Standpunkt Taxidrohnen – Hype oder Innovationsschub?

Volocopter, Lilium oder A3: Für die einen sind sie ein Graus, für die anderen die Lösung urbaner Mobilitätsprobleme. Gereon Meyer von der VDI/VDE Innovation + Technik und die Ko-Autoren Jakob Michelmann und Stefan Wolf loten die Chancen deutscher Start-ups aus. Meyer ist einer der Redner auf der Konferenz „The Future of Transportation", die heute in Wien beginnt.

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Als das Start-up Volocopter im Sommer seine Taxidrohne mit 18 Rotoren über Stuttgart aufstiegen ließ, war das ein großes Spektakel: Viele Tausend Menschen verfolgten gebannt den ersten Flug mit eVTOL-Technik (electric vertical take-off and landing) über einer europäischen Stadt. Dabei wurden lange nicht alle Funktionen des beinahe lautlosen Fluggeräts vorgeführt: Die Kabine war leer und die Steuerung erfolgte nicht automatisch, sondern per Funk. 

Die Erwartungen der angereisten Zuschauer wurden aber bereits weit übertroffen, wie eine Studie der Stuttgarter Hochschule für Technik zeigt. Und schon wenige Wochen später sorgte Volocopter am Rande des Kongresses für intelligente Verkehrssysteme in Singapur mit einem bemannten Flug für Aufsehen. Das Ziel, in wenigen Jahren vollautomatisierte Flugtaxis zur Serienreife zu bringen, rückt damit in greifbare Nähe, nicht nur für Volocopter. Auch Lilium, ein Start-up aus der Nähe von München, und die zu Airbus gehörige Innovationsschmiede A3 treiben die Entwicklung von elektrischen Flugtaxis voran. 

Der Hype um die Passagierdrohne passt perfekt zur Diskussion über den bevorstehenden Wandel der städtischen Mobilität, verspricht die Nutzung der dritten Dimension doch einen Ausweg aus dem Verkehrsinfarkt, unter dem die Megastädte leiden, vor allem in Asien und Nordamerika. Man fühlt sich an den Science-Fiction-Klassiker „Das fünfte Element“ erinnert, in dem Bruce Willis im elegant durch Hochausschluchten schwebenden Flugtaxi New York City vor Außerirdischen verteidigt. 

Autoindustrie entdeckt die Taxidrohne

Und tatsächlich nutzt und vereint die eVTOL-Technik die Konzepte, die das Automobil revolutionieren sollen: Elektromobilität, Automatisierung und auf digitalen Plattformen basierende Dienstleistungen wie Ridesharing. Es verwundert daher nicht, dass die Automobilindustrie die Taxidrohne gerade als Zukunftsparadigma entdeckt. 

Was häufig vergessen wird: Die Verfügbarkeit faszinierender Technik allein garantiert noch keine Innovation. Genauso entscheidend sind die Lösung gesellschaftlicher Bedarfe, tragfähige Geschäftsmodelle, passende rechtliche Rahmenbedingungen und nicht zuletzt die Beachtung der Wünsche der Menschen, die damit umgehen werden. An der Stelle hapert es beim Flugtaxi noch gewaltig. Was manchen als die ultimative Erfüllung des Traums vom Fliegen erscheint, ist anderen ein Graus. Fragen der Sicherheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit liegen auf der Hand und müssen vor der Planung von Flugrouten und Landeplätzen beantwortet werden, gerade in der Stadt. Sonst droht der eVTOL-Technik das Aus, bevor die Serienreife überhaupt erreicht ist.

Das wäre schade, denn die Drohnentechnik stellt das dar, was man einen Innovation Sweetspot nennt, in dem die technische Machbarkeit und das gesellschaftlich Gewünschte und Nützliche synergetisch aufeinandertreffen: Fortschritte und Kosteneinsparungen bei Energiespeichern, Elektroantrieben und Steuerungselektronik ermöglichen es erstmals, dass der urbane Luftverkehr sicher, energieeffizient und erschwinglich wird. 

Anstelle von schwer handhabbaren, lauten und teuren Hubschraubern könnten Drohnen viel leichter dazu genutzt werden, Rettungsdienste schneller zum Einsatzort zu bringen, in abgelegenen Gegenden die Versorgung der Bevölkerung mit kritischen Gütern wie Medikamenten sicherzustellen, Brände oder Umweltschäden aus der Vogelperspektive zu analysieren und dann effizient zu bekämpfen oder Arbeiten in gefährlichen Höhen durchzuführen.

Start-ups aus Deutschland haben die Nase vorn 

Es kommt noch etwas Wichtiges hinzu: Bei den Entwicklungen im Bereich eVTOL haben Startups aus Deutschland und Europa mit pfiffigen Ideen die Nase vorn. Doch dieser Vorteil kann schnell dahin sein, etwa wenn Mitbewerber wie Ehang aus China aufgrund einfacherer Zulassungsverfahren schneller an Know-how hinzugewinnen oder IT-Unternehmen wie Uber aus den Vereinigten Staaten die Vermarktung übernehmen. Es ist daher ratsam, das hiesige Geschehen im Bereich der Drohnentechnik entlang des Innovationsprozesses durch eine übergreifende Strategie zu erfassen und zu gestalten. 

Dies könnte mittels einer Roadmap geschehen, die im gesellschaftlichen Dialog Potenziale und Hürden identifiziert, davon ausgehend Entwicklungsbedarfe aufzeigt, zum Beispiel bei Sensorik, Aktorik und intelligenter Entscheidungsfindung. Dabei könnten Anforderungen an den Betrieb und den Rechtsrahmen formuliert und Ideen für agile Formen der Erprobung, zum Beispiel in Pilotvorhaben und Reallaboren benannt werden. 

Entscheidend wird es sein, die eVTOL-Technik in den systemischen Kontext der urbanen Mobilität einzuordnen, alle relevanten Akteure am Dialog zu beteiligen und technische wie nicht-technische Handlungsbedarfe so aufeinander abzustimmen und zu planen, dass Innovationen gefördert und nicht behindert werden. 

Und, wer weiß, möglicherweise lässt sich der zunächst etwas umstritten erscheinenden Taxidrohne dann doch ein nicht unerheblicher gesellschaftlicher Mehrwert abgewinnen.

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