Standpunkt „Faster, harder, E-Scooter?“: Warum neue Mobilität stresst

Mobilität ist zu einem profitablen Gut geworden, das gehandelt und umkämpft wird. Die Politik als Daseinsvorsorger muss sich fragen lassen, warum sie den öffentlichen Raum als höchstes Gut für private Anbieter preisgibt. Warum die Zukunft der Mobilität deshalb verhandelt werden muss, schreibt Ingo Kollosche, Forschungsleiter Mobilität am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, in seinem Gastbeitrag.

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Die neue Mobilität, wie wir sie gegenwärtig vornehmlich in Städten beobachten können, erzeugt zunächst Stress. Unterschiedliche Impulse und Effekte bedingen diesen Stress. Aufgeregt sind vor allem alle beteiligten Akteure und Institutionen: Nutzerinnen und Nutzer, Politik, alte und neue Mobilitätsanbieter, Wissenschaft und Medien. Doch woher rühren diese Stresssymptome?

Etablierte Arten der Fortbewegung und Konzepte von Mobilität werden durch Scooter, Sharingsysteme, Kollektivverkehre sowie integrierte Mobilitätsdienstleistungen herausgefordert und in Frage gestellt. Mobilität ist zu einem profitablen Gut geworden, das gehandelt und umkämpft wird. Die Politik, die dafür verantwortlich ist, Mobilität als Daseinsvorsorge zu sichern und bereitzustellen, muss sich fragen lassen, warum sie den öffentlichen Raum als höchstes Gut preisgibt: Für private Anbieter von Mobilität, die erstmal zusätzliche Fahrzeuge und andere Verkehrsmittel in die Städte bringen. Unklar bleibt in dieser Konstellation auch, was mit Einnahmen passiert – und vor allem, wo die generierten Daten bleiben. Was passiert mit den Stamm- und Bewegungsdaten, die Nutzerinnen und Nutzer neuer Mobilitätsangebote veröffentlichen?

Nutzer werden in „Ökosysteme“ integriert

Die Konflikte sind programmiert und brechen nun auf. Private Anbieter sind begierig, an die Stammdaten der ÖPNV-Betreiber zu kommen, Plattformanbieter der Digitalwirtschaft optimieren ihre Angebote und tendieren zur Monopolisierung. Der schöne und verführerische Begriff des Ökosystems wird dabei oft verwendet. Träumen dabei nachhaltigkeitsorientierte Akteure von klima- und umweltschonenden Systemen, so dämmert vielen bereits, dass es um nichts anderes geht, als Nutzerinnen und Nutzer in sozio-technische Ökosystemen zu integrieren und darin zu halten. Sie haben weniger eine nachhaltige Gestaltung der Mobilität im Sinn, als dauerhaft Konsumenten zu schröpfen – finanziell und datenmäßig.

Zudem gibt es die positiven Effekte neuer, digital basierter Mobilitätdienstleistungen bisher nur in der Theorie. In der Wirklichkeit bleiben diese Systeme die unterstellten nachhaltigen Effekte vorerst noch schuldig. Das liegt aber nicht per se an ihrer technologischen und ökonomischen Gestaltung. Die Herausforderung an die gestressten Mobilitätssysteme liegt darin, das tradierte Verkehrssystem, das auf dem individuellen Besitz von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor beruht, intelligent mit neuen Mobilitätsdienstleistungen zu koppeln.

Die Intelligenz bestünde in einer adäquaten Passung der Mobilitätsbedürfnisse der Bewohner von Städten mit neuen und vor allem integrierten Angeboten. Diese müssen reguliert werden, da sie sonst die gewünschten verkehrlichen Effekte nicht erzielen und ökonomisch unrentabel sind.

Angebote dürfen keine Nutzer diskriminieren

Nicht zu vergessen sind in dieser Diskussion die Kriterien der Fairness, Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Die neuen Angebote müssen für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglich sein. Sie dürfen keine Nutzergruppe diskriminieren. Neben Fragen der Datensicherheit und des Datenschutzes muss gesichert werden – und das ist eine klare Aufgabe der Politik –, dass Mobilität für alle und flächendeckend zugänglich bleibt. Die Erkenntnisse zu den aktuellen Nutzergruppen der neuen Sharing-Dienste verweisen zunächst auf eine Klientel, die durch Bildung, Beruf und soziale Stellung privilegiert ist.

Erschwerend kommt die verengte Betrachtungsweise ausschließlich auf Städte hinzu. Der ländliche Raum und die Zonen zwischen den Städten haben mit die größten Bedarfe an innovativen Mobilitätsangeboten. Die Pendlerströme, die Anbindung entlegener Orte und die Sicherstellung von Berufs-, Ausbildungs- und Versorgungsverkehren sind zentrale Herausforderungen. Nur wird sich dorthin kaum ein kommerziell orientierter Anbieter begeben, da es sich für ihn wirtschaftlich nicht lohnt.

Umso wichtiger sind die zahlreichen Experimente von Kommunen und öffentlichen Verkehrsbetrieben mit neuen Angeboten wie etwa flexiblen On-Demand-Bus-Systemen. Sie machen Mut und sollten größere Aufmerksamkeit genießen.

Über neue Kooperationsformen nachdenken

Wenn Sharing-Angebote durch die öffentliche Hand gesteuert und kontrolliert werden (Fahrpläne, Barrierefreiheit, Erreichbarkeit, Ticketeinnahmen) und wirklich Lücken in der Versorgung schließen, dann kann und sollte auch über neue Kooperationsformen in der Erbringung dieser Leistungen nachgedacht werden, so die öffentlichen Verkehrsbetriebe die Dienste nicht selber anbieten können. Vielfach könnten sie das aber.

Und wie könnte nun die Mobilität der Zukunft in unseren digitalen Städten aussehen? Eindeutige Prognosen oder Beschreibungen wären hier fehl am Platz. Die Signale aus anderen europäischen Ländern und Städten sind jedoch klar: dem privaten Pkw wird künftig in der Stadt weniger Raum zukommen. Das liegt einerseits an den verkehrspolitischen Weichenstellungen (autofreie Innenstädte, Verbrenner-Verbote), an neuen Mobilitätsdiensten, die das eigene Auto unnötig machen, und hoffentlich an einem Mentalitäts- oder gar Kulturwandel.

Die Zukunft muss verhandelt werden

Das Wie ist aber auch abhängig von den Verhandlungen, den Auseinandersetzungen und Konflikten über die zukünftige Mobilität. Es handelt sich dabei eindeutig um politische Auseinandersetzungen. Sie betreffen nicht nur die Politik in der Manifestation eines Verkehrsministeriums, sondern den bürgerschaftlichen Diskurs über die Lebensqualität und Kultur des Miteinanders, in der diese und nachfolgende Generationen leben wollen.

Dabei wird und muss der öffentliche Raum neu definiert und verhandelt werden. Das kann nur zugunsten der Bürger, des Umweltschutzes und einer erhöhten Aufenthaltsqualität geschehen, die von der Mobilität maßgeblich beeinflusst werden. Die Zukunft der Mobilität in Städten und im ländlichen Raum ist eine offene Angelegenheit und gleichsam eine Einladung an alle, sich an den Neuverhandlungen zu beteiligen

Ingo Kollosche zählt zu den Rednern des digitalen Salons Faster, harder, E-Scooter am Alexander von Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin, der heute um 19 Uhr beginnt. Weitere Redner sind Johanna Reinhardt, Business-Development-Managerin bei CleverShuttle, und Chris Büttner, Senior Project Manager Autonomous Mobility bei Ioki

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