Standpunkt Das Klimapaket bringt riesige Chancen für den Radverkehr – jetzt sind die Kommunen gefragt

Rebecca Peters, stellvertretende Bundesvorsitzende des Fahrradclubs ADFC, begrüßt die im Klimapaket vorgesehenen zusätzlichen Millionen für den Radverkehr. Jetzt müssten Städte und Kommunen das Geld schnell abrufen – und große Vorhaben wie neue Fahrradbrücken, Radschnellwege und Fahrradquartiere angehen.

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Das im Oktober verabschiedete Klimapaket wird zu Recht als völlig unzureichend kritisiert. Zu teuer, zu wenig ambitioniert, zu viel vom Alten. Es fehlt die klar erklärte Absicht, den übermäßigen Autoverkehr einzudämmen. Was allerdings leicht übersehen wird: Der Radverkehr nimmt in den Beschlüssen eine herausragende Rolle ein.

In den Papieren zum Klimapaket heißt es ausdrücklich, dass „die bei weitem noch nicht ausgeschöpften Potenziale des Radverkehrs“ gehoben werden sollen. Gemeinsam mit den Ländern und Kommunen sollen „Radverkehrsnetze“ realisiert werden, auf denen sich „jeder Verkehrsteilnehmer“ sicher fühlt und „jeder Weg mit dem Fahrrad zurücklegbar“ sein wird.

Das klingt so selbstverständlich für eine entwickelte Nation – ist es aber ganz und gar nicht. Deutschland hat als Autonation über 30 Jahre lang so gut wie keine brauchbaren Radwege gebaut, sondern nur Kosmetik aufgebracht, wie auf die Fahrbahn gepinselte Streifen und Fahrradsymbole. Das hat einerseits zu Sicherheitsproblemen geführt. Aber was noch viel schlimmer ist: Diese Art von kosmetischer Infrastruktur hat große Gruppen der Bevölkerung vom Radfahren ausgeschlossen, denn sie bringt mit sich, dass man mit dem Rad oft auf Tuchfühlung mit dem schnellen Autoverkehr unterwegs ist. Das empfinden die meisten als unzumutbar und beängstigend. Damit soll nun endgültig Schluss sein.

Vorbilder gibt es genügend 

In den Beschlüssen der Bundesregierung steckt also nicht weniger als eine kleine Revolution – nämlich das Ziel, den Radverkehr zu Vervielfachen sowie ein Bekenntnis zum Radfahren für alle, nicht nur für die Abgebrühten. Dafür setzt sich der ADFC seit vielen Jahren ein. Radfahren muss das neue Normal werden, für Menschen auf dem Weg zum Bäcker, zum Sport, zu Freunden oder ins Büro.

Dahinter steht natürlich die Erkenntnis, dass Deutschland weiter zunehmende Mengen von Autoverkehr nicht mehr wird abwickeln können – und dass es wichtig ist, den Menschen attraktive Alternativen zum Autofahren anzubieten. Das Radfahren, Zufußgehen und die Benutzung des ÖPNV müssen so einladend und komfortabel sein, dass sie als Alternative auch wirklich wettbewerbsfähig sind. Bisher sind sie es nicht.

Städte und Regionen auf der ganzen Welt haben das begriffen und machen uns vor, was zu tun ist. In den Niederlanden können wir lernen, wie man einladende Fahrradinfrastruktur mit sicheren Kreuzungen baut, die auch im Winter rege genutzt wird. In Paris können wir sehen, wie auch dicht gedrängte Metropolen Platz für Begegnungen und zum Radfahren schaffen können. London zeigt mit „modalen Filtern“, wie man den Durchgangsverkehr aus Wohnstraßen verbannt und dadurch Räume für sicheres Radfahren schafft. Und Barcelona hat mit seinen Superblocks ein Rezept entwickelt, wie eine Stadt der kurzen Wege auch mit ganz wenig Autoverkehr fantastisch funktionieren kann.      

Aber was bedeutet das konkret für Deutschland? Wer soll all die neuen Radwege bezahlen? Und woher soll der Platz dafür kommen – die Städte sind doch jetzt schon pickepackevoll? Auch hier gibt die Bundesregierung Antworten: Es sollen schnell flächendeckende Radwegenetze geschaffen werden, indem „normale“ Straßen zu Fahrradstraßen ausgebaut, Fahrstreifen in geschützte Radfahrstreifen umgewandelt, grüne Wellen für den Radverkehr eingerichtet und moderne Fahrradparkhäuser inklusive XL-Parkplätzen für Lastenräder gebaut werden. Für all diese Vorhaben nimmt die Bundesregierung viel Geld in die Hand: 900 Millionen Euro stehen in den kommenden vier Jahren zusätzlich zur Verfügung, mehr als jemals zuvor.

Für Städte und Kommunen stehen Millionen bereit

Jetzt liegt es in der Hand der Kommunen, die Finanzhilfen des Bundes für besseren Radverkehr in Stadt und Land abzurufen und davon im wahrsten Sinne des Wortes möglichst viel auf die Straße zu bringen. Die Finanzierung auch größerer Vorhaben, wie Fahrradbrücken, Radschnellwege oder ganzer Fahrradquartiere wird nun kein Problem mehr sein, die Fördertöpfe sind ab 2020 gut gefüllt.

Weil wir wissen, dass viele Kommunen bisher weder Pläne noch Fachleute für Radverkehrsinfrastruktur haben, geht unser dringlicher Appell an Politik und Verwaltungen, jetzt die nötigen ersten Schritte zu gehen. Der ADFC steht bereit, Kommunen bei der Entwicklung von Netzplänen zu unterstützen, Kontakte zu spezialisierten Planungsbüros auch im benachbarten Ausland herzustellen, Konflikte mit Anwohnern und Einzelhändlern zu moderieren – und Schnittstellen zu Fördermöglichkeiten zu bilden. Das Bundesverkehrsministerium hat signalisiert, dass es die Notwendigkeit zur Unterstützung der Kommunen in diesem Bereich ebenfalls sieht. Alle Zeichen stehen also auf Grün.    

Das Fenster der Gelegenheit für mehr und besseren Radverkehr ist also weiter geöffnet als je zuvor. Diese Chance dürfen die Städte sich nicht entgehen lassen, denn das Rad steht für ein rundum positives Lebensgefühl und ist zugleich ein großartiger Problemlöser für den Verkehr von morgen.             

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