Lernen von Lubmin

Sechs Atomreaktoren sollten an der Ostseeküste durch die DDR betrieben werden. Sie werden immer noch zurückgebaut. Der Aufwand ist gewaltig, doch entsprechend viele Techniken für den endgültigen Rückbau der Kernkraft in ganz Deutschland werden dabei erprobt und verfeinert. Konfliktfrei ist das aber nicht.

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Henry Spitzer steht in einem grauen Raum mit kahlen Betonwänden. Der Boden ist mit Abflussgittern bedeckt, in mehreren großen Metallwannen lagern radioaktiv kontaminierte Elemente in Phosphorsäure. Spitzer ist Fachkraft für Entsorgung in der Dekontaminationsanlage des ehemaligen Atomkraftwerks (AKW) im vorpommerschen Lubmin. Wie alle, die hier arbeiten, trägt er Helm, Schutzanzug und wasserfeste Stiefel. Seine Arbeit ist es, den Beton und Stahl, aus dem das AKW gebaut wurde, zu dekontaminieren, also von möglichst viel radioaktiver Strahlung zu befreien.

Die Anlage Lubmin wurde schon 1990 abgeschaltet. Seitdem ist viel passiert: Deutschland wurde wiedervereinigt, der Atomausstieg beschlossen, verschoben und nach Fukushima hektisch wieder nach vorne gezogen. Lubmin wird weiter dekontaminiert.

Insgesamt 1,8 Millionen Tonnen Material, die auf der Anlage von Strahlung kontaminiert wurden, müssen gereinigt werden. Eine gewaltige Menge. Nach Plan der Entsorgungswerke für Nuklearanlagen (EWN), die seit 1995 die Stilllegung des AKWs betreiben, sollen nur zwei Prozent des ursprünglichen und zur Reinigung benötigten Materials irgendwann in einem Endlager landen.

Der Rest wird weiterverkauft und recycelt, zum Beispiel im Straßenbau, sofern der Strahlenwert die Grenzwerte einhält. Zur Reinigung wird neben dem Säurebad unter anderem ein Hochdruck-Wasserstrahl und eine Trockenstrahltechnologie mit Stahlgranulat eingesetzt, Materialien mit höherer Radioaktivität werden in speziellen abgetrennten Kabinen bearbeitet. Nach aktuellem Stand soll die Dekontamination 2028 abgeschlossen werden.

Das AKW Lubmin liegt etwa 25 Kilometer von der Universitätsstadt Greifswald entfernt am Greifswalder Bodden. Ein Kanal führt Wasser aus der Ostsee an das Gelände heran, damit wurde die Kühlung der Reaktoren gesichert. 1967 begann hier der Bau des AKWs, das bis 1990 aus vier aktiven Reaktoren bestand: sowjetische Modelle des Typs WWER-440. Reaktor fünf war 1990 noch im Probebetrieb, Nummer sechs noch nicht fertiggestellt. Insgesamt waren acht Reaktoren geplant, die ein Fünftel der Stroms für die DDR produziert sollten. Für die Arbeiter, bis zu 15.000, entstanden in Greifswald ganze Stadtteile und eine eigene Zugstrecke, die sie zum AKW brachte.

Spitzer arbeitete schon damals in Lubmin. Er war ab 1982 als Maschinist für den Primärkreislauf, den zentralen Kern des Reaktors, zuständig. Als nach der Sicherheitsüberprüfung von bundesdeutschen Experten beschlossen wurde, dass der Komplex ein zu hohes Risiko darstellte und das AKW abgeschaltet werden sollte, hatte auch Spitzer Angst, seinen Beruf aufgeben zu müssen. „Wir wussten nicht, wie es weitergeht“, sagt er. Es gab Proteste, sehr viele Menschen wurden entlassen oder zogen weg. Doch Spitzer hatte Glück: Er durfte bleiben, arbeitete im Nachbetrieb als Maschinist und später als Fachkraft für Entsorgung. Das Umlernen auf Dekontaminieren und Entsorgung fiel ihm leicht. „Da wächst man rein“, sagt Spitzer.

