Standpunkt Mit Daten für Klimaschutz sorgen

Klima-Effekt ungewiss, Datenschutz gefährdet: Smart Mobility muss reguliert werden, um einen öffentlichen Nutzen zu haben, sagt Felix Creutzig, Professor an der TU Berlin. Er schreibt, wie das eigene Auto in Städten überflüssig werden könnte.

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Wie man in urbanen Ballungsräumen künftig von A nach B kommt, lässt sich inzwischen ganz gut in Berlin erahnen. Die Stadt ist ein Experimentierfeld für stationslose, über Smartphone-Apps koordinierte Sharing-Angebote: Neben digital bereitgestellten Autos zum selber fahren,  Gemeinschaftstaxis, Mopeds und Fahrrädern prägen jetzt auch E-Scooter das Straßenbild. Diese Verkehrsmittel versprechen eine neue, coole Mobilität – und auch  eine leise, platzsparende und klimafreundliche. Doch stimmt das überhaupt? 

E-Scooter & Co. werden jedenfalls begeistert angenommen, insbesondere bei den Jüngeren, Hipstern und Touristen. Digitale, gut designte Schnittstellen ermöglichen es, flexibel und in kurzer Zeit passende Angebote zu finden. Die Verkehrsmittel sind dabei frei kombinierbar, und lästige Dinge wie die tägliche Parkplatzsuche und die gelegentliche Fahrt zur Werkstatt fallen weg. Keine Frage: Die neuen Angebote verbessern die Mobilität der Metropolenbewohner.

Doch dem Klimaschutz bringt die smarte Mobilität wenig. Unsere eigene Forschung und die anderer Institute zeigen: Solche flexiblen Angebote ersetzen meist öffentlichen Nahverkehr oder generieren sogar zusätzliche Nachfrage – aber sie lösen nur in geringem Maße das Privatauto ab. Bei Ridesharing-Angeboten wie Uber  fallen obendrein Leerfahrten in einem Ausmaß an, das  den Klimaschutzeffekte vollends zunichtemacht. Hinzu kommt: Smart Mobility ist nur bei einer ausreichenden Dichte von Nutzern rentabel. Das Potenzial beschränkt sich auf die Innenstädte der großen Ballungsräume und damit in Deutschland auf nur fünf Prozent der Gesamtbevölkerung – solange sich die Anreizstruktur nicht verändert. 

„Daten-Oligarchen“ könnten den Markt beherrschen

Damit nicht genug: Die Digitalisierung der Mobilität birgt auch neue Gefahren. Mit der Nachfrage nach Sharing-Angeboten wächst auch das Volumen an personengebundenen Daten, die gesammelt und betriebswirtschaftlich genutzt werden. Das führt zwar zu wunderbaren Dienstleistungen, etwa der Echtzeit-Anzeige von Staus auf Google Maps. Doch die daraus resultierende Macht von Privatfirmen, zumal auf einem Markt mit Tendenz zur Monopolisierung, ist brisant. Stadtverwaltungen und andere Akteure des öffentlichen Sektors können die Daten oft nicht einmal käuflich erwerben, um den ÖPNV besser zu lenken. Statt demokratisch kontrollierter Institutionen könnten am Ende „Daten-Oligarchen“ die Hoheit über vielfältige personengebundene und ortsaufgelöste Daten haben: ein Potenzial für soziale Kontrolle und regulativer Macht. In China werden diese hochaufgelösten Daten, kombiniert mit allgegenwärtigen Videoanlagen, schon jetzt zur Überwachung der Bevölkerung eingesetzt. 

Klima-Effekt ungewiss, Persönlichkeitsrechte gefährdet: Es ergibt sich also ein starker Bedarf, Smart Mobility durch geeignete Regulierung zu einem Trend mit ausgeprägtem öffentlichen Nutzen zu machen. Drei Ziele müssen dabei gleichzeitig angestrebt werden: hoher Datenschutz, beste Mobilitätsdienstleistungen und ambitionierter Klimaschutz. 

Zuerst muss die Defensive stehen. Das bedeutet, dass Apps keine personengebundenen Daten weitergeben. Mit Blockchain-Technologien lässt sich etwa ein automatisiertes Ticketing ermöglichen, ohne dass personengebunden Informationen abgespeichert werden. Die App der Berliner Verkehrsbetriebe ist vorbildlich, da sie keine Tripmuster aufzeichnet. Integrierte Mobilitätsplattformen wie Jelbi, die die BVG neuerdings gemeinsam mit der Firma Trafi betreibt,  sind zentral, damit Smart Mobility auch dem Gemeinwohl dient. Im Prinzip geht das so: Mögliche Querschnittsdaten werden zuerst anonymisiert – dann werden daraus synthetische Daten mit den gleichen statistischen Eigenschaften, aber eben ohne Bezug zu einzelnen Menschen errechnet. Diese dienen schließlich der nachhaltigen Stadt- oder Transportplanung, und sie können dann auch privaten Anbietern gegen eine Gebühr zur Verfügung gestellt werden und so auch deren Mobilitätsangebote weiter verfeinern. 

Smart Mobility muss auf den Klimaschutz ausgerichtet sein

Zweitens muss die städtische Mobilität weiter verbessert werden. Damit Bike-Sharing und E-Scooter-Sharing noch attraktiver werden, sollten beispielsweise an allen Hauptstraßen beidseitig baulich abgetrennte Fahrrad- und Scooterwege installiert werden – so wie es in Berlin im geplanten Mobilitätsgesetz bereits vorgesehen ist. Öffentliche Parkplätze sollten verstärkt für die Nutzer von Carsharing-Angeboten reserviert werden. 

Drittens muss Smart Mobility entschlossen auf Klimaschutz und bessere Lebensqualität ausgerichtet werden. Modellstudien von Helsinki und Lissabon zeigen: Theoretisch könnte ein System von intelligent gesteuerten Sammeltaxis es ermöglichen, dass der Autobestand langfristig um 96 Prozent heruntergefahren wird! Im Ergebnis würden dann die CO2-Emissionen und die Zahl der Staus um etwa ein Drittel sinken – und die öffentlichen Parkplätze könnten fast komplett zu Flächen des öffentlichen Lebens oder auch zu Fahrradwegen umgewidmet werden.

Der Staat kann diesen Prozess mit Anreizen unterstützen. So kann er durch eine Verknappung und angemessene Bepreisung von Parkraum die Zahl der Privatautos beeinflussen. Und er kann spezielle Sammeltaxi-Konzepte unterstützen, etwa „Berlkönig“ in Berlin, das dafür im Ausgleich verstärkt die Vororte bedient und Pendler schnell und flexibel zu S- und U-Bahn bringt. Gerade im Vorortsbereich, wo der öffentliche Nahverkehr nicht der beste ist, könnte die Digitalisierung am Ende ihren größten Umweltnutzen ausspielen. 

Felix Creutzig ist Gruppenleiter am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), Professor für nachhaltige Stadtökonomie an der TU Berlin und Fellow des Israel Public Policy Institutes in Tel Aviv.

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