Standpunkt E-Tretroller sind Teil der Verkehrswende

Statt neue Mobilitätsformen wie den E-Tretroller im Keim zu ersticken, sollten sich Politik und Gesellschaft für neue Infrastrukturen starkmachen – und eine andere Haltung gegenüber Innovationen einnehmen, fordert der Berater Michael Pachmajer in seinem Standpunkt.

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2019 – wir schreiben Verkehrsgeschichte. Mit den elektrischen Tretrollern haben wir seit einigen Wochen ein weiteres Verkehrsmittel im Straßenraum, das sich allerdings erst noch behaupten muss. Was die Fahrzeuge so spannend macht: Es handelt sich bei ihnen um ein sogenanntes Last-Mile-Angebot, das eine Alternative zum Fuß-, Rad- und Autoverkehr darstellt. So sollen mit E-Tretrollern die Wege von den Bus- und Bahn-Haltestellen nach Hause, innerhalb des Wohnquartiers oder zur Arbeit zurückgelegt werden, also Strecken zwischen zwei und drei Kilometern.

Die Nutzung erfolgt ohne großen Aufwand: per App freischalten, Helm aufsetzen, losfahren – einfach, umweltfreundlich und flexibel. Fazit: E-Tretroller-Sharing ist eine tolle Ergänzung der Tür-zur-Tür-Mobilität, der multimodalen Integration unterschiedlicher Verkehrsmittel. So heißt es, wenn Reisende auf dem Weg bis ans Ziel verschiedene Verkehrsmittel miteinander kombinieren.

Mit dem neuen Mobilitätsangebot ist eine Diskussion über Sinn oder Unsinn von E-Tretrollern entbrannt: Über ihren tatsächlichen ökologischen Beitrag zum Klimaschutz, die Gefährlichkeit ihrer Nutzung, das Rowdytum im Umgang mit den Rollern sowie deren Preis-Leistungs-Verhältnis wird gestritten. Anstatt nach konstruktiven Lösungen für ein junges Verkehrsmittel zu suchen, befinden wir uns reflexartig inmitten einer handfesten Verbots- und Regulierungsdebatte. Die Fahrzeuge sind in kürzester Zeit zur Reflexionsfläche für eine nutzer- und klimazentrierte Verkehrswende geworden.

Weg vom motorisierten Individualverkehr

Tatsächlich gibt es einen weit verbreiteten Denkfehler: Wer glaubt, dass es damit getan ist, neue Formen der Mobilität innerhalb der bestehenden Verkehrsinfrastruktur zu integrieren, hat noch nicht verstanden, dass wir eigentlich vor einem Systemwechsel stehen. Unsere Städte werden ein anderes Aussehen bekommen. Wir werden Verkehr anders organisieren. Multimodalität ist nicht die Optimierung eines einzelnen, sondern das intelligente Zusammenspiel mehrerer Verkehrsmittel, unter Zuhilfenahme der Digitalisierung. E-Tretroller sind eine weitere Alternative zum motorisierten Individualverkehr. Diesen schneller aus unseren urbanen Räumen zu entfernen, muss das ambitionierte Ziel sein, um unsere Städte lebenswerter und klimafreundlicher zu gestalten.

Ein Umdenken ist nötig: Der Weg führt nur über eine neue Verkehrsinfrastruktur und die Umgestaltung des Straßenraums. Wer Straßen sät, erntet mehr Autoverkehr. Dieses verkehrspolitische Prinzip der Vergangenheit gilt es umzukehren und Fahrrädern, E-Tretrollern und Elektro-Rollern endlich flächendeckend eigene Fahrbahnen zuzuweisen. Nur auf diese Weise hört die teilweise gefährliche Konkurrenzsituation mit den Fußgängerinnen und Fußgängern auf deutschen Bürgersteigen auf.

Wie die Stadt für den E-Tretroller gebaut sein müsste

Zum neuen Straßenbild gehören aber auch Abstell- und (Selbst-)Aufladezonen, die Ausweitung der Free-Floating-Sharing-Zonen auf das gesamte Stadtgebiet, Selbst-Reparatur-Stationen, Vorrangschaltungen bei Ampelanlagen sowie die vollumfängliche Anbindung an Hauptbahnhöfe und Flughäfen. Nicht zuletzt die Bereiche an den Haltestellen von Bus und Bahn oder an Park-und-Ride-Plätzen eignen sich hervorragend, um einen nahtlosen Übergang vom öffentlichen Nahverkehr beziehungsweise dem Auto zu alternativen Verkehrsmitteln zu gewährleisten. So werden sich auch die E-Tretroller nur dann dauerhaft durchsetzen, wenn wir jetzt die notwendige Infrastruktur aufbauen. Autos könnten schließlich auch nicht ohne Straßen, Parkplätze, Tankstellen und Werkstätten flächendeckend genutzt werden. Eine Tatsache, die wir kennen und immer wieder vergessen, wenn wir innovative Verkehrskonzepte einführen. Wann lernen wir endlich aus der Vergangenheit?

Mobilität ist immer die Frage, wie Menschen von A nach B  kommen. „Convenience“, „Serviceorientierung“, „Shareconomy“ und „Selbstoptimierung“ machen deutlich, worauf es dabei ankommt. Sind wir ehrlich mit uns selbst, wissen wir: Wir wollen, dass der mit der Nutzung von Verkehrsmitteln im Zusammenhang stehende Aufwand auf ein Mindestmaß reduziert wird. Wir wollen, dass zusätzlich zum physischen Produkt mithilfe von Online-Diensten ein Mehrwert für uns individuell geschaffen wird. Wir sind immer mehr bereit, Verkehrsmittel miteinander zu teilen, statt sie zu besitzen.

Wir versuchen, das Maximum aus den gegebenen Mobilitätsangeboten herauszuholen, und möchten dabei von neuen Technologien unterstützt werden. Wer sich schon einmal online angemeldet und mit der App einen Roller gemietet hat, weiß, dass die E-Tretroller-Anbieter genau diese Nutzungsbedürfnisse erfüllen. Sie haben ein am Nutzer beziehungsweise an der Nutzerin ausgerichtetes Mobilitätserlebnis geschaffen. Infrastruktur und Nutzungserfahrung sind die Erfolgsfaktoren bei der Einführung neuer Verkehrsmittel.

Ja, und... statt ja, aber... 

Unsere mangelnde Innovationskompetenz darf daher die Einführung der E-Tretroller nicht im Keim ersticken. Deutschland muss sich zu einer anpassungsfähigen Innovationsgesellschaft entwickeln. Und das ist auch eine Frage der Haltung. Mit einem von Skepsis getragenen Ja, aber… werden wir in Zukunft keine innovativen Mobilitätsformen auf unseren Straßen sehen, die Teil der Verkehrswende sind. So spielen wir in Politik und Gesellschaft nur auf Zeit, verzögern wir Entscheidungen zur schnellen Umsetzung und demotivieren und hindern die Ideengeber daran, ihre Ansätze weiter zu verbessern. Wir brauchen eine Ja, und… Kultur, die ergebnisoffen für neue Ideen ist, die sie in Ko-Kreation weiterentwickelt, und die die Initiatoren unterstützt und ermutigt, dass ihre Ideen Wirklichkeit werden. Am Ende ist es nur ein Wort, das über die Zukunft der E-Tretroller entscheidet.

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