Standpunkt Airlines zu retten, reicht nicht!

Sie laden die Medikamente aus den Flugzeugen: Bodenverkehrsdienstleister stellen in der Coronakrise den Umschlag wichtiger Waren sicher. Die Politik darf die Branche nicht länger ignorieren, fordert Eric Born, Vorstandschef des Weltmarktführers Swissport.

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In Krisenzeiten werden sie zu Helden: das Pflegepersonal, Ärztinnen und Ärzte, Kassierer, Postboten, die Polizei und alle, die unsere Grundversorgung gewährleisten. Sie halten ihre Stellungen an der Front, während andere sich ins Homeoffice zurückziehen können. Völlig zurecht hat der Bundestag letzte Woche diesen Menschen mit einer stehenden Ovation gedankt. Sie sind die wahren Krisenmanager, aber nicht die einzigen.

Als Vorstandsvorsitzender von Swissport trug ich vor der Coronakrise die Verantwortung für weltweit 65.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, über 2.000 davon allein in Deutschland. Auch ihnen gebührt Wertschätzung. Sie sorgen an 12 deutschen Flughäfen für reibungslose Abläufe – auf dem Vorfeld und im Passagierdienst.

In unseren Luftfrachtzentren besorgen sie das Be- und Entladen von Flugzeugen und stellen den Umschlag wichtiger Waren sicher, auch im medizinischen Bereich. Unsere Mitarbeiter betanken jedes zweite Flugzeug, das in Deutschland startet. Ohne sie bleibt der Himmel über Deutschland leer. Bodenverkehrsdienstleister erbringen diese Aufgaben meist unter der Wahrnehmungsgrenze, eben am Boden oder sprichwörtlich unter dem Radar.

Das muss sich in der Krise ändern. Dringend. Abfertigungsdienstleister sind unverzichtbar für deutsche Lieferketten und sie sind von der Coronakrise mit am schwersten betroffen. Für den Monat April gehen wir von einem Restflugvolumen von noch fünf Prozent aus. Während Personalkosten – rund 70 Prozent unserer Ausgaben – und die Fixkosten für Lagerhallen, Fahrzeuge und Ausrüstung weiterlaufen, versiegen unsere Einnahmen quasi über Nacht.

Zehntausende Jobs gehen allein bei Swissport gerade verloren

Wir sind gezwungen, auf der Personalseite rasch zu reagieren, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. Das ist ohne Alternative. Per Ende April werden weltweit fast 40.000 von ehemals 65.000 Mitarbeitern aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sein; die einen beurlaubt oder auf Kurzarbeit, viele tausend entlassen.

Die, die noch an Bord sind, sichern unsere Grundversorgung, zum Beispiel im Warenverkehr. Der Verlust von qualifizierten und sicherheitsgeprüften Mitarbeitern stört die eingespielte Zusammenarbeit im Gesamtsystem Luftverkehr bereits spürbar. Deshalb ist es essenziell, dass alle Systempartner im Luftverkehr die Coronakrise zumindest strukturell intakt überstehen, sodass er danach rasch wieder hochgefahren werden kann.

Für das Funktionieren der globalen Lieferketten ist die Warenversorgung aus der Luft existenziell, auch mit Blick auf die Bewältigung der Coronakrise. Ein Drittel des wertmäßigen Warenverkehrs wird über den Luftweg transportiert, darunter zeitkritische Medikamente, Bauteile und Rohstoffe für die Industrie. Gerade für die exportorientierte deutsche Wirtschaft sind Experimente mit großen Risiken behaftet. Das Letzte was Deutschland nach der Coronakrise braucht, ist ein instabiler Luftverkehr.

BDI: „Funktionsfähigkeit aller Systempartner sichern“

Die Europäische Kommission forderte am Donnerstag die Mitgliedsländer dazu auf, alle Akteure im Luftfrachtgewerbe stärker zu unterstützen. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) weist in seinen Empfehlungen an die Politik darauf hin, dass die „uneingeschränkte Funktionsfähigkeit aller Systempartner“ gesichert werden muss.

In den Gesprächen zwischen der Bundesregierung und der Luftfahrtindustrie saßen wir bisher nicht mit am Tisch, obwohl Fluggesellschaften und Flughäfen in hohem Maße von unserer Arbeit abhängig sind. Viele Dienstleistungen wurden an uns ausgelagert. Wir nehmen sie zuverlässig wahr. Dennoch haben wir nicht die Sicherheit, dass die Unterstützung für die Fluggesellschaften auch auf uns übergreift. Dies mag ungewollt sein, gefährlich ist es allemal.

Kinderbetreuung auch für Bodenabfertiger

Apropos Sicherheit: Diese benötigen jetzt vor allem unsere Mitarbeiter. Ihre emotionale Belastung wächst von Tag zu Tag. Viele stehen etwa vor großen Herausforderungen bei der Kinderbetreuung. Hier würden Ausnahmeregelungen helfen, die unsere Beschäftigten ähnlich stellen wie das Personal im Gesundheitswesen.

Staatliche Flughafenfirmen haben begonnen, das Kurzarbeitergeld aufzustocken – in München auf 90 Prozent, in Berlin auf 80 Prozent. Eine Aufstockung ist gut, aber private Unternehmen an den Flughäfen können sich diese finanziell schlicht nicht leisten. Auch hier ist im Interesse des Gesamtsystems Luftfahrt dringend Gleichstellung gefordert.

Wenn Grenzen wieder öffnen, Reisebeschränkungen aufgehoben werden, Geschäftsleute wieder pendeln und Urlauber ihre Traumreisen buchen, dann müssen unsere Mitarbeiter zu 100 Prozent bereit sein. Um dies zu gewährleisten brauchen wir jetzt die beherzte Unterstützung der Politik. „Wir“, das sind die Bodenabfertiger an kleinen und großen, regionalen und internationalen Flughäfen in der ganzen Bundesrepublik.

Eric Born ist Vorstandsvorsitzender von Swissport International, der weltgrößten Servicegesellschaft für Fluggesellschaften und Flughäfen. Seine bislang rund 65.000 Mitarbeiter erbringen an weltweit 300 Flughäfen Passagierdienste oder kümmern sich um die Flugzeugabfertigung und die Luftfrachtlogistik.

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