Auch Jörg Ranthum musste in eine neue Rolle wachsen. Der Geschäftsführer der EWN sitzt in Hemd und Anzug unter Neonröhren im Büro im Verwaltungsgebäude des AKW. Früher studierte er Kernkraftwerktechnologie und arbeitete zwischen 1986 und 1989 als Schichtleiter in den Reaktorblöcken. Dann kam die Wende, Ranthum wurde Sprecher der ostdeutschen kerntechnischen Anlagen. Der Abbruch der Anlagen kam für alle plötzlich. „Unser Ziel war es, möglichst viele Mitarbeiter am Rückbau zu beteiligen.“ Sie brachten wertvolles Wissen mit, aus ihrer Zeit bei der VE Kombinat Kraftwerke „Bruno Leuschner“ wie das Werk zu DDR-Zeiten hieß.

1995 gab es keine Referenzprojekte. Kein anderes AKW dieser Größe war zuvor demontiert worden. In den ersten Jahren wurde ein Leitfaden ausgearbeitet, in permanenter Diskussion mit externen und sogar internationalen Experten. Mittlerweile habe man sich viel Wissen über den Rückbau angeeignet, sagt Ranthum. „Besonders in der fernbedienten Demontage von radioaktiven Teilen sind wir marktführend“, sagt Ranthum stolz. EWN bewirbt sich auf dem Markt bei Rückbauprojekten anderer Anlagen.

Den Stolz, den die Arbeiter des AKW über ihre technischen Errungenschaften vor der Wende hatten, mussten sie sich mit dem Rückbauprojekt langsam wiederaufbauen. „Verantwortungsvoller Rückbau ist eine anspruchsvolle Aufgabe“, sagt Ranthum heute. Wenn er über die Neunzigerjahre spricht, klingt er bitter: „Wie über uns diskutiert wurde“, erinnert er sich. „Viele haben damals ihre Hilfe angeboten“, aus dem Westen, „aber auch die wussten damals nicht, wie es geht. Und jetzt helfen wir ihnen“. Zehn von 17 AKWs bundesweit wurden seit 2011 abgeschaltet. Die letzten gehen 2022 vom Netz. Für Entsorgungsfachkräfte boomt der Markt.

Die Container mit dem schwach- und mittelradioaktiven Material stapeln sich in blauen Schiffscontainern zu 20 bis 30 Tonnen in den Hallen 1-7 des Zwischenlagers Nord (ZLN). Dort lagern auch die ehemaligen Reaktorbauteile, die noch ein paar Jahrzehnte abklingen müssen, bevor sie demontiert werden. In Halle 8 lagert das hochradioaktive Material – 580 Tonnen Heizstäbe aus den Reaktoren in sogenannten Castor-Behältern. Unter Protesten wurden 2010 und 2011 auch Castoren aus dem AKW Rheinsberg und aus westdeutschen und französischen Forschungsreaktoren nach Lubmin transportiert.

Aktuell ist die Bundesgesellschaft für Endlagerung damit beschäftigt, ein mögliches Lager für hochradioaktives Material zu finden, bis 2031 soll es gefunden sein. Für das schwach- bis mittelradioaktive Material ist das Lager im Schacht Konrad bei Salzgitter vorgesehen, das 2027 eröffnen soll.

Ulrike Berger befürchtet, dass der radioaktive Müll länger nahe ihrer Heimatstadt liegen wird, als ihr lieb ist. Sie ist Landesvorsitzende der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern. Mit den Protesten gegen den Bau des ZLN Anfang der Neunziger wurde Berger politisiert. „Schon damals, als es geplant wurde, erschien es uns zu groß.“ Damals sei ihnen versichert worden, dass hier nur Lubminer und Rheinsberger Material gelagert würde. Doch schnell wurde klar, warum die Hallen größer waren: Sie werden auch als Pufferlager für Material aus anderen Kraftwerken genutzt. Zehn Jahre vor und fünf Jahre nach der Dekontaminierung darf das Material aus anderen AKWs hier lagern. Berger und ihre Mitstreiter kritisieren, dass es gerade hier lagern muss. Sie weiß: „EWN muss sich unverzichtbar machen, um auf dem Markt zu überleben.“

Spitzer, der einst um seine Stelle fürchtete, ist sich jedenfalls sicher, bis zur Rente hier arbeiten zu können. „Hier lagern noch Container für Generationen“, sagt er. Auch seine Auszubildenden werden weiter viel zum Dekontaminieren haben – ob hier oder in einem anderen AKW. Judith Langowski

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