Standpunkt Innovation nicht um jeden Preis

Die Corona-Pandemie entwertet Geschäftsmodelle der Vor-Krisenzeit. Cross-Border-Leasing oder auch E-Scooter-Sharing belasten die Kommunen. Die Zeit der Geschäftsmodellinnovationen für eine echte Verkehrswende ist gekommen, meint Florian Lüdeke-Freund, Professor für unternehmerische Nachhaltigkeit an der ESCP Business School Berlin.

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Schon jetzt steht die Frage im Raum: Welche Form der Mobilität können und wollen wir uns in Zukunft leisten? Schon jetzt benötigen die Deutsche Bahn und die Lufthansa Milliardenhilfen. Schon jetzt hat sich die Autoindustrie für eine zweite Abwrackprämie in Stellung gebracht. Und schon wieder liegt das Augenmerk auf den großen Spielern und den für die Deutschen so wichtigen Autos. 

Aber was ist mit den Kommunen, die über den ÖPNV die alltägliche Mobilität vor Ort ermöglichen, was mit umweltfreundlichen und sozial verträglichen Angeboten? Hierfür sind neben Fördermitteln auch neue Geschäftsmodelle erforderlich. Angesichts chronisch leerer Kassen und historisch hoher Steuerausfälle besteht jedoch die Gefahr, dass scheinbar attraktive Lösungen auf den Tisch kommen, die am Ende mehr Schaden als Nutzen bringen. Geschäftsmodelle, die lokal und nachhaltig entwickelt werden, sind die Alternative.

Undurchsichtige Geschäftsmodelle vermeiden

Blickt man zurück, findet man lehrreiche Beispiele für fehlgeleitete Geschäftsmodellinnovationen. Deutschlandweit hatten sich kommunale Entscheider auf das sogenannte Cross-Border-Leasing eingelassen. Vermögensgegenstände wie Straßenbahnen wurden an US-Investoren für ein Jahrhundert vermietet, um sofort wieder zurückgemietet zu werden. 

Steuerersparnisse aufseiten der Investoren ermöglichten Einmalzahlungen in Millionenhöhe an die Kommunen. Kurzfristig war das attraktiv. Langfristig mussten jedoch kostspielige Verträge über die Instandhaltung und finanzielle Absicherung eingehalten werden. Die langen Laufzeiten, die Pflicht zum Aufrechterhalten der Infrastruktur selbst bei sinkender Nachfrage sowie steigende Fahrpreise führten zu Kritik und Widerstand. 

Der Cross-Border-Leasing-Boom scheint beendet, die steuerlichen Motive für dieses Geschäftsmodell sind entfallen. Doch angesichts der Corona-bedingten Verluste sowie der Kosten für die notwendige nachhaltige Verkehrswende auf Basis von ÖPNV, Individualverkehr und Sharing-Modellen könnte so mancher versucht sein, sich auf vermeintlich clevere Deals einzulassen. Die Haltung dazu muss klar sein: Innovative Geschäftsmodelle ja – aber nicht um jeden (Fahr-)Preis.

Sinn und Unsinn hipper Geschäftsmodelle 

Mittlerweile sind wir digital unterwegs. Die hohe Skalierbarkeit der Geschäftsmodelle von Uber und anderen sowie entsprechende Umsätze und (irgendwann einmal) Gewinne haben ungezählte Nachahmer motiviert. Das Prinzip sind mehrseitige Plattformen: Je mehr Nutzer auf der einen Seite, desto attraktiver ist die Plattform für Anbieter auf der anderen Seite. Im Hintergrund sammeln und vermarkten Dritte die Nutzerdaten. Ein Modell mit Licht- und Schattenseiten. 

Der letzte für alle er- und mitfahrbare Geniestreich sind E-Scooter. Auch hier: private Nutzer, die hip sein wollen, auf der einen Seite, E-Scooter-Sammler, die die Roller nachts zuhause aufladen, andererseits. Unabhängig von der zumindest fragwürdigen Idee, Erwachsene zur Nutzung motorisierter Kinderfahrzeuge zu motivieren, ist vor allem eine Frage entscheidend: Bietet dieses Geschäftsmodell eine umweltfreundliche Alternative?

Forscher aus den USA haben dies untersucht, das Ergebnis ist eindeutig: Ein E-Scooter verursacht rund 35 Prozent mehr Emissionen (CO2-Äquivalente) pro Personenmeile als er durch den Ersatz anderer Mobilitätsformen vermeidet. Material, Einsammeln und Verteilen der Fahrzeuge sind die Treiber. 

Statt sich über den Grünanteil im Ladestrom zu streiten (ein beliebtes Totschlagargument), muss besser verstanden werden, wer die Scooter wann und wie nutzt. Zudem müssen „E-Scooter made in Germany“ und smarte E-Scooter-Ladekonzepte in den Blick genommen werden, um nachhaltige Sharing-Modelle zu entwickeln. Das bisherige Konzept, Innenstädte flächendeckend damit zuzustellen, ist nicht wirklich sinnvoll.

Nachhaltige und innovative Geschäftsmodelle

Es muss also im Gefolge der Coronakrise darum gehen, kommunalen Entscheidern bei der Entwicklung sinnvoller Geschäftsmodelle zu helfen. Der Weg dorthin heißt nachhaltige Geschäftsmodellinnovation. Einbezogen werden müssen möglichst alle Stakeholder, also Interessengruppen, und deren Werteorientierungen

Manchmal sind es vermeintlich triviale Fragen, die zu unerwarteten Lösungen führen: Wie kommt mein Kind sicher zur Schule? Wie kann ich mir trotz kleiner Rente die U-Bahn leisten? Wie kann ich meinen CO2-Fußabdruck reduzieren? Regional und lokal, vielleicht sogar auf Ortsteil- oder Quartiersebene, sollte offener und mutiger – und mit Verstand – experimentiert werden. 

Die Instrumente für nachhaltige Geschäftsmodellinnovationen sind verfügbar und erprobt. Einige „Bioenergiedörfer“ haben gezeigt, dass die lokale Energiewende durch neue Unternehmen und Geschäftsmodelle gelingen kann. Die Politik sollte die Bedeutung von lokal und nachhaltig gestalteten „Verkehrswendekommunen“ erkennen und mittels vielfältiger Geschäftsmodelle dabei unterstützen, sie umzusetzen.

Der Autor ist Akademischer Leiter des Masters in Sustainability Entrepreneurship and Innovation und Gründer des Forschungsblogs www.SustainableBusinessModel.org

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