Standpunkt Mehr Tempo und Pioniergeist

Der Masterplan des Zukunftsbündnis Schiene, der heute in Berlin vorgestellt wird, soll der Startschuss sein für eine neue Ära der Schienenmobilität. Für die Umsetzung, so fordert Bahnindustrie-Präsident Michael Fohrer, wird zweierlei gebraucht: doppelte Geschwindigkeit und doppelte Innovationskraft.

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Auf dem Weg ins digitale Zeitalter braucht Deutschland dringend mehr Tempo. Das gilt auch für die Schiene. Denn wer zu halbherzig und langsam agiert, setzt seine Rolle als globaler Leitmarkt für digitale Mobilität aufs Spiel. Mehr Kapazität, mehr Innovation, fast 100 Prozent Pünktlichkeit, null Emissionen. Der Schlüssel? Die digitale Schiene 4.0.

Jetzt hat die Politik in Brüssel und Berlin den richtigen Kurs gesetzt: Klimaschutz und industrielle Spitzenleistung gehen Hand in Hand. Schon im Koalitionsvertrag 2018 verschreibt sich der Bund den Pariser Klimazielen. Abhilfe für den Klimasünder Verkehr soll vor allem ein höherer Marktanteil der Schiene bringen. Wie das gehen kann?

Die Blaupause dafür wird heute mit dem Masterplan des Zukunftsbündnis Schiene auf dem Schienengipfel in Berlin vorgestellt (Background berichtete). Es muss der Startschuss sein für eine neue Ära der Schienenmobilität. Für Innovationen aus europäischer Wertschöpfung, die den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken – und Menschen begeistern.

Deutschland zum Leitmarkt für nachhaltige Mobilität ausbauen und die Position der Bahnindustrie als Leitanbieter im globalen Wettbewerb stärken – mit diesen Zielen schlägt das Zukunftsbündnis in seinem Masterplan den absolut richtigen Weg ein. Doch um trotz Krise die Klimaziele im Verkehrssektor bis 2030 zu erreichen, müssen für die Umsetzung zwei Leitlinien gelten: Doppelte Geschwindigkeit und doppelte Innovationskraft.

Schneller und einfacher planen und umsetzen

Je rascher das European Train Control Systems (ETCS) und Digitale Stellwerke (DSTW) ausgerollt werden, desto eher wird Zugfahren extrem zuverlässig und europäisch grenzenlos. Die beschleunigte Digitalisierung und intelligente Vernetzung von Zügen ist Hebel für Konjunktur und Klimaschutz – und für Fahrgäste rasch erlebbar.

Unsere Nachbarn gehen mit klarer Mission voran. Dänemark wird sein gesamtes Eisenbahnnetz bis 2030 auf ETCS umrüsten, Österreich weite Teile schon bis 2023. In Deutschland stammt die Stellwerkstechnik teils noch aus Kaisers Zeiten, nur ein Prozent der Kernkorridore ist mit ETCS ausgestattet. Damit liegen wir deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Dabei setzen unsere Nachbarn maßgeblich auf Industriepartner aus Deutschland.

Glasfasernetze ausbauen, Stellwerke vollständig digitalisieren, ETCS ausrollen und Fahrzeuge dafür ertüchtigen – diese Grundlagen muss Deutschland jetzt schaffen. Rasch und bitte planerisch einfach umsetzbar. In einem Schnellläuferprogramm müssen im Vorfeld die dringendsten Investitionen für die Zugsteuerung von morgen ins Werk gesetzt werden: aufwärtskompatibel für die digitale Schiene.

Denn ohne Beschleunigungspaket ist der geplante ETCS Rollout ab 2023 unrealistisch. Die Startgeschwindigkeit muss anziehen, damit Deutschland im europäischen Schienennetz wettbewerbsfähig und interoperabel bleibt. Politik, Betreiber und Industrie, das spiegelt der Masterplan, wollen den Erfolg.

Intelligente Digitalisierung revolutioniert die Schiene um 360 Grad. Von datenbasierter Wartung über komplett vernetzte Produktionsabläufe bis zum automatisierten Fahren und hochmodernen Bahnhöfen: alles jetzt machbar. Klimaschutz duldet keinen Aufschub. Jetzt können das Konjunkturpaket und der Masterplan für Zukunftsinvestitionen ohne Warteschleife sorgen.

Auf die besten Lösungen bauen, nicht die billigsten

Schiene 4.0 und eine ambitionierte Dekarbonisierung des Verkehrs können nur gelingen, wenn wir auf die besten Lösungen bauen. Nicht auf die billigsten. Öffentliche Vergaben neu denken – das gehört deshalb zur Roadmap für neue Mobilität 2030. Ausschreibungen müssen Triebfeder der digitalen Evolution „Made in Europe“ werden, indem sie wesentlich stärkere Impulse geben für Innovation und europäische Wertschöpfung. Statt starrer Fixierung auf den Anschaffungspreis müssen Lebenszykluskosten, Preis-Leistungs-Verhältnis und Nachhaltigkeit Vergaben entscheiden.

Mit Recht heißt es deshalb im Masterplan Schiene, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie mit nachhaltigen Ausschreibungs- und Vergabekriterien zu gewährleisten ist, um die industriellen Wertschöpfungsketten in Deutschland und Europa zu sichern. Eine Gesetzesänderung ist dafür nicht nötig. Denn Kriterien für diesen Kulturwandel sehen das europäische und deutsche Vergaberecht schon vor. Was noch fehlt, ist die konsequente Implementierung.

Klimaschutz braucht emissionsarmen Verkehr und der eine starke Schiene. Mit dem heutigen Schienengipfel beginnt ein neues Zeitalter der smarten, klimaschonenden Mobilität, das nur mit Schiene 4.0 zur Erfolgsgeschichte werden kann. 

VDB-Präsident Michael Fohrer ist zugleich Vorsitzender der Geschäftsführung von Bombardier Transportation.

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