem Ausbaugrad der Netze, der regionalen Verteilung erneuerbarer Erzeugungsanlagen, dem Ausbautempo der erneuerbaren Erzeugung und dem Grad der energie- und klimapolitischen Ambition im Rest der EU. Der Anspruch des Forschungskonsortiums ist es, aus dem Vergleich der Szenariorechnungen „ein besseres Verständnis für Wirkungszusammenhänge im Energiesystem zu gewinnen“, um daraus wiederum „robuste Handlungsempfehlungen“ für die Weiterentwicklung der Energiewende abzuleiten. Mit der Kenntnis um kostenoptimale Lösungen und die Mehrkosten alternativer Lösungen obliegt es dann aber doch der Politik, in Abwägung von Kosteneffizienz, Akzeptanz, gesamtwirtschaftlicher und industriepolitischer Wirkung, Entscheidungen zu fällen, unterstreichen die Projektverantwortlichen.


Erste Ergebnisse und Schlussfolgerungen


Einen ersten Eindruck davon, wo der Handlungsdruck am höchsten ist und wo schwierige Entscheidungen anstehen, vermitteln die vorläufigen Ergebnisse und Schlussfolgerungen des Forschungskonsortiums. Schnelles Handeln ist laut der beteiligten Experten insbesondere in der Industrie, vor allem in den Brachen im internationalen Wettbewerb, gefragt, die sich bis 2050 geradezu neu erfinden muss. Die Umstellung der Produktion erfordere „neue Technologien, Prozesse und andere Stoffnutzungskonzepte“. Es wird bezweifelt, dass der Transformationsprozess in der Industrie allein über den CO2-Preis angestoßen werden kann. Die „meisten strategischen Investitions- und F&E-Entscheidungen“ müssten nämlich bis 2020 getroffen werden und bis dahin sind keine großen Sprünge beim Preis für CO2 zu erwarten.


Abhängig davon, in welchem Umfang die Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS) zum Einsatz kommt, seien „bei einigen Industrieprozessen bereits frühzeitig deutlich radikalere Innovationen notwendig“, deren Markteinführung bisher aber alles andere als sicher sei. Die Studienautoren von Fraunhofer ISI, Consentec und ifeu empfehlen vor diesem Hintergrund eine zweigleisige Strategie: Die Markteinführung von CCS wollen sie bei paralleler Entwicklung innovativer Technologien für die Produktion in energieintensiven Branchen wie der Stahl- und Zementherstellung weiterverfolgen.


Richtungsentscheidungen müssen auch beim Ausbau der Windenergie getroffen werden. Volkswirtschaftlich am kosteneffizientesten ist laut Szenariorechnungen ein forcierter Ausbau der Windenergie an Land an den windhöfigen Standorten in Norddeutschland. Eine regionale Verteilung des Windenergiezubaus würde größere Neubaubedarfe im Verteilnetz nach sich ziehen, die höhere Kosten zur Folge hätten als ein Übertragungsnetzausbau „deutlich über die heute beschlossenen Maßnahmen hinaus“. Die aktuellen politischen Entscheidungen gehen in Reaktion auf ein zu langsam von statten gehenden Netzausbau und Akzeptanzprobleme in die entgegengesetzte Richtung. Die Windenergie auf See wird laut Szenariorechnungen auch langfristig kostspieliger sein als die Windenergie an Land – nur durch die Herausrechnung von Netzanschlusskosten in den Ausschreibungen werde aktuell ein anderer Eindruck erweckt. Eine Anhebung des Ausbaudecks für die Windenergie auf, kann trotzdem aus industriepolitischen und Akzeptanzgründen sinnvoll sein. Auch hier müsse die Politik eine abwägende Entscheidung fällen.


Es gibt aber auch Faktoren, die die Transformation des Energiesystems beeinflussen und nicht in Szenariorechnungen Ausdruck finden. So weisen die Studienautoren in ihren Schlussfolgerungen darauf hin, dass Marktakteure sich auf die Verbindlichkeit politischer Entscheidungen, vor allem zu den klimapolitischen Zielen, verlassen können müssen, damit keine Fehlinvestitionen getätigt werden. Zudem bedürfe es zur Abstimmung der Komponenten und der Dekarbonisierungsstrategien ein bisher nicht gekanntes Maß an nationaler wie internationaler Koordination und das „zeitnah“. Vor allem brauche es für eine erfolgreiche Transformation des Energiesystems aber die Bereitschaft von Bürgern und Unternehmen, die „damit verbundenen Mehrkosten zu tragen“, auch wenn vom Nutzen erst nachfolgende Generationen wirksam wird.


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