Standpunkt „Mach Mal“ ist definitiv der falsche Weg

Wie bleibt der deutsche Mittelstand zukunftsfähig? Darum geht es heute beim „Innovationstag“ des BMWi. Warum die Firmen mit ihren ersten KI-Gehversuche oftmals scheitern und was sie dagegen tun können, erklärt Philipp Hartmann, Head of Strategy bei UnternehmerTUM, dem Innovationszentrum der TU München.

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Wir schreiben das Jahr 1878. In Deutschland tritt erstmals ein Mutterschutzgesetz in Kraft, das Frauen nach der Entbindung drei Wochen von der Arbeit freistellt, in Tokyo wird die Börse eröffnet und in den USA erfindet Thomas Edison die Glühbirne. Mit der Glühbirne zog die Elektrizität in die Haushalte ein – und veränderte die Fabriken radikal. Künstliche Intelligenz (KI), ist Andrew Ng, einem der Pioniere der KI, zufolge „die neue Elektrizität“ und wird alle Industrien grundsätzlich verändern – insbesondere auch mittelständische Unternehmen, die heute oftmals Weltmarktführer für eine spezifischen (Nischen-)Markt sind. 

Mit dem Einschalten ist es nicht getan

Jedoch ist KI keine „Black Box“, die sich ein Unternehmen in den Keller stellen und anschalten kann. Ein Unternehmen ins KI-Zeitalter zu transformieren erfordert eine Veränderung der Organisationsstruktur sowie der Prozesse und in den allermeisten Fällen eine neue Kultur. Dazu kommt die Fort- und Weiterbildung aller Mitarbeiter, inklusive der obersten Führungsebene. 

Denn einer der Hauptgründe, warum die ersten KI-Gehversuche scheitern ist der: die Data Scientists kennen die Prozesse in der Firma, von der sie angeheuert worden sind, in aller Regel nicht – und das Management hat keine Ahnung von KI, weder von ihren Einsatzmöglichkeiten, noch von den Anforderungen, insbesondere an die zu verwendenden Daten. Vor allem aber ist die Umstellung eines Unternehmens auf KI eines, egal ob vornehmlich in den internen Prozessen oder in den Produkten: Chefsache!

Lohnende Investition in die Zukunft

All das ist teuer – doch ohne KI sind Unternehmen nicht zukunftsfähig. Einige deutsche Unternehmen haben das erkannt. Bosch etwa investiert 300 Millionen Euro in seine KI-Kompetenz, an vier Standorten. Zalando nutzt KI zur Optimierung sämtlicher Kernprozesse – und viele andere Unternehmen tun es ihnen gleich. Dabei sind wir in Deutschland, was die Investition in die neue Technologie angeht, nach wie vor Kleinkrämer. Baidu, das chinesische Google, will in den kommenden Jahren 15 Milliarden Dollar für die Entwicklung seiner KI-Kompetenz ausgeben. Und das Original, Google, verfolgt schon seit einigen Jahren eine Strategie: „KI zuerst“. Jeder Mittelständler kennt den Satz: „Die Konkurrenz schläft nicht.“ Auch nicht beim Thema KI. 

Doch was sind die Herausforderungen? Wenn die Chefs ihre Data Scientists einfach Mal machen lassen, endet es oft in Anwendungen, die kaum einen Mehrwert für das Unternehmen bringen. Denn KI braucht vor allem eines: Daten! Bleibt es den KI-Experten überlassen, die Daten selbst innerhalb des Unternehmens zu besorgen, treffen sie häufig auf enorme Widerstände. Es gibt immer Abteilungen, die jede Zusammenarbeit verweigern. Sei es, weil ihnen „Not invented here“ auf die Stirn geschrieben steht – oder weil sie um ihre Jobs fürchten, die künftig von intelligenten Algorithmen übernommen werden könnten. Sollten sie die Daten tatsächlich bekommen, stoßen Sie auf weitere Schwierigkeiten. Der Einsatz von KI benötigt oftmals spezielle Computer oder Cloud-Lösungen. Werden diese Geräte dann bei der IT beantragt, bekommen die Experten oft genug zu hören: „Bei uns haben alle die gleichen Computer, Ausnahmen gibt es nicht.“ 

Herausforderungen von KI im Mittelstand

Das alles erfordert zum einen Investitionen in die IT und Dateninfrastruktur, aber auch ein anderes Datenmanagement, sowie ein tiefgreifendes Verständnis was KI ist, wie sie arbeitet und was sie benötigt. Also eine völlig neue Expertise, auf allen Ebenen eines Unternehmens. Dabei müssen die Sorgen und Nöte der Mitarbeiter ernst genommen – und somit gemanagt – werden. Letztendlich führt der umfassende Einsatz von KI zu völlig neuen Rollen in einem Unternehmen. 

Die Anwendung von KI ist für kein Unternehmen einfach, aber für den Mittelstand stellen sich darüber hinaus noch besondere Herausforderungen. (1) Typischerweise sind die finanziellen Ressourcen im Mittelstand im Vergleich mit großen Konzernen deutlich begrenzter. (2) Ob im Bayerischen Wald oder in Westfalen – viele erfolgreiche mittelständische Unternehmen sitzen außerhalb der deutschen KI-Metropolen Berlin und München und entsprechend schwer fällt es ihnen die KI-Talente für sich zu gewinnen. (3) Oftmals fehlt es auch an der Digitalisierung des Geschäfts. 

Partnerschaften mit Start-ups: KI-Expertise 

Für Mittelständler empfiehlt sich deswegen insbesondere die Zusammenarbeit mit KI-Anwendungspartnern – oftmals KI-Start-ups die Lösungen für spezifische Probleme entwickeln. Dadurch kommen Firmen schnell an die benötigten Kompetenzen. Kosten und Aufwand – insbesondere für die Modellierung – lassen sich deutlich senken. 

Darüber hinaus sollten Mittelständler versuchen ihre bestehenden Mitarbeiter im Bereich KI weiterzubilden. Eine Vielzahl exzellenter Onlinekurse erlaubt den Zugriff auf aktuelles Wissen in der Entwicklung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz. Die Anwendung von KI ist für keine Firma einfach. Aber all das kann, wenn es richtig angegangen wird, viel Spaß machen. Und es eröffnet Mitarbeitern, aber auch der gesamten Firma, völlig neue Möglichkeiten. Ohne KI aber haben viele Firmen schon in naher Zukunft keinerlei Perspektive mehr.

Philipp Hartmann ist Head of Strategy bei UnternehmerTUM, dem Innovationszentrum an der TU München. Heute spricht er um 13 Uhr auf dem Innovationstag Mittelstand des Bundeswirtschaftsministeriums zum Thema „KI im Mittelstand – Potenziale, Herausforderungen und Strategien“. 

